The Hateful 8

The Hateful Eight

★★★★★

  • Jahr: 2015
  • Regie: Quentin Tarantino
  • Darsteller: Samuel L. Jackson, Walton Goggins, Jennifer Jason Leigh, Kurt Russel, Tim Roth, Michael Madsen, Demián Bichir, Bruce Dern, James Parks, Channing Tatum...

Story

Kopfgeldjäger John Ruth, genannt John der Henker (Kurt Russell), liefert seine Opfer immer lebendig ab, um sie hängen zu sehen. So soll auch sein neuester Fang noch atmend in Red Rock ankommen: die brandgefährliche Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh). Ein Schneesturm zwingt ihn jedoch, mit ihr an sein Handgelenk gekettet die nächste Zeit in Minnies Miederwarenladen zu verbringen. Mit dabei sind seine Mitreisenden, der Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson), der angehende Sheriff von Red Rock Chris Mannix (Walton Goggins) und Kutscher O.B. (James Parks) sowie der Henker Oswaldo Mobray (Tim Roth), der Cowboy Joe Gage (Michael Madsen), der ehemalige Südstaaten-General Sandy Smithers (Bruce Dern) und der Mexikaner Bob (Demián Bichir), der laut eigener Aussage während Minnies Abwesenheit ihren Laden schmeißt. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass mindestens einer der anderen Gäste mit Domergue unter einer Decke steckt und versucht, sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Trotz entsprechender Vorsichtsmaßnahmen und obwohl der Major zwischenzeitlich den General erschießt, gelingt es diesem Unbekannten jedoch, sowohl John als auch O.B. durch einen vergifteten Kaffee umzubringen. Da Warren und Mannix daraufhin jedoch erkennen, dass zumindest sie beide nicht die Schuldigen sein können, fortan zusammenarbeiten und die restliche Truppe unter Generalverdacht stellen, muss sich schließlich auch der Kopf der Bande zu erkennen geben: Jordan „Jody“ Domergue (Channing Tatum), Daisys Bruder. Er hatte am Morgen zuvor mit Mobray, Gage und Bob Minnie (Dana Gourrier), Sweet Dave (Gene Jones) und alle anderen Bewohner und Gäste des Miederwarenladens erschossen, um hier in Ruhe auf John Ruth und seine Schwester zu warten. Und während der Rest der Truppe im Laden Stellung bezog, versteckte er sich in einem Kellerraum unter den Dielen. Kaum steckt er jedoch seinen Kopf aus der Luke, pustet Major Warren ihm selbigen auch schon weg. Jegliche Versuche von Domergue, Chris Mannix auf ihre Seite zu ziehen, scheitern auch, sodass dieser und Marquis Bob, Oswaldo und Joe erschießen und Daisy schließlich noch schnell hängen, bevor eine von ihr angekündigte 15 Mann starke Verstärkung eintreffen kann. Ob dies je geschieht und ob die beiden ihren starken Verletzungen ebenso noch erliegen werden, bleibt offen…

Worte zum Film

Ensemblefilm mit gutem, aber nicht herausragendem Ensemble; Zitate-Schneewestern mit überragender Optik; Kammerspiel mit theoretisch zu viel, praktisch aber stets unterhaltsamem Dialog; spannendes, blutiges, extravagantes, besonderes Erlebnis mit guter, eigener Musik

Bewertung

Zum Film:

Ich gebe es ganz ehrlich zu: Mit diesem Ergebnis hatte ich nicht gerechnet. Tatsächlich hatte ich es nach dem („nur noch“) ordentlichen „Jackie Brown“, dem wenigstens noch soliden „Kill Bill: Vol. 1“, dem schwachen „Kill Bill: Vol. 2“, dem erneut nur soliden „Death Proof“, dem trotz eines genialen Christoph Waltz erneut „nur“ ordentlichen „Inglourious Basterds“ sowie dem unausgegorenen „Django Unchained“ nicht mehr für möglich gehalten, dass Quentin Tarantino je wieder auch nur in die Nähe seiner beiden ebenso ungewöhnlichen wie großartigen ersten Regiearbeiten „Reservoir Dogs“ und „Pulp Fiction“ kommen würde. Und dann kam er 2015 mit „The Hateful Eight“ um die Ecke (der hierzulande dann ein wenig nach Weihnachten, im Januar 2016, in den Kinos lief). Und zu dem kann ich auch nach der Zweitansicht nur wieder sagen: Was für ein Brett von einem Western! Oder sagen wir besser einem Film, schließlich hat es Tarantino mit Konventionen nicht so besonders (auch wenn die Genrezugehörigkeit dieses Beitrags natürlich nicht diskutiert werden muss). Ein besonderes, kurioses, eigenwilliges, abgehobenes, in jeder Hinsicht heftiges Erlebnis, das von der ersten Minute an Spaß macht.

