Töte Amigo

¿Quien Sabe?

★★★★

  • Jahr: 1967
  • Regie: Damiano Damiani
  • Darsteller: Gian Maria Volontè, Lou Castel, Martine Beswick, Klaus Kinski, José Manuel Martin, Jaime Fernández...

Story

El Chuncho (Gian Maria Volontè) ist ein kleiner Banditenführer, der sich durch den Raub von Waffen der Regierungstruppen sowie deren anschließenden Verkauf an die Rebellen während der Mexikanischen Revolution Reichtum erhofft. Bei einem seiner Überfälle nimmt er den schweigsamen Gringo Bill Tate (Lou Castel) in seine Bande auf, den er nur „Niño“ nennt. Gemeinsam erbeuten sie ein Maschinengewehr, das sie zusammen mit den restlichen Flinten an den Rebellen-General Elías (Jaime Fernández) verkaufen wollen. Auf dem Weg dorthin versterben fast alle anderen Mitglieder des Trupps, sodass die beiden den Offizier schließlich alleine erreichen. Hier soll El Chuncho von seinem Bruder El Santo (Klaus Kinski) hingerichtet werden, da er für den erfolgreichen Abschluss seines Geschäfts die Stadt San Miguel schutzlos zurückließ – Santo ist einer der wenigen Überlebenden des dortigen Massakers der Regierungstruppen. Der kleine Bandit mit dem großen Herzen wird allerdings von Niño gerettet, der den Heiligen umlegt, nachdem er seine eigentliche Mission ausgeführt hat: er erschießt den General im Auftrag der Regierung mit einem goldenen Geschoss. Dafür kassiert der Gringo 100.000 Pesos. Mit dem Geld wartet er, bis Chuncho kommt, um ihn für seinen Verrat umzulegen. Sodann bietet er ihm die Hälfte der Kohle an, die dieser verwirrt annimmt, und glaubt sich fortan in Sicherheit. Gemeinsam wollen die beiden reichen Männer in die Staaten ausreisen. Auf dem Bahnhof werden El Chuncho allerdings seine Schuld und sein Irrtum bewusst. Er erschießt Tate nun doch und beschließt, von jetzt an richtig Revolution zu machen.

Worte zum Film

gute Darsteller, gute Musik, gute Regie und eine intelligente, spannende Handlung; so politisch wie möglich und so viel Italowestern wie nötig; hat nichts zu viel und lässt nichts vermissen – ein echter Klassiker

Bewertung

Zum Film:

Endlich, endlich, endlich! Endlich habe ich mich mal wieder an Damiano Damianis Western-Legende „¿Quien Sabe?“ getraut. Das war nämlich schon längst mal wieder fällig, nachdem seit der letzten Sichtung ganze zwölf Jahre vergangen waren („satte“ zwölf Jahre würde der heutige Journalist wahrscheinlich eher schreiben (jedenfalls lese ich das Wort in letzter Zeit gefühlt überall)). Und sowieso tue ich mich mit diesem Streifen nicht so leicht. Der Erstkonsum erfolgte, obwohl es von ihm ja schon sehr früh eine deutsche DVD gab, erst ca. zehn Jahre, nachdem ich zum Western-Fan wurde. Wobei das, wenn wir nach des Regisseurs Meinung gehen, ja vielleicht gar nicht mal so verwunderlich ist. Schließlich ist „Töte Amigo“ nach Ansicht von Damiani selbst eigentlich gar keine Pferdeoper. Denn als Western kann man, wenn es nach ihm geht, ja schließlich nur Filme bezeichnen, in denen Männer auf Pferden Richtung Westen reiten. Ah ja… Wie gut, kann ich da nur sagen, dass bei all den anderen Vertretern, die man so als Pferdeopern bezeichnet, immer ein Kompass in der rechten unteren Ecke des Bildschirms positioniert ist, damit wir auch stets genau sehen können, in welche Himmelsrichtung der Held sein Reittier gerade lenkt… Und auch schön, dass in dieses Schema noch so viele andere Nicht-Western reinpassen würden (ich hoffe, ich muss an dieser Stelle jetzt nicht anfangen, irgendwelche Beispiele aufzulisten)… Mit Verlaub, Herr Damiani, aber diese Aussage ist kompletter Nonsens! Der Italiener war eben offensichtlich besser hinter der Kamera als vor dem Mikrofon aufgehoben (wobei zu dem Zeitpunkt, als er diese Aussage tätigte, sein fortgeschrittenes Alter (er war da immerhin schon Mitte Achtzig) evtl. auch eine Rolle gespielt haben könnte). Denn als Regisseur hatte er voll was drauf! Und das zeigt uns gerade auch dieses Genre-Juwel (das natürlich eindeutig ein Western ist).

