Nackte Gewalt

The Naked Spur

★★★★

  • Jahr: 1953
  • Regie: Anthony Mann
  • Darsteller: James Stewart, Robert Ryan, Janet Leigh, Ralph Meeker, Millard Mitchell...

Story

Kopfgeldjäger Howard Kemp (James Stewart) jagt den Outlaw Ben Vandergroat (Robert Ryan), um mit der ausgesetzten Prämie in Höhe von 5.000 Dollar seine Farm zu finanzieren. Da er sich bei der Festsetzung des Halunken aber von dem Goldsucher Jesse Tate (Millard Mitchell) sowie dem unehrenhaft aus der Armee entlassenen Roy Anderson (Ralph Meeker) helfen lässt, müsste er die Belohnung schon durch drei teilen. Vandergroat, dem klar ist, dass alle seine Bewacher das Geld lieber alleine einstreichen würden, nutzt das geschickt aus und hetzt sie gegeneinander auf. Und als wäre diese Konstellation nicht schon schwierig genug, muss die Truppe auch noch Bens Freundin Lina Patch (Janet Leigh) mitschleppen, auf die sowohl Kemp als auch Anderson sofort ein Auge werfen. Letztendlich fällt ihre Wahl auf Howard, aber als Vandergroat Jesse dazu überreden kann, für eine angebliche Goldader, von der der Spitzbube vorgibt zu wissen, seine Kumpanen im Stich und den Gesuchten wieder frei zu lassen, geht sie doch wieder mit diesem mit. Natürlich aber erschießt der Tate in einem günstigen Moment. Die zur Hilfe eilenden Howard und Roy will er auch erledigen, allerdings stört Lina im entscheidenden Moment. Zusammen erledigen Erstere dann den Banditen, aber bei dem Versuch seine Leiche aus einem Fluss zu fischen, stirbt auch Anderson. Also bleiben am Ende nur noch Howard und Lina übrig, die Ben begraben, um nach Kalifornien zu ziehen.

Worte zum Film

gute Darsteller, gute Regie, herrliche Landschaftsaufnahmen; sehr gute Ausgangsposition, die im Mittelteil stellenweise besser hätte genutzt werden können; Kammerspiel in freier Natur überzeugt trotz zeitgemäßem Ausgang