Oder sagen wir besser von der ersten Sekunde an, denn natürlich ist das Erste, was einem an „The Hateful 8“ (so der aus meiner Sicht unrund aussehende deutsche Titel, da uns unsere Verleiher offensichtlich nicht zutrauen eine englische Acht zu erkennen, wenn sie ausgeschrieben ist) auffällt, sein schier unfassbares Bildformat von 2,76:1. Gedreht mit diesen Uralt-Linsen, die davor für Jahrzehnte im Archiv lagen, auf 65 mm und projiziert auf 70 mm; na, ihr habt es ja sicher selber gelesen. Wow, dazu kann ich nur sagen: Das macht etwas mit einem. Das sieht so unfassbar gut aus! Gerade natürlich die Totalen, von denen es in diesem, sich schnell (also in Tarantino-Maßstäben gemessen jetzt) zu einem Kammerspiel entwickelnden Streifen aber leider nicht allzu viele zu bestaunen gibt. Keine Ahnung, warum erst ein Quentin Tarantino kommen musste, um die Leute von Panavision auf die Idee zu bringen, die mal wieder zu entstauben, aber die sollten bei einem Western nach Möglichkeit ehrlich gesagt standardmäßig eingesetzt werden (und ja, das ist augenzwinkernd gemeint; ich weiß, dass heutzutage im Prinzip niemand mehr auf echtem Film dreht). Überragend. Mal ganz davon abgesehen, dass Tarantino und sein Kameramann Robert Richardson hier ein Auge für Landschaften und Schauplätze (und selbstredend deren Inszenierung) beweisen, das sie gerade in „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“ zuvor vermissen ließen. Tatsächlich ist „The Hateful Eight“ (sieht runder aus, oder?) für mich des Zitate-Meisters bestaussehendstes Werk überhaupt geworden (welches auch durch „Once Upon A Time In… Hollywood“ von dieser Pole Position nicht verdrängt werden konnte).

Inhaltlich tritt Quentin Tarantino, der selbstverständlich auch hierzu wieder das Drehbuch verfasste, im Vergleich zu seinen früheren Arbeiten auf der Stelle und entwickelt sich dennoch weiter. Wie das funktionieren soll? Nun, auf der einen Seite kann man das eine Fazit meiner „Django Unchained“-Bewertung – wie man es erwarten durfte – eins zu eins auch auf „The Hateful 8“ übertragen: Wo Tarantino draufsteht, ist auch Tarantino drin. Und das bedeutet es wird alles zerredet, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Und in diesem Fall ehrlich gesagt auch das, was nicht bei eins und zwei bereits auf dem Baum saß. Schier endlos lässt der Stardialogautor seine Figuren über (von ihm beobachtete) menschliche Gewohnheiten, Chancen und Risiken, Justiz und Selbstjustiz oder Schwarz und Weiß (hier vorrangig am Beispiel des Amerikanischen Bürgerkrieges und seiner Folgen) und noch so manches andere mehr plaudern, debattieren oder streiten. Und das in der stets gleichen, ihm eigenen Art und dem stets gleichen Slang. Wer in die Nord-/Südstaaten-Inhalte also etwa erneut eine amerikanische Geschichts-Aufarbeitung oder gar Vergangenheitsbewältigung hineininterpretiert (diese Leute gibt es), dem ist aus meiner Sicht dann auch nicht mehr zu helfen. Da werden einfach nur billigste Plattitüden, Geschmacklosigkeiten und tarantino-typische Geschichtsverfälschung aneinandergereiht, um am Ende ein möglichst aussagekräftiges Schlussgespann präsentieren zu können. Alles reines Kalkül und vom Drehbuchchef persönlich darauf hingeschrieben. Und daher muss man diesbezüglich mal wieder festhalten: Gefallen kann einem das Ganze so nur, sofern Tarantino mit diesen Dialogen genau den eigenen Nerv trifft. Sonst dürfte es schwierig werden diesen fast drei Stunden noch irgendetwas abzugewinnen. Und das ist auch der Grund, warum mich diese offensichtlichen Ecken und Kanten an diesem Streifen überhaupt nicht stören: Tarantino trifft endlich mal wieder genau meinen Nerv. Ich finde besagte Dialog-Grabenkämpfe höchst unterhaltsam. Er ist lange nicht mehr so witzig wie früher, aber dafür lag stets ein Schmunzeln auf meinem Gesicht. Großartig!