Warum aber hat es bei mir dann erneut so lange gedauert, bis ich ihn mir wieder zu Gemüte führte? Nun, ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich habe seit meinem ersten Damiani Respekt vor den politischen Inhalten seiner Filme. Dieser erste war damals sein – ebenfalls hochberühmter – Poliziottesco „Confessione Di Un Commissario Di Polizia Al Procuratore Della Repubblica“. Der in Deutschland unter dem reißerischen Titel „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ veröffentlichte Polit-Thriller ist eindeutig auch des Regisseurs bestes Werk. Da stimmt tatsächlich alles und so kann das verdiente Ergebnis nur lauten: fünf Sterne! Aber genauso gut, wie er ist, genauso anspruchsvoll ist er auch. Sicherlich gibt es noch wesentlich anspruchsvollere Streifen, aber erstens gibt es die ja meistens und zweitens ist der Unterschied zwischen einem 08/15-Maurizio-Merli-Klopper und „Confessione…“ nun wirklich extrem. Das liegt vor allem an der vergleichsweise wesentlich komplexeren Story, die eben nicht nur unterhalten, sondern auch noch eine politische Botschaft vermitteln will. Und selbiges „befürchtete“ ich nun auch vom Geschehen in „¿Quien Sabe?“. Nicht, dass es mich grundsätzlich irgendwelche Überwindung kosten würde, einen ultimativen Thriller wie den „Clan“ zu gucken, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, aber einen solchen möchte man ja auch nicht „einfach so“ oder „mal eben zwischendurch“ schauen und von daher tun diese das meistens ja eben nicht. Und da ich mir einen ähnlich guten, genauso wie ähnlich anspruchsvollen Inhalt auch von „Töte Amigo“ versprach, dauerte es halt auch jedes Mal ein wenig länger, bis ich mir diesen (wieder) zu Gemüte führte.

Nachdem es mittlerweile aber natürlich nicht nur bei diesen zwei Streifen Damianis geblieben ist, will ich gleich zu Beginn meiner Ausführungen festhalten, dass diese Annahme vor dem Hintergrund seiner weiteren Werke (vor allem seiner Poliziotteschi) keinesfalls unbegründet war, ich mich nun aber gerade in Bezug auf seinen ersten Western (von zweien, wenn ich das richtig sehe) geirrt habe. Nicht komplett geirrt, denn selbstverständlich ist „¿Quien Sabe?“, ein weiterer Klassiker unter den Zapata-Spaghettis, allein schon aufgrund dieses Themas auch ein politischer Film, aber weder weicht er von den klassischen Erzählstrukturen im Genre sonderlich ab, noch wäre er inhaltlich nun besonders schwere Kost. Allein aufgrund seiner Qualität würde ich ihn zwar weiterhin niemals einfach so unter der Woche nach Feierabend konsumieren, aber das heißt nicht, dass dieser trotz der Aussagen, die er treffen will und trifft, nicht auch grundsätzlich für ein wenig Zerstreuung nach einem harten Arbeitstag geeignet wäre. Er wäre dafür mit seinen fast zwei Stunden Laufzeit höchstwahrscheinlich lediglich ein wenig zu lang…

