Seraphim Falls

Seraphim Falls

★★★ +++

  • Jahr: 2006
  • Regie: David Von Ancken
  • Darsteller: Pierce Brosnan, Liam Neeson, Michael Wincott, Ed Lauter, Xander Berkeley...

Story

Drei Jahre nach Ende des Bürgerkriegs macht Ex-Südstaaten-Offizier Carver (Liam Neeson) Jagd auf Ex-Nordstaaten-Offizier Gideon (Pierce Brosnan), weil er mit diesem noch eine Rechnung offen hat…

Worte zum Film

tolle Schauspieler, tolle Landschaften, tolle Bilder; großartige erste „Survival-Hälfte“, schwächere zweite „Auflösungs-Hälfte“, übertrieben aufgeblasenes Ende

Bewertung

„Seraphim Falls“ ist ein interessanter Film. Und das nicht nur aufgrund seiner Qualität, sondern auch, weil es bezüglich dieser ausnahmsweise mal einen recht breiten Konsens zu geben scheint. Zumindest lasen sich fast alle Kritiken, die ich mir gestern Abend noch nach dem Zufallsprinzip durchgelesen habe, so, dass David Von Anckens Langfilmdebüt (dem, wenn ich es richtig sehe, bis heute kein weiterer Streifen folgte) zwar ein gutes ist, mit zunehmender Spielzeit jedoch immer weiter abbaut und dann in einem Finale mündet, das man nicht unbedingt mögen muss, das den Gesamteindruck aber auch nicht nachhaltig schmälert. Und um es kurz zu machen: Genau so erging es mir gestern Abend auch.

Zu Beginn punktet der ebenfalls von Von Ancken sowie Abby Everett Jaques geschriebene Neo-Western mit der Tatsache, dass er keinerlei Vorgeschichte erzählt, sondern sofort loslegt und uns (und das sogar fast im Wortsinne) ins kalte Wasser schmeißt. Und das so gekonnt, dass man ein solches Vorgeplänkel auch keinesfalls vermisst. Ebenso gelingt es ihm hervorragend das Interesse an seiner Handlung aufrechtzuerhalten, indem er uns den Grund der Jagd des einen Protagonisten (Liam Neesons Carver) auf den anderen (Pierce Brosnans Gideon) konsequent vorenthält und die Spannung auf die Auflösung nicht abreißen lässt. Selbige ist dann leider ein wenig dick aufgetragen geraten (oder übertrieben oder unglaubwürdig, sucht euch was aus), (Spoiler) aber sie ermöglicht es Von Ancken recht gekonnt mit der klassischen Erwartungshaltung von Täter und Opfer, Gut und Böse zu spielen. Diese Zuordnung, die anfangs ob Brosnans Flucht ja recht klar zu sein scheint, hinterfragt man als Zuschauer mit zunehmender Dauer, soll und muss dies auch tun und wird eine klare Antwort darauf schlussendlich gar nicht finden. Aber genau um dieses Hinterfragen der klassischen Schuld-/Sühne-Konstellation geht es Von Ancken.

Um diese Frage im weiteren Verlauf seines Werks in den Mittelpunkt rücken zu können, muss er von seiner anfangs gewählten Survival-Thematik abweichen. Und das ist zum einen schade, weil diese erste Stunde definitiv der beste Teil dieses Streifens ist. Nicht nur, dass „Seraphim Falls“ hier stellenweise glatt wie eine Blaupause für die fast zehn Jahre später entstandene Referenz „The Revenant“ wirkt, sondern auch, weil es ungeheuer spannend und unterhaltsam ist, Gideon dabei zuzusehen, wie er aus jeder noch so brenzligen Situation wieder herauskommt. Zum anderen ist das schade, weil Von Ancken gegen Ende eindeutig übers Ziel hinausschießt. Dieses, das er nach dem gefühlten Schlussduell surreal und bedeutungsschwanger aufzieht, kann und will nicht endgültig erklärt bzw. verstanden werden und lässt so verschiedenste Interpretationsansätze zu. Meiner Meinung nach sogar jenen, dass es Gideon gar nicht (mehr) gibt und er und Carver eine Person sind… Und unabhängig davon, dass ich so etwas in einem bis dahin so rauen, ernsten bzw. ernst zu nehmenden Vertreter nicht erwartet und nicht gebraucht hätte, kann mich das selbst, wenn ich mich auf dieses Spiel einlasse, nicht befriedigen. Denn egal, ob sich die Sache mit Wes Studis seltsamem Indianer und vor allem Anjelica Hustons noch viel seltsamerer Händlerin nun (er)klären lässt oder nicht, wenigstens eine Auflösung des Wegs eines Protagonisten hätte ich mir gewünscht (gerade auch um meine o. g. Theorie zu überprüfen). So ist ja wirklich alles möglich. (Spoilerende) Und das ist einfach unbefriedigend und das sehe ausnahmsweise mal nicht nur ich so.

Technisch ist alles, wie es zu erwarten stand, im grünen Bereich. Von Anckens Inszenierung ist vielleicht nicht ganz so atmosphärisch wie die seiner ganz großen Kollegen und auch die gerade in der ersten Stunde so unglaublich überwältigenden Landschaften hätte Kamermann John Toll vielleicht noch ein wenig eindrucksvoller einfangen können, aber das ist jammern auf hohem Niveau. Das sieht alles gut aus und macht Spaß.

Ebenso stehen die Leistungen der Schauspieler hier nicht zur Diskussion. Liam Neeson ist als von Rache Getriebener mitunter regelrecht furchteinflößend und Pierce Brosnan ist schlicht überragend. Er schafft es, es bis zum Ende dem Zuschauer zu überlassen, wie er seine Figur einordnen und zu ihr stehen will. Von Empathie bis Abneigung ist theoretisch alles drin. Und mit unter anderem Ed Lauter und Xander Berkeley sowie einem tollen Michael Wincott im Supporting Cast brennt auch daneben nichts an.

Und so entscheidet die Entwicklung des zweitens Teils bzw. vor allem das unnötig aufgeblasene Ende von „Seraphim Falls“ wohl in so ziemlich jedem Fall über Zuschauergunst oder -missgunst. Ich wie gesagt kann damit leider auch nicht so viel anfangen, aber auch ich komme zu dem Schluss, dass es dem ansonsten stellenweise großartigen, zumindest aber immer guten Eindruck, den diese Pferdeoper hinterlässt, kaum einen Abbruch tut. Dafür ist gerade die sehr gute erste Hälfte einfach zu stark. Nur die vier Sterne, die hierfür sonst mindestens fällig gewesen wären, kann es dann nicht mehr geben. Trotzdem darf man gerade mit Blick auf den ersten Teil sagen: Wenn es mittlerweile so etwas wie ein Subgenre des „Survival-Western“ gibt und „The Revenant“ dann (natürlich) dessen eindeutige Speerspitze darstellt, dann ist „Seraphim Falls“ mindestens ein weiterer sehr ordentlicher Vertreter dieser Gattung und für Fans derselben also alle Male einen Blick wert.

★★★ +++

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