Allerdings kann man das ja wie gesagt nicht als Entwicklung seiner selbst betrachten. Höchstens sehr erleichternd zu sehen, dass er doch noch in der Lage ist, einen komplett für diesen, seinen Stil zu begeistern. Den erwähnten Kammerspiel-Effekt sehe ich dagegen als einen solchen, weiterführenden Schritt an. Und er passt ja auch so gut zu eben besprochener Dialogform. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Tarantino diesen in „Inglourious Basterds“ in einigen Szenen bereits so oder so ähnlich anwandte, aber hier, wo sich eine Handvoll schräger Vögel inmitten eines Schneesturmes in einer Berghütte begegnet, treibt er ihn eindeutig auf die Spitze (und weckt damit selbstredend Assoziationen zum vom ihm vergötterten „Prega Il Morto E Ammazza Il Vivo“ (wobei, was heißt weckt Assoziationen? – stellenweise dreht er Giuseppe Varis Streifen schlicht und ergreifend nach)). Klar sind seine Werke alle irgendwo Ensemblefilme, aber keiner ist es so offensichtlich wie „The Hateful Eight“.

Und mal ganz abgesehen davon, dass er sich das ganz famos erdacht und aufgeschrieben hat (wenngleich er das Rad natürlich wie immer auf keinen Fall neu erfindet (und ob diese ständige, nicht selten unnachvollziehbare Kapiteleinteilung wirklich sein muss, sei auch mal dahingestellt)), setzt er diese Enge und die daraus resultierende Unsicherheit auch noch überragend in Szene. Das ist trotz der ständigen Dialoge jederzeit hochspannend, die Stimmung geradezu elektrisierend. Mal ganz abgesehen davon, dass das weiterhin alles erhaben aussieht. Und das führt sogar dazu, dass ich ihm ein paar andere Spielereien hier tatsächlich gar nicht übelnehmen kann. Trotzdem finde ich muss man in seinem Fall immer noch einmal betonen, wie unglaublich unnötig seine völlig übertriebenen Gewaltausbrüche sind. So nervt hier anfangs diese gewollte Gewalt gegenüber der Frau sehr, auch wenn einem natürlich klar ist, dass sie es mit Sicherheit verdient haben wird. Und es müsste einfach nicht ständig bei jeder Kugel sofort der ganze Kopf platzen oder das Blut meterweit spritzen. Zugegeben, stellenweise – und gerade in „The Hateful 8“ – hat das was, aber man sollte sich zusätzlich immer die Frage stellen, ob der Durchschnittszuschauer das auch richtig einordnen kann. Und ich will es mal so formulieren: Ja, so comicartig, wie Tarantino es seit jeher aufzieht, sollte eigentlich jeder denkende Mensch in der Lage sein, das Ganze richtig einordnen zu können. Allerdings sollte eigentlich auch jeder denkende Mensch die aktuelle Lage in Deutschland bzw. der Welt vernünftig einschätzen können und leider gehen die Meinungen diesbezüglich ja doch deutlich auseinander. Von daher kann man sich darauf leider nicht verlassen. Ich persönlich würde es daher immer anders machen und mir auch von ihm eine entsprechende Abmilderung wünschen. Bin diesbezüglich auf seinen angeblich letzten, noch ausstehenden Film (Stand: Januar 2022) schon sehr gespannt. Eine Vaterschaft hat schließlich schon so manche Sicht auf die Welt verändert. ;)