Wie er auf diese Spieldauer kommt, ist dann auch tatsächlich der einzige Punkt, den man an „Töte Amigo“ kritisieren könnte – aber dafür müsste man schon sehr böswillig veranlagt sein. Denn gerade zu Beginn hat man das Gefühl, dass in der damaligen deutschen Fassung ja wirklich fast alles geschnitten wahr und ich bin ehrlich: so ganz unverständlich finde ich das auch heutzutage nicht (unter anderem übrigens auch die Stellen (!) der Szene, in der El Santo seine Granaten schmeißt und an denen er „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes – Amen.“ sagt – im Namen des Herrgotts durfte man hierzulande damals wohl keine Sprengkörper werfen). Der Anfang ist absolut nicht der stärkste Teil dieses Streifens. Das dauert mir erstens einen Tick zu lange und ist mir zweitens alles ein wenig zu plump. (Spoiler) Die sich versteckenden Männer von El Chuncho sind allesamt mit Elite-Kämpfer-Fähigkeiten ausgestattet, während die sich komplett in der Überzahl befindlichen mexikanischen Regierungstruppen offensichtlich nur aus Holzköpfen bestehen (bis auf den einen Offizier natürlich, der sich hat gefangen nehmen lassen). Aldo Sambrells unentschlossener Leutnant ist diesbezüglich die Kirsche auf der Torte. Wie der dann von nem Berg aus unter dem Zug sofort erschossen wird, macht für mich jetzt auch nicht so viel Sinn. Und die blöden Trommeln, von denen Volontès Figur zuerst ihren Beinamen haben soll, spielen danach auch nie wieder eine Rolle… (Spoilerende) Aber Schwamm drüber, denn irgendwie mussten die Drehbuchautoren Salvatore Laurani und Franco Solinas die Geschichte ja einleiten und die Idee, wie die beiden Protagonisten zusammenfinden, als solche passt ja – vor allem, wenn man es am Ende damit rund macht, dass dies ja gar nicht Niños erster Zug war. Dem Streifen also von daher vorzuwerfen, er sei „zu lang“, fänd ich vor diesem Hintergrund dann ein wenig übertrieben. Und danach passiert so was dann ja auch einfach nicht mehr. Ab da geht die Post ab und zieht „¿Quien Sabe?“ in einem einzigen Bilderrausch an einem vorbei. Zwar denkt man bei einer Überfall-Serie in der ersten Hälfte auch kurz einmal „Nach dem dritten Beispiel in Reihe dürfte es nun aber auch mit der eigentlichen Handlung weitergehen.“ (und zwar noch vielmehr, wenn man darum weiß, dass das genau der Punkt ist, der den ein Jahr später erschienenen „Il Mercenario“ so schwach macht), aber genau das geschieht dann ja auch.

Und dann folgen ja auch schon die Szenen, die „Töte Amigo“ über das Niveau der allermeisten seiner italienischen Kollegen hieven. Sprich dann wird’s auch richtig politisch. (Spoiler) Die Sequenz in des Haciendaros Haus z. B. finde ich richtig stark und vor allem dialogtechnisch sehr gut geschrieben. Und wenn ich’s mir so recht überlege… Ja, getoppt wird diese eigentlich nur noch durch das überragende Finale. Das ist wahrhaftig an der Grenze zur Genialität (und lässt den mauen Start mehr als vergessen). Erst die Abschuss-Szenen des Generals und El Santos (und auch wenn ich mir die Umsetzung in der Realität als nicht ganz so einfach vorstelle (denn hätte man einen toten Heerführer damals tatsächlich obduziert?): die Idee mit dem goldenen Geschoss als Beweis dafür, dass wirklich Niño es war, der Elías erledigte, finde ich klasse), dann der coole Castel im weißen Anzug, wie er ganz lässig Kaugummi kauend die Treppe herabschreitet. Und wenn er dann in genau diesem Outfit auf dem Trittbrett des Zuges steht, Chuncho, ohne es selbst ganz zu verstehen, sagt, dass er ihn umbringen muss und dann zwei, drei Mal abdrückt, dann ist das wirklich einer der ganz großen Abgänge im Genre Western. Der tote Bill Tate in sich zusammengesackt und mit der Wange an die Waggon-Wand gedrückt – das ist ein Bild, das man so schnell nicht mehr aus seinem Kopf kriegt. Und natürlich ist man froh über dieses Ende, denn man will selbstredend, dass der Revolutionsgedanke gewinnt. (Spoilerende)