Bewertung

Anmerkung: Also damit hatte ich ja nun schon gar nicht mehr gerechnet. Da hab ich doch tatsächlich meinen alten Videorekorder wieder zum Laufen gebracht… Jahrelang stand das Ding nur in der Ecke rum und wurde nicht mehr benutzt. Und als ich neulich mein – ebenfalls bereits vor noch einigen Jährchen mehr erworbenes – VHS-Tape von „Per Pochi Dollari Ancora“ gucken wollte, funktionierte es plötzlich nicht mehr. Also nicht das Band, sondern das Gerät (jedenfalls habe ich das relativ fix durch das Ausprobieren ein paar anderer Kassetten herausbekommen können). Seinerzeit war ich zwar verärgert, tröstete mich allerdings damit, dass ich mir mittlerweile ja genug Western auf DVD bzw. sogar BD zugelegt habe und dementsprechend nicht mehr auf meine alten TV-Aufzeichnungen angewiesen bin. Aber denkste, Puppe! Denn erstens kommt es anders… Als sich dann nämlich ein paar Wochen später über die Diskussionsseite dieses Lexikons die Western von Anthony Mann mit James Stewart in der Hauptrolle gewünscht wurden, war mir klar: Entweder, du kriegst den alten Kasten nochmal zum Laufen oder du kannst die fünf Streifen nicht vollständig abliefern. Zumindest nicht ohne zum dritten der fünf Filme irgendeine völlig überteuerte alte Warner-Scheibe zu kaufen, die mittlerweile offensichtlich nicht mehr gepresst wird. An dieser Stelle packte mich der Ehrgeiz. „Kann ja wohl nicht so schwer sein das alte Teil wieder flottzukriegen.“, dachte ich mir und hatte den Fehler schnell ausgemacht. Schließlich kann so einer in aller Regel ja nicht einfach so aus dem Nichts kommen. Und tatsächlich: Mein Player war über die Jahre einfach nur „eingestaubt“, sprich die wichtigen Teile verschmutzt. Und obwohl einem bei so einem „hochempfindlichen Gerät“ ja immer empfohlen wird, bloß nicht selbst beizugehen, finden sich im Internet diesbezüglich ja genug Hilfestellungen zur Reinigung. Nach entsprechender Lektüre fühlte ich mich also gewappnet, das auch zu schaffen, besorgte mir die notwendigen Utensilien und machte mich ans Werk (ein weiteres Hoch auf das World Wide Web übrigens an dieser Stelle, denn Isopropanol lässt sich in Corona-Zeiten sonst ja auch nicht mehr so einfach organisieren wie früher – musste so zwar ne ganze Woche länger warten, bis ich endlich loslegen konnte, aber was soll’s?). Und um es kurz zu machen: Ich musst zwar mehrfach ansetzen, da sich über die Jahre offensichtlich doch sehr viel Schmutz abgelagert hatte, aber nun läuft der Kasten wieder! Ok, gut, leider immer noch mit der Einschränkung, dass ich gefühlt ein Dutzend Mal probieren muss, bis das Bild endlich flimmerfrei steht, aber ab und an klappt es – und wenn ich dann den Streifen einfach fix in einem Rutsch durchgucke, soll mir das ja auch ausreichen, dachte ich. Gesagt, getan und so kann ich euch meine Meinung zur dritten Western-Kollaboration der beiden Genre-Ikonen Mann und Stewart, „The Naked Spur“, nun doch zum richtigen Zeitpunkt präsentieren. Allerdings gilt in diesem Ausnahme-Fall bzgl. der Zitate dann natürlich, dass ich diese, während der Streifen weiterlief, so schnell wie möglich so aufgeschrieben habe, wie ich sie von einem Mal hören noch im Ohr hatte und dass mir dabei dann mit Sicherheit auch mal ein Fehler unterlaufen sein dürfte, sollte klar sein. Diese werde ich also dann korrigieren, wenn ich hoffentlich irgendwann mal die Möglichkeit haben sollte, eine andere, neu aufgelegte DVD oder sogar BD zu diesem Werk erstehen zu können. Bis dahin bitte ich um entsprechende Nachsicht. Ich bin jedenfalls heilfroh, überhaupt noch einmal in den Genuss meiner vor etlichen Jahren aufgezeichneten ARD-Ausstrahlung gekommen zu sein.

Zum Film:

Betrachtet man die Zusammenarbeit von Anthony Mann und James Stewart einfach mal bis zum Ende des Jahres 1953 (also exakt nach der Hälfte der acht Filme, die sie zusammen gedreht haben), lässt sich da schon so etwas wie ein „Muster“ erkennen. Denn während sowohl ihr zweiter Western „Bend Of The River“ als auch der auf „Nackte Gewalt“ folgende „Thunder Bay“ nur ziemliche Durchschnittskost sind, werden sowohl „Winchester ’73“ als auch „The Naked Spur“ völlig zu Recht als Klassiker eingestuft. Heißt übersetzt also: jeder zweite Schuss ein Treffer (respektive jeder erste von zwei Schüssen selbstverständlich). Oder anders ausgedrückt: Mann, der ja nun wirklich kein schlechter Regisseur war, lag mit seiner Scriptwahl (sofern er diese denn hatte) nur jedes zweite Mal daneben. Oder eben der Produzent, der ihn als Spielleiter haben wollte oder, oder… Jedenfalls kann es vor dem Hintergrund dieser höchst aussagekräftigen Statistik ja gar nicht mehr groß verwundern, dass der hier vorliegende „Nackte Gewalt“ nach dem mediokren Zwischenspiel „am Schlangenfluss“ wieder so viel mehr überzeugen kann. Denn dieser ist – und das in diesem Fall eben nicht nur von der handwerklichen Seite aus betrachtet – einfach etwas Besonderes.