Neben dem Regisseur höchstselbst brillieren hier (wie erwähnt) Robert Richardson und (natürlich) Ennio Morricone. Zwar liefert Letzterer, wie es zu erwarten stand, hiermit nicht seine beste Arbeit ab, aber das Ganze ist immer noch wesentlich besser als mindestens 90 Prozent der sonstigen, seinerzeitigen „Hollywood-Untermalung“ es war (und hat – dementsprechend, aber selbstverständlich auch aus einem gewissen Schuldbewusstsein die Vergangenheit betreffend heraus – dann ja auch, wie es zu erwarten stand, für den Oscar gereicht). Und es ist einfach etwas ganz anderes, als das sonst bei Tarantino vorherrschende, supernervige selbst zusammengesuchte und schlecht druntergelegte Best Of seiner persönlichen Lieblingssoundtracks und -songs. Zwar konnte dieser es sich nicht verkneifen, wenigstens noch einen weiteren Song zusätzlich einzubauen, aber wenn’s weiter nichts ist. Ich fühlte mich damals im Kino diesbezüglich jedenfalls so, als wäre eine Art Gebet von mir endlich erhört worden.

Was noch sehr positiv ist: Dieser ganze filmgeschichtliche und popkulturelle Meta-Scheiß fällt hier quasi so gut wie weg. Bis auf ein paar (ebenso unnötige wie) obligatorische Selbstreferenzen wie Red Apple Tabak oder ähnliches muss der gute Quentin hier zwangsläufig darauf verzichten, will er keinen Zeitreisenden oder ähnliches einbauen (was er Gott sei Dank nicht wollte; dazu ist er sicherlich auch selbst ein zu großer Fan). Klar zitiert er sich wieder wie ein Weltmeister durch andere mehr oder weniger bekannte Vorgänger (ganz auffällig und kaum überraschend etwa Sergio Corbuccis „Il Grande Silenzio“), aber mehr kann er dieses Mal kaum tun und allein dagegen hatte ich noch nie etwas. Und daher geht’s hier dementsprechend auch um diese ganze (völlig normale) Neuzusammensetzung von bekannten Mustern als zusätzlich noch um diesen ganzen unterschwelligen Kram, der eh nur den Regisseur selbst interessiert, was mir wiederum sehr gut gefällt. Total cool zu sehen, dass er sich auch darauf beschränken kann und umso ärgerlicher, dass er dieses Meta-Spiel hiernach in „Once Upon A Time In… Hollywood“ wieder so übertrieben hat.

Was die Darsteller angeht: Ein Ensemblefilm lebt von seinem Ensemble, oder? Selbst diese logische Schlussfolgerung wackelt bei Tarantino. Klar ist „The Hateful Eight“ natürlich hochkarätig bestückt, auffällig ist aber, dass eine Riesenleistung (wie von Christoph Waltz in „Inglourious Basterds“) ausbleibt – ziemlich ungewöhnlich für einen Fünfer. Aber was ist bei Tarantino schon gewöhnlich? Auf der anderen Seite fällt auch fast keiner der Darsteller wirklich ab. Vielleicht ist es eher so, dass man auch in diesem Bereich mittlerweile der Meinung ist, das alles schon mal gesehen zu haben. So gibt Samuel L. Jackson den ewig gleichen „Nigga“ mit der Kanone (und wird selbstredend nie müde sich auch als solcher zu bezeichnen), den beispielsweise er selbst in „Pulp Fiction“ oder Jamie Foxx zuvor in „Django Unchained“ für den guten, alten Quentin bereits gemimt hatten. Oder wärmt Tim Roth in fast baugleicher Ausstaffierung Christoph Waltz‘ Charakter Dr. King Schultz aus „Django Unchained“ nur noch einmal auf. Kurt Russell machte in „Death Proof“ auch keinen großartig anderen Job (hier hat er nur „das Recht auf seiner Seite“) und Michael Madsen kann seinen Badguy mittlerweile auch aus dem Effeff runterbeten. Nicht falsch verstehen, das sieht alles gut aus, aber da ist wie gesagt keine Performance dabei, die mich umgehauen hätte. Dazu kommen leider Fremdkörper wie Channing Tatum oder Zoë Bell, die in ihrem offensichtlich nigelnagelneuen Fransendress vom Kostümverleih um die Ecke zusätzlich ziemlich affig aussieht, und mit Demián Bichir der einzige Totalausfall, der komplett aufgesetzt spielt. Keine Ahnung, was die an dem alle finden. Dafür ist Bruce Dern endlich mal einen Film lang sehr ertragbar. Und ich persönlich hätte gerne noch mehr von James Parks und dessen cooler Rolle O.B. gesehen.