Revolutionär für 1967 sicherlich auch der Gedanke, Klaus Kinski zur Abwechslung mal einen Guten in einem Italowestern spielen zu lassen – und dieser Schuss ging auch prompt nach hinten los. Sein El Santo, der offenbar tatsächlich der Halbbruder zu Gian Maria Volontès El Chuncho sein soll (ich hatte das erst als Scherz unter Kampfgefährten verstanden – müssen dann wirklich sehr unterschiedliche Väter gewesen sein), liegt dem Deutschen aber mal so gar nicht und obwohl er sich teilweise mächtig reinhängt, habe ich ihm diese Rolle nie wirklich abnehmen können. Dazu leider noch Klaus Kindler als Synchronsprecher (nichts gegen ihn, aber zu Kinski passt er ja wohl gar nicht)… Als bekennender Fan seines Schauspiels tut mir das sehr leid, aber wir können uns in diesem Fall damit trösten, dass er mit dem Heiligen – wie so oft – nur einen kleinen Part abbekommen hat. Die wesentlich wichtigeren Charaktere mimen hier natürlich Volontè und Lou Castel. Und was die beiden sich für ein Duell liefern, ist wahrlich großartig. Ihr Zusammenspiel ist tatsächlich das Beste an „¿Quien Sabe?“. Volontè ist mit seinem zerbrechlichen, leicht entrückten Spiel genau der richtige Mann für den Part des sich immer wieder neu orientieren müssenden El Chunchos und Castel stellt hier einfach alles in den Schatten. Dieses ausdrucklose Gesicht, dieser starre Blick und dann das kleine Lächeln, das ab und zu mal durchguckt… Das ist wahrlich an der Grenze zur Genialität. Zwar fand ich ihn – meine ich – bislang immer gut und noch nie wirklich schlecht, aber so eine Glanzleistung hätte ich von ihm dann doch nicht erwartet. Das ist eine glatte Eins!

Darüber hinaus belehrt dieser Film diejenigen eines Besseren, die immer dachten Martine Beswick hätte bis auf ihre zwei Auftritte in den „James Bond“-Vehikeln „From Russia With Love“ (wobei man ihre lächerliche Catfight-Einlage da lieber schnell wieder vergessen sollte) und „Thunderball“ (dem frauen-(oder heißt das dann bondgirl-?)technisch eindeutig bestbesetzten Streifen der Reihe!) nie was Nennenswertes gedreht. Denn eigentlich müsste die Aussage lauten: Bis auf die beiden Fleming-Verfilmungen und „Töte Amigo“ hat diese nie etwas Nennenswertes gemacht (zumindest soweit ich das beurteilen kann). Warum zeigt sie hier wie dort. Sie war nämlich einfach wirklich nicht die beste Schauspielerin der Welt. Das kann man zwar so annehmen, aber es hätte damals wesentlich bessere Damen für ihren Part gegeben, die ebenso ihre natürlich nicht zu verleugnende Schönheit gehabt hätten (zumal die Maske ihr hier ja offensichtlich trotzdem ständig Tonnen von Kleister ins Gesicht geschmiert hat) – man stelle sich nur einmal vor, Giovanna Ralli (die in „Mercenario – Der Gefürchtete“ ja eine sehr ähnlich angelegte Rolle spielte) und sie hätten die Produktionen getauscht. Wahnsinn! Aber egal, kommen wir lieber zum Rest des Casts. Der ist gespickt mit bekannt-beliebten Gesichtern wie denen von Spartaco Conversi, Joaquín Parra, José Manuel Martin oder eben Aldo Sambrell. Und mit Jaime Fernández haben wir sogar einen waschechten Mexikaner in der Rolle eines solchen dabei – was will man mehr?