Ja, tatsächlich möchte man ihn viel eher als Kirk Douglas‘ „Posse“ mit dessen damaliger Tagline überschreiben: „,The Naked Spur‘ begins like most westerns. It ends like none of them.“. Dieser Streifen hätte es wenigstens verdient, dass man seine unorthodoxe Geschichte auf diese Art und Weise in den Mittelpunkt rückt. Denn genau so ist es. (Spoiler) Nach einer Turbo-Exposition, in der sich James Stewarts Howard Kemp und Millard Mitchells Jesse Tate in gefühlt unter zwei Minuten zusammenschließen, um den steckbrieflich gesuchten Robert Ryan alias Ben Vandergroat (sehr cooler Rollenname übrigens) ausfindig zu machen, schließt sich diesen beiden noch mindestens ebenso fix Ralph Meekers Roy Anderson an und gemeinsam nehmen sie den Ganoven samt seiner, uns hier von Janet Leigh gegebenen, Freundin Lina Patch fest. Das dürfte keine Viertelstunde dauern, würde ich sagen. Und wo andere Pferdeopern nun bereits am Ende ihrer Geschichte angelangt wären, beginnt die „Nackte Gewalt“ erst richtig. Ähnlich wie in Manns Westerndebüt „Winchester ’73“ sorgt ein neuer Blickwinkel auf altbekannte Genrekonventionen für höchst angenehme Abwechslung sowie schlagartig vorhandenes Interesse beim Zuschauer. Denn durch die hochspannende Figurenkonstellation des Kopfgeldjägers (Stewart), der seinen zu erwartenden Gewinn in Höhe von 5.000 Dollar eigentlich nicht mit einem Goldsucher (Mitchell) oder gar einem unehrenhaft aus der Armee entlassenen Ex-Soldaten (Meeker) teilen, den hinterlistigen Banditen (Ryan) diesen Umstand aber nicht ausnutzen lassen möchte und sich obendrein noch für dessen Mädchen (Leigh) interessiert, ist Unterhaltung hier vorprogrammiert. Und das Interessanteste daran: Mehr als die eben noch einmal genannten Figuren treten im gesamten Film auch nicht auf. Gut, ein paar Indianer, die hinter Anderson her sind, tauchen zwischendurch einmal kurz auf und werden allesamt erschossen, bleiben aber, wie zuletzt bereits in „Bend Of The River“, völlig gesichtslos und können daher nicht gezählt werden (dass die amerikanischen Ureinwohner in Manns Western – zumindest bis hierhin – generell maximal besseres Kanonenfutter waren, haben wir mittlerweile ja begriffen). So könnte man dieses Werk also als ein Kammerspiel in freier Natur bezeichnen – und damit – gerade vor dem Hintergrund, dass, wie ich neulich ja schon einmal betonte, mir die deutsche Entsprechung Psycho-Western immer am besten gefallen hat – als einen Adult-Western par excellence. Denn eine Pferdeoper mit entsprechender Grundausrichtung oder wenigstens entsprechenden Zwischentönen zu schreiben, konnten einige, aber das moralische Dilemma, in dem sich der Held solcher Geschichten in aller Regel befindet, so zuzuspitzen und den handelnden Personenkreis wirklich in der Art auf die notwendigsten Figuren (und dann auch noch so coole) runterzubrechen, wie es die Drehbuchautoren Sam Rolfe und Harold Jack Bloom hier gemacht haben, nur die allerwenigsten. So auf die Schnelle fällt mir da jetzt jedenfalls mal wieder kein vergleichbarer Vertreter ein.