Bei Jennifer Jason Leigh, die mit einem für eine solche Produktion erschreckend schwach gemalten blauen Auge herumläuft, weiß ich ehrlich gesagt nicht so richtig, wie ich ihre Performance für mich bewerten soll (sie ist schließlich super abstoßend, aber genau das soll sie ja auch sein, oder?) und so bleibt am Ende nur eine wirklich große Leistung über: jene von Walton Goggins. Bei genauerem Hinsehen verwundert dies aber keineswegs, denn auch seine Rolle scheint an eine bereits bestehende angelehnt zu sein. Nämlich an Goggins Figur Boyd Crowder aus „Justified“. Mag sein, dass mir das als Fan jetzt nur so vorkommt, aber man wird bei der Betrachtung von Tarantinos Oeuvre das Gefühl nicht los, dass auch er ein Bewunderer der Serie sein müsste (schließlich müsste sie auch in sein Beuteschema passen, möchte man meinen und wer käme – beispielsweise – sonst auf die Idee, Damon Herriman als Charles Manson zu besetzen?). Und in der Regel ehrt er seine Vorbilder ja, indem er Namen, Orte, Szenen oder eben Figuren aus ihnen übernimmt (ob das jetzt jeweils tatsächlich eine Ehre darstellt, muss der jeweilige Erschaffer dann für sich selbst entscheiden). Von daher ist Goggins hier von seinem Boyd Crowder gar nicht weit weg und macht das daher erneut hervorragend. Einziges Manko an dieser Stelle: Da man das als Fan dann natürlich unweigerlich miteinander vergleicht und dieser Boyd Crowder für mich weiterhin seine Paraderolle ist, kann selbst er einen hier nicht mehr so umhauen wie seinerzeit in der überragenden Serie.

Am Ende kumuliert das Ganze dann in einem Finale, in dem alles, was ich an Eigenarten dieses Streifens zuvor beschrieben habe, noch einmal mit dem Faktor drei multipliziert wird. Obwohl es dann natürlich endlich ans Eingemachte geht und das Blut und noch einiges andere mehr nur so spritzt, wird weiterhin fleißig diskutiert, was wirklich unglaublich grotesk ist. Und ja, unterm Strich sind diese letzten Minuten von „The Hateful 8“ dann vielleicht einen Tick zu lang geworden und auch das zwischenzeitliche „Slow-Motion-Gequatsche“ nervt, aber ich kann mich nur noch einmal wiederholen: Auch das ist alles extremst spannend und unterhaltsam. Dem kann ich mich einfach nicht entziehen.

Und das ist schließlich auch das Fazit des gesamten Streifens. Denn mir ist natürlich klar, dass sich dieser Text mitunter nicht wie eine Fünf-Sterne-Bewertung liest. Und tatsächlich fragte ich mich beim Schreiben zwischendurch selber, ob ich Quentin Tarantinos vielgepriesenes achtes Werk (sein neuntes nach meiner Zählung, aber lassen wir das) wirklich so gut finde, aber ich kann einfach nicht anders als mit einem riesigen Grinsen an selbiges zurückzudenken. Der Starregisseur hat bei „The Hateful Eight“ so viel von dem ausgemerzt, was ich an seinen Filmen seit „Pulp Fiction“ öfter mal zu bemängeln hatte, das ich seine unbestrittenen Stärken endlich wieder voll und ganz genießen konnte. Die Musik ist endlich kein Potpourri seiner Lieblings-OSTs mehr, sondern eine Einheit (und dazu noch von Ennio Morricone!), die Handlung läuft nicht meta-mäandernd von einem Zitat zum nächsten durch die Gegend, sondern in einem kleinen, abgesteckten Rahmen ganz klar auf ihren Höhepunkt zu und vor allem: seine Dialoge interessieren, packen und unterhalten mich endlich wieder – Halleluja! Da kann man des Zitier-Meisters großes Geschick für Timing und Inszenierung (in Ultra Panavision 70!) endlich mal wieder voll und ganz genießen. Und daher bin ich mit dem Rest auch völlig zufrieden und sehe gerne darüber hinweg, dass keiner der Darsteller wirklich überragt und mal wieder alles wild durch die Gegend spritzen muss. Dass ganz andere Leute aber noch ganz andere Kritikpunkte hatten und haben, an denen er in diesem Fall nicht geschraubt hat, sondern die er im Gegenteil vielleicht sogar noch ein wenig ausgebaut hat, steht aber selbstverständlich auf einem ganz anderen Blatt. Und daher kann natürlich im Prinzip alles, was ich hier als positiv ins Bild geführt habe, andersrum von anderen Rezipienten auch als das genaue Gegenteil empfunden werden. So wie etwa seine in diesem Fall wirklich ewig langen Schwatzereien. Wenn die nicht zufällig zu 100 Prozent euren Nerv treffen, dann müssen die einem ja zwangsläufig auf die Eier gehen (wie etwa der Großteil des Dialoges in „Django Unchained“ auch). Im Gegensatz zu allen anderen Western dieser Bewertungsstufe, die mir gerade einfallen wollen, kann ich euch – selbst als Fans – im Falle von „The Hateful 8“ also keine (Quasi-)Garantie für ein Gefallen geben und könnte sogar sehr gut verstehen, wenn der Film bei euch aufgrund dieser oder jener anderen Gewichtung durchfallen würde. Er bleibt eben ein echter Tarantino…