Sie alle tanzten offensichtlich ganz akkurat nach Damiano Damianis Pfeife, der hier, ich möchte mal sagen, sehr routiniert durch den Streifen führt. Er gibt sich dabei absolut keine Blöße und weiß vor allem sein Finale sehr einprägsam zu inszenieren. Ebenso gut ist der schöne Score von Luiz Enríquez Bacalov, dem man allerdings den Einfluss von „Musical Supervisor“ Ennio Morricone anzumerken meint – was mit Sicherheit keine schlechte Eigenschaft ist. Einzig die Tatsache, dass er hier ein Stück aus seinem Soundtrack zu „Django“ wiederverwertet, stößt mir sauer auf. Hieß der Titel 1966 noch „Vamonos Muchachos!“, heißt er ein Jahr später nun „Al Tren!“ (man beachte das in beiden Namen enthaltene Ausrufungszeichen!). Zwar wurde er hörbar neu eingespielt, aber ansonsten gibt es keinerlei Unterschiede. Dass so was im Dutzendware-Bereich der Italos gang und gäbe war – geschenkt! Aber in einem Major-Film (und als solchen darf man diesen hier ja wohl durchaus bezeichnen) geht das meiner Meinung nach gar nicht… Nun ja, seine restliche Arbeit will ich mit diesen Ausführungen allerdings nicht kleinreden; die ist ihm wie gesagt wieder einmal wirklich gut gelungen. Tja und auch der Rest dieses tollen Werks ist über die Maßen genießbar. Die Locations sind klasse, die Kostüme sprechen sehr an, die Atmosphäre stimmt und die Kamerafahrten und -einstellungen von Antonio Secchi sehen gut aus. Was Leute, was will man mehr?

Eben: Nichts. „Töte Amigo“ ist einer der besten Vertreter seiner Zunft, der so ziemlich alles richtig macht und daher auch nur noch von den wenigsten Western übertroffen wird. Klar, wenn man sich nun die Frage stellen sollte, was zu den fünf Sternen denn überhaupt noch fehlt, so müsste man sagen: ein abgeänderter Beginn, eine straffere Erzählweise und ein anderer Schauspieler für Kinskis Part. Mehr fällt mir dann aber auch nicht mehr ein. Und das ist ja wohl lachhaft wenig verglichen mit der Habenseite, auf der „¿Quien Sabe?“ ein interessantes, intelligentes Script, eine gute Regie, einen schönen Score und vor allem zwei überragende Hauptdarsteller vereint. Und wem das immer noch zu wenig ist, der wartet einfach auf das umwerfende Finale. Wen das kalt lässt, dem ist wohl auch nicht mehr zu helfen. Von daher: Hätte euch früher jemand erzählt, dass einer der besten Italowestern aller Zeiten einer mit einer erstaunlich hohen Zahl stillender Frauen ist, hättet ihr ihm geglaubt? Nein? Ist aber so, wenn linke Intellektuelle einen Film über die Mexikanische Revolution drehen. Diesbezüglich zeigt uns Damiano Damiani damit auch, wie gut ein politischer Western sein kann – völlig unabhängig davon, wie man seine kritischen Aussagen an sich bewertet. Wem also die schnöde Ballerei gemeiner italienischer Pferdeopern irgendwann mal zu langweilig werden sollte, der findet z. B. hierin einen ausgezeichneten Gegenentwurf – ohne die Stärken dieses Subgenres grundsätzlich zu vergessen. Wie gesagt: Damianis Film ist eine Legende und das völlig zu recht! In „Denn sie kennen kein Erbarmen – Der Italowestern“ wird daher auch die Frage aufgeworfen, ob „Töte Amigo“ sogar der beste aller Revolutionswestern sei. Diese muss ich  natürlich – schon allein aufgrund der Kenntnis meines Lieblingsfilms „Giù La Testa“ – verneinen, aber er sichert sich hinter diesem und hinter Corbuccis „¡Vamos A Matar, Compañeros!“ Platz drei.

Übrigens: Eine Szene aus der Kategorie „Wenn man kein Glück hat, kommt auch noch Pech dazu“ gehört Klaus Kinski hier. (Spoiler) Der schießt in dieser nämlich erst ein Schloss kaputt, um in einem Verließ eingesperrte Mexikaner zu befreien, schickt dann gefangene Generäle der Regierungstruppen in den frei gewordenen Kerker hinein und die Tür bleibt für diese anscheinend aufgrund irgendeiner spirituellen Kraft von ganz alleine zu. Denn das Schloss ist ja nun hin und Santo macht auch keine Anstalten ein neues aufzutreiben. Ganz im Gegenteil befielt er seinen Mannen den Schlüssel zu selbigem wegzuschmeißen – dass dieser bei einem kaputten Verschluss nicht mehr zu gebrauchen ist, hätte ich ihm auch sagen können… (Spoilerende) Und klar geht diese Sache im guten Gesamtpaket unter, aber ein Schmunzelmoment ist es doch.

Zur DVD:

Ich fand ja, es wurde damals (also Ende 2007, so lange ist das schon wieder her) aber auch langsam mal Zeit, dass die lange angekündigte Neu-Veröffentlichung dieses Films endlich mal von Koch auf den Markt geschmissen wurde. Schließlich war die Erstauflage damals zum normalen Preis schon gar nicht mehr zu bekommen und ich wartete ja schon eine ganze Weile darauf, diesen Streifen endlich sehen zu können. Als ich die Nummer 1 der seinerzeit neu eingeführten (und mittlerweile ja leider längst wieder eingestellten) „Western Collection“ (die ja eigentlich Italowestern Collection hätte heißen müssen, aber warum auch immer damals nicht so benannt wurde) dann aber endlich in den Händen hielt, war ich vom Ergebnis schwer begeistert, sodass sich das Warten durchaus gelohnt hat. Bild und Ton sind sehr gut und dafür, dass man aufgrund der ehemals stark geschnittenen deutschen Version so viel untertiteln musste, konnte ja keiner was. Aber à pro pos Untertitel: es gibt da ja noch das Bonusmaterial:

  1. „What Is A Western?“: Ich fand es damals ziemlich schade, dass man anstatt der von den Italowestern-Boxen (zu Sollima, Django und Halleluja, ihr versteht) gewohnten coolen, kleinen, halbstündigen Interviewdokumentationen hier nur noch Einzelinterviews mit raufgepackt hat, die dann natürlich auch nicht so lange laufen. Das sollte in dieser Reihe ja aber zum Standard werden und man sollte gerade aufgrund des damals sehr humanen Preises von um die 10 Euro pro Veröffentlichung (meine ich mich zu erinnen) darüber nun auch wirklich nicht meckern. Denn insgesamt kommt man auch hier auf eine halbe Stunde Material. Die ersten ca. zwölf Minuten davon erzählt uns Damiano Damini dann was zu den Umständen dieser Produktion – wobei er sich wie oben bereits erwähnt minutenlang damit aufhält, klarzumachen, warum „Töte Amigo“ aus seiner Sicht kein Western ist, was wie gesagt natürlich absoluter Blödsinn ist. Generell fällt es einem schwer seiner langgezogenen und ziemlich unlogischen Argumentation zu folgen. Er war damals wohl einfach schon ein wenig zu alt für diese Art der Geschichtsaufarbeitung.
  2. „The Western Is Boring!“: Wie der Titel des nächsten Interviews mit Lou Castel bereits verrät, erzählt dieser uns in diesem unter anderem, wie langweilig es sei, einen Western zu drehen. Nun ja, auch hier kann ich nur entgegnen, dass es mindestens genauso langweilig ist, ihm zuzuhören (obwohl er gar nicht mal so unsympathisch ist, wie ich ihn eingeschätzt hätte). Das hat kaum einen Mehrwert und da Koch diese Fragerunde – das darf man ob das spanisch klingenden Interviewers wohl annehmen – wohl nicht selbst produziert, sondern von – ich denke – einem amerikanischen Unternehmen eingekauft und keine Untertitel hinzugefügt hat, fiel es mir generell schwer, ihr zu folgen, da Castels Englisch zumindest für mich zu hoch ist. ;)
  3. Drei (nicht gerade sehr) verschiedene englische Trailer
  4. Bildergalerie: zum Durchklicken war die damals natürlich noch.
  5. Inlay-Text: Als besonderes Merkmal dieser Reihe führte Koch ja einen Booklet-Text ein, der eben nicht in Form des klassischen Heftchens, sondern als Teil des aufklappbaren Digipaks auf dessen Innenseiten, also die Klappen, gedruckt wurde. Eine Art besonderer Klappentext also. ;) Dieser stammt, so wie auch hier, in der Regel von Wolfgang Luley. Und seinen ersten Beitrag kann man sich durchaus mal durchlesen; das ist ganz erhellend. Ich persönlich halte ja nicht so viel von Filminterpretation bzw. vor allem -überinterpretation (und unterstelle dem Autoren dies öfter mal), aber hier spricht er die Dinge einfach aus, wie sie sind und es macht Spaß, dies mit den eigenen Empfindungen während des Sehens abzugleichen sowie natürlich auch noch ein paar neue Denkanstöße zu bekommen.

Von daher will ich absolut nicht meckern: Auch wenn mich beide Interviews nicht sonderlich interessierten und ich quasi keinen Mehrwert aus ihnen ziehen konnte, ist das Angebot dieser doch absolut in Ordnung (von den fehlenden Untertiteln bei Castel jetzt mal abgesehen) – und diese Veröffentlichung damit eine runde Geschichte gewesen. Da durfte man sich von dieser Reihe durchaus noch einiges erwarten…

Heutzutage ist das Ding natürlich nur noch gebraucht zu kaufen und ihr könnt euch sonst auch gleich die BD, die Koch 2014 nachgelegt hat, holen. Diese schicke Edition hat wohl nur noch Sammlerwert. ;)

Zitat

„Du magst doch die Revolution, oder?“ – „Immerhin hat mich die Revolution von den Handschellen befreit.“(Bill Tate, genannt „Niño“, erzählt El Chuncho bei deren erster Begegnung nur den Teil der Wahrheit, den dieser hören will)

„Was ist das eigentlich für ein Mensch? Raucht nicht und säuft nicht und die Weiber kratzen ihn nicht. Was regt dich eigentlich auf, Niño?“ – „Das Geld.“(Niño wird gegenüber El Chuncho ehrlicher)

„Amerikaner, americano – kein Herz, aber die Taschen voller Geld.“(ein Offizier der Regierungstruppen gibt beim Anblick von Niño seinen auswendig gelernten USA-Reiseführer zum Besten)

„Also Raimundo, ihr habt euch entschlossen mich umzubringen. Warum? Ihr müsst doch einen Grund haben. Nur weil ich reich bin?“ – „Nein Senior. Wir töten Sie, weil wir arm sind – und weil sie alles dafür getan haben, dass wir arm bleiben.“(Raimundo (José Manuel Martin) gibt dem todgeweihten Don Felipe (Andrea Checchi) bereitwillig Auskunft)

[weil Niño und El Chunchos Bandenmitglied Guapo (Santiago Santos) sich streiten und Letzterer kurz davor steht, Ersteren zu erschießen, knallt El Chuncho Guapo über den Haufen] „Warum hast du ihn umgelegt?“ – „Warum? Guapo wollte Niño töten. Und Niño ist mein Freund.“ – „War Guapo denn nicht dein Freund?“ – „Guapo? Guapo ist tot…“(El Chuncho stellt rätselnd fest)

„Immer noch besser Scheiße in der Hose als im Gehirn.“(El Chunchos Bandenmitglied Picaro (Joaquín Parra) ist kein Freund subtiler Anspielungen)