Daher sind die – ich schätze jetzt einfach mal – ersten so ca. 30 Minuten von „The Naked Spur“ auch einsame Spitze und hätten ihm bei konsequenter Beibehaltung des Niveaus auf jeden Fall sogar noch einen Stern mehr eingebracht. Allerdings ist er leider einer dieser diesbezüglich höchst ungünstig verlaufenden Filme, die „falsch herum“ aufgebaut sind. „Falsch herum“ in der Art, dass sie gut bis sehr gut beginnen, dann im Mittelteil aber so stark nachlassen, dass das Ende – ziemlich egal ob nun gelungen oder sogar schlecht – das gar nicht mehr wirklich wieder herausreißen kann. Konkret bedeutet das in diesem Fall: So ungewöhnlich Rolfe und Bloom „Nackte Gewalt“ beginnen lassen, so  schnell verfallen sie im weiteren Verlauf in für diese Zeit nur allzu typische Story-Entwicklungen. Diese lassen die Mitte zwar nicht komplett wegbrechen, aber nach diesem großartigen Start fand ich es schon ziemlich schade, dass beispielsweise Vandergroat erstens seinen nur allzu naheliegenden Plan vor seiner Gefährtin tatsächlich nochmal erläutern muss (das würde man heute nicht mehr machen, weil es offensichtlich ist, zumal Ben ihr das – ebenfalls gang und gäbe in den 1950ern – mal wieder in einer Lautstärke darlegt… – als ob die drei Bewacher keine Ohren hätten) und dass dieser zweitens trotz seiner Offensichtlichkeit gelingen darf. Denn so offensiv wie der Halunke diesen verfolgt, denkt man die ganze Zeit über nur „Also wenn die dieses Spiel von ihm nicht durchschauen, ist denen auch nicht mehr zu helfen.“. Und tatsächlich ist es nun nicht so, dass die drei Banditenfänger blindlings in jede ihnen – mitunter auch sich gegenseitig – gestellte Falle reinlaufen, aber erstaunlich viele von Vandergroats Vorhaben gelingen auch. Die zwei ärgerlichsten davon: dass die beiden „jüngeren“ seiner Häscher sofort seinen weiblichen Köder schlucken (obwohl Lina an ihrer Loyalität zu Ben nie berechtigte Zweifel aufkommen lässt) und selbstredend, dass Jesse sich schlussendlich doch dazu überreden lässt, aufgrund irgendeiner angeblichen Goldader, von der der Schuft angeblich weiß, seine Partner zu verraten. Das ist so lächerlich dämlich, dass er selbst sein Ende mit den Worten „Es musste ja so kommen. Ich bin ja selber Schuld.“ quittiert (oder so ähnlich, hab nicht mitgeschrieben). Tja, das war ja nun wirklich sonnenklar… Allerdings kann der Pechvogel selbst da gar nicht so viel dafür. Denn er stirbt hier, wenn ich das richtig sehe, vor allem aus dramaturgischen Gründen. Tate „muss“ an dieser Stelle den Verräter geben, damit „The Naked Spur“ so dramatisch enden kann, wie er endet – sonst verhalten sich die drei Zufallsgefährten am Ende doch noch logisch, sagen sich ob ihrer eigentlich gar nicht ganz verkehrten Charaktere (das hier ist schließlich kein Italowestern; Howard wird am Ende geläutert, Jesse ist eigentlich ein total lieber Zeitgenosse, der Kemp zwischenzeitlich bereits seine Treue schwört (was seine Aktion nicht glaubwürdiger macht) und Roy ist trotz seines zwar cleveren, aber natürlich absolut egoistischen Verhaltens beim Auftauchen der Indianer in den entscheidenden Momenten auch kein Arschloch), dass man jetzt erst recht zusammenhalten sollte, tun das tatsächlich und bringen Vandergroat gar ans Ziel der Reise… Im Endeffekt ist es ja auch ein guter, schockierender, in dieser Form zumindest von mir nicht ganz erwarteter Moment, wenn der Ganove den alten Digger eine Szene später dann doch tatsächlich einfach so niederschießt, aber plausibel macht das das Verhalten von Letzterem nun mal auf keinen Fall.

Dass sich Lina kurz vorher dann unglaublicherweise doch noch in Howard verliebt, fällt in dieselbe Kategorie. Allerdings dient auch das einem höheren Zweck. Wie gesagt waren die italienischen Pferdeopern und deren nihilistische Weltanschauungen noch mehr als 10 Jahre entfernt und so muss der Held am Ende dieser Geschichte doch noch errettet werden. Denn es ist tatsächlich nicht so, wie ich es mir anfangs dachte. Ich war mir nämlich ob genug anderer konsumierter US-Western, in denen es ähnlich verläuft, den ganzen Film über sicher, dass es diesem Howard Kemp eigentlich gar nicht um die Belohnung geht. Ich mein, klar, in irgendeiner Form natürlich schon, denn er will das Geld für den Wiederankauf seiner Farm haben, die er vor dem Bürgerkrieg in bester Absicht seiner Verlobten überschrieb, die ihn jedoch hinterging, den Besitz verkaufte und mit einem anderen durchbrannte. Trotzdem ging ich davon aus, dass es da noch mehr zwischen den beiden Hauptfiguren gibt, das ihn Vandergroat so hassen lässt – und irgendwoher müssen die beiden sich ja schließlich überhaupt kennen. Am Ende jedoch muss man dann erstaunt feststellen, dass dem nicht so ist. Es scheint nichts dergleichen zu geben und Howard ist offensichtlich schlicht deswegen so verbittert, weil ihm das Schicksal so übel mitgespielt hat. Da er mit dieser Einstellung im Jahr 1953 aber natürlich keinen Mainstream-Streifen verlassen kann, muss er eine Läuterung erfahren. Und was lässt einen Mann wieder positiv in die Zukunft blicken und ihn darüberhinaus wieder der werden, der er mal war, wenn nicht eine schöne (wobei das bei Janet Leigh Ansichtssache ist) sowie ihn liebende Frau? Daher brauchte man damals offensichtlich auch diese Wendung, um die Kuh wieder vom Eis zu holen, aber deswegen muss man heutzutage ja nicht unbedingt in die Luft springen.

Die große Stärke von „Nackte Gewalt“ gegenüber ähnlich gelagerten Filmen wie etwa dem „Vorgänger“ „Meuterei am Schlangenfluss“ (oder anders ausgedrückt: gegenüber anderen Adult-Western) ist dann jedoch, dass er Kemp am Ende auch weiterhin, also selbst nachdem Lina ihn bzw. seinen Hass „gebrochen“ hat, nicht unbedingt eine Rechtfertigung für sein Handeln gibt. Klar darf man dessen „letztes Aufbäumen“ zum Schluss, wenn er den toten Ganoven auf sein Pferd packt und lauthals darauf besteht, dass dieser „für den Hof bezahlen“ müsse, unbedingt so verstehen, dass es Vandergroat war, der dereinst mit des Protagonisten Ex-Freundin und deren durch den Verkauf von Howards ehemaligem Besitz generiertes Geld getürmt ist (und später offensichtlich anderen Unsinn angestellt hat, sodass es zu dieser für den Helden einmaligen Gelegenheit der Kopfjagd kommen konnte), und nur so ist es meiner Meinung nach auch zu erklären, dass die beiden sich überhaupt (so gut) kennen, aber rein theoretisch lässt das Script an dieser Stelle genug Raum für die Annahme, dass diese beiden Personen nicht identisch sind. Vielleicht geht der erste Streich doch nicht auf Bens Kappe und Kemp hat sich diesen einfach nur wegen der unglaublich hohen Prämie, die schlicht seinen ebenso hohen Geldbedarf decken würde, ausgewählt und es ist tatsächlich purer Zufall, dass die beiden sich kennen. Denn darum ging es Mann sowie Rolfe und Bloom offensichtlich nur. Aufzuzeigen, wie ein eigentlich absolut ehrbarer Mann durch das mitunter grausame Spiel des Lebens zu einer starrsinnigen, rachedurstigen Bestie wird – und selbstverständlich darum, wie die Liebe einer guten Frau ihn wieder auf den richtigen Pfad zurückführen kann. Das Andere, also die aus meiner Sicht wie gesagt dann doch recht unmissverständliche Andeutung, dass es bei der Sache mit Vandergroat nicht nur um dessen Kopfgeld, sondern auch um etwas Persönliches geht, verstehe ich eher als Zugabe an das Publikum von damals, dass einen solch verbitterten, ja man müsste dann ja schon sagen, Antihelden absolut noch nicht gewöhnt war. Nur so lässt sich nämlich auch die trotz seiner Läuterung doch sehr unnachvollziehbare Entscheidung Howards verstehen, Ben nun gleich gar nicht mehr abliefern, ihn gar begraben und die Sache mit der eigenen Farm vergessen zu wollen, um mit Lina nach Kalifornien zu ziehen… Diesen Kurzschluss muss ich sonst wohl nicht verstehen, oder? Da hätte ich nach diesen Strapazen doch erst recht die Kohle haben wollen – ob man damit nun Richtung Westen zieht oder nicht. Aber ein wenig Mythos sollte wohl bestehen bleiben. Howard Kemp war dereinst ein rechtschaffenes Mitglied der Gesellschaft und er wird nun auch wieder eines werden, basta. Zur Korrektur solcher Weltbilder war es 1953 dann wohl doch noch ein wenig zu früh. Nichtsdestotrotz bleibt die Tatsache, wie viel Interpretationsspielraum man hier ob seiner Motivation gelassen hat, unbedingt positiv hervorzuheben.

Und ehrlich gesagt macht James Stewarts Performance auch nur aufgrund dieser Tatsache am Ende überhaupt Sinn. Schließlich ist er mal wieder der perfekte Mann für den Part des vom Leben gehörnten und daher verbitterten Westerners, der aufgrund dieser Umstände gerne mal etwas davon „zurückgeben“ möchte, aber neben dem Hass ist da noch viel zu viel Traurigkeit und Wärme in seinem Spiel und daher ebenso in seinem Howard Kemp. Würde dieser also zum Schluss nicht noch errettet werden, hätten wir hier die nächste nur halbwegs glaubwürdige Leistung von Stewart nach „Meuterei am Schlangenfluss“ zu kritisieren. So aber passt das alles zusammen und erfreuen wir uns nicht nur an seinem melancholischen Blick, sondern auch an seinen physischen Einlagen wie der „Fortführung“ der „Messerszene“ aus „Bend Of The River“, in der er einen Indianer mit seinem Stichwerkzeug fast schon zerlegt (war für Mann und seine Crew ja offensichtlich eh „nur ein Roter“ und kein weißes Arschloch wie im letzten Streifen, mit dem durfte man es dann wohl so machen) und der inneren Anspannung seiner Figur damit eindrücklichen Ausdruck verleiht. (Spoilerende)

Neben seinem wiedererstarkten Hauptdarsteller hatte Mann in diesem Fall ja nur noch vier weitere Mimen an Bord, sodass es sich bei der Schauspieler-Kritik dieses Reviews um die erste vollständige ihrer Art in diesem Lexikon handelt. Und mindestens ebenso interessant wie diese Randnotiz sind auch die einzelnen Darbietungen hier. Millard Mitchell, für den, der er ja leider viel zu früh verstarb, sein Jesse Tate bereits seine vorletzte Kinorolle war, etwa habe ich noch nie besser erlebt (wenngleich ich auch mal wieder zugeben muss, dass ich nur einen Bruchteil seiner Filmografie bisher gesehen habe) und für einen Ralph Meeker, der im Gegensatz dazu noch ganz am Anfang seiner Karriere stand, gilt exakt das Gleiche (ebenso wie die Klammer exakt so übernommen werden kann). Robert Ryan als dauergrinsenden Halunken fand ich dagegen beim ersten Ansehen noch ziemlich unglaubwürdig wie unerträglich. Das hat sich inzwischen geändert. Auch er macht eindeutig einen guten Job, aber seine besten Auftritte sollten – so weit ich sein Oeuvre bisher überblicken kann – meiner Meinung nach noch folgen. Und Janet Leigh war eigentlich nie wirklich schlecht, wenn ich auch niemals begreifen werde, was die Kerle in den Werken, in denen sie mitspielte, (und noch viel weniger, was Tony Curtis auch außerhalb der Leinwand) an ihr fanden (bzw. fand). So hübsch war sie ja nun wirklich nicht. Trotzdem sehr angenehm sie, die sie ja eher für ihre Rollen in Kostümfilmen bekannt war, mal in einem ihrer verschwindend geringen Genrebeiträge zu sehen.

Und was sagen wir zur Leistung des wie so oft über die Maßen gelobten Anthony Mann? Auch dessen für diesen Vertreter eingeheimste Lorbeeren gingen völlig zu Recht an ihn. Nachdem er sich am Set von „Meuterei am Schlangenfluss“ ja ähnlich durchschnittlich präsentiert hatte wie der Streifen an sich, ist er hier wieder ähnlich Maßstäbe setzend unterwegs wie noch 1950 bei „Winchester ’73“. Vor allem aber präsentiert er sich in „The Naked Spur“ viel mehr noch als dort als Genrespezialist. Sein Landschaftseinsatz hier ist überragend! Diese wunderschönen Bergkulissen, diese tollen Wälder und Waldstücke – superb in Szene gesetzt (und sicherlich, Kameramann William C. Mellor wird daran ebenfalls seinen Anteil gehabt haben). Oder auch der tosende Fluss zum Schluss. (Spoiler) Bis auf Meekers ziemlich lächerlich gemachten Filmtod ist das wahrlich groß. (Spoilerende) Da ist es nur schade, dass die Gesellschaft zwischendurch in so ner blöden Studio-Höhle Unterschlupf suchen muss – das macht die Atmosphäre an der Stelle schon ein wenig kaputt… Aber dann diese Action-Szenen! Gerade die vorhin bereits angesprochene Sequenz mit den Indianern ist meisterhaft! Da sieht man eindeutig: Mann kann es doch! Wieso hat er das denn im „Vorgänger“ nicht auch schon so gezeigt? Egal, nach einer Gurke wie „Shane“ tut das jedenfalls so unglaublich gut… (Spoiler) Auch das Finale bleibt eher dadurch in Erinnerung, dass Ryan hier ein sehr originelles Ableben spendiert bekommt (und man fragt sich schon die ganze Zeit über, woher eigentlich der Filmtitel kommt), als dass man sich darüber Gedanken machen würde, dass dieser sich, obwohl er zu diesem Zeitpunkt wesentlich vorsichtiger ist, zweimal durch den gleichen Trick linken lässt. (Spoilerende)

Auf diese Art und Weise musste Mann seinen Ruf als tadelloser Pferdeopern-Komponist ja wiederherstellen. Trotzdem ist „Nackte Gewalt“ bei all der Lobhudelei einfach nicht, wie so oft zu hören ist, sein bester Film. Diese Pole Position hat für mich weiterhin die „Winchester ’73“ inne. Zwar ist „The Naked Spur“ ein absolut herausragendes Western-Kammerspiel und insofern eben wirklich etwas Besonderes, aber er ist nicht die Offenbarung, die diese seinerzeit darstellte. Darüber hinaus leistet er sich im Mittelteil (und ebenso gegen Ende) dann doch mindestens eine schwerwiegende Logikschwäche zu viel und endet er trotz der starken Charakterzeichnung seines Protagonisten leider noch zu amerikanisch und zeitgemäß. Das sorgt trotz der tollen Darstellerleistungen dafür, dass es für die erste Liga dann doch nicht ganz reicht, aber er bleibt ein außergewöhnlicher Genrebeitrag, den jeder mal gesehen haben sollte und jeder Fan mal gesehen haben muss. Als solcher macht er einem natürlich auch schon große Lust auf den „Nachfolger“ „The Far Country“ – auch wenn dieser in der gemeinsamen Filmografie von Mann und Stewart tatsächlich wieder der zweite Schuss von zweien ist…

Zitate

„Wenn Sie sich mit mir unterhalten wollten, wäre es wohl besser, Sie steckten das Ding da weg. Sie könnten von einer Biene gestochen werden, aber ich wäre genauso tot.“(Jesse Tate hat alle Eventualitäten im Blick und weist Howard Kemp daher höflich auf dessen fahrlässigen Umgang mit seiner Schusswaffe hin)

[Ben Vandergroat fordert seine bessere Hälfte auf] „Lina, hol die Zigarren! Ich will eine rauchen.“ – [Roy Anderson kriegt das mit und hätte auch Appetit] „Bring zwei!“ – „Ich will aber keine rauchen.“(Lina Patch stellt klar)

„Ist es wichtig, auf welche Art man stirbt? Wie man lebt, das ist wichtig!“(Ben Vandergroat weiß angesichts seines drohenden Schicksals, worauf es ankommt)

[Lina erläutert Howard Bens ehemalige Pläne für die Zukunft] „Vieh züchten wollte Ben. Er versteht ja was vom Vieh.“ – „Ja, vom Vieh der anderen…“(Howard Kemp hat bereits einen Titel für die Verfilmung von Bens Lebensgeschichte parat)

„Neu anfangen? Das einzige, was Ben anfangen wird, ist Streit.“(Howard Kemp will Ben Vandergroat nicht alle Fähigkeiten absprechen)

„Was ist das?“ – „Essen Sie’s, bevor wir’s Ihnen sagen!“(Jesse Tate achtet sehr genau darauf, dass Howard auch ja genug isst)

„Ist tanzen schwer zu lernen?“ – „So wie ich tanze nicht.“(Howard Kemp muss sich nichts mehr beweisen)

★★★★

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die Nutzung der Kommentarfunktion erklärst du dich mit der Speicherung und Verarbeitung deiner Daten gemäß meiner Datenschutzerklärung einverstanden.