Zur BD:

Hierzulande wird „The Hateful Eight“ aktuell von Universum Film vertrieben. Das Bild und der Ton der BD sind entsprechend den heutigen Standards großartig und tatsächlich haben wir hier sogar gleich zwei Trailer dieses Streifens als Bonus mit drauf. Zusätzlich sorgen die Mini-„Dokumentationen“ „Beyond The 8: Ein Blick hinter die Kulissen“ und „Der Zauber von 70 mm“ für ein paar Einblicke in die Produktion. Sollte daher natürlich in keiner Sammlung fehlen. Allerdings finde ich es schade, dass man die Roadshow-Version (ohne 12minütige Pause versteht sich) nicht mit auf die Scheibe gepackt hat/packen durfte. Das wäre doch, nachdem ich diese im Kino natürlich nicht erleben konnte, mal eine sehr interessante Erlebnis-Erweiterung gewesen. Aber man kann wie immer wohl nicht alles haben…

Zitate

„Gnadenlose Typen abzuliefern ist ein guter Weg den Tod zu finden.“(Major Marquis Warren lässt Kopfgeldjäger-Kollege John Ruth an seinem Erfahrungsschatz teilhaben)

„Dafür, dass hier gleich n Schneesturm losgeht, sind aber ne Menge Leute unterwegs, meinst du nicht auch, Major?“ – „Na ja, ich allein bin schon die Hälfte von den Leuten, also ja, sind ziemlich viele unterwegs.“(Major Marquis Warren stellt gegenüber Kopfgeldjäger-Kollege John Ruth seine Mathekünste unter Beweis)

„Mir gegenüber im Nachteil zu sein, ist ein Vorteil, den ich dir gegenüber behalten will.“(John Ruth hat gegenüber Chris Mannix keine Geheimnisse)

„Tut mir leid, aber es fällt mir schwer zu glauben, ne Stadt würde meinen du wärst zu irgendwas nutze außer tot umzufallen.“(John Ruth schätzt Chris Mannix Arbeitsmarktchancen ein)

[auf die Frage, warum er seine Opfer immer lebendig abliefert] „Sagen wir, ich will den Henker nicht um seinen Lohn bringen.“(Kopfgeldjäger John Ruth ist ein Verfechter des Sozialstaats)

„Gerechtigkeit ohne Leidenschaftslosigkeit läuft immer Gefahr, keine Gerechtigkeit zu sein.“(Oswaldo Mobray erklärt uns in Tarantinos Worten die Welt)

„Du siehst gar nicht so aus wie der ,Ich komme Weihnachten nach Hause.‘-Typ…“(John Ruth bezweifelt Joe Gages Familientauglichkeit)

„Hat doch jeder eine Mutter.“ – „Is was dran.“(Major Marquis Warren kann sich noch keine Embryonen aus der Petrischale vorstellen)

„Ich weiß, ihr Amerikaner neigt nicht dazu, euch von einer Kleinigkeit wie einer bedingungslosen Kapitulation von einem knackigen Krieg abbringen zu lassen.“(Oswaldo Mobray erklärt uns mit Tarantinos Worten die us-amerikanische Gesinnung)

„Das ist das Problem bei alten Männern. Du kannst sie die Treppe runterstoßen und sagen, es war ein Unfall, aber du kannst sie nicht erschießen.“(John Ruth spricht dem Altenpfleger aus der Seele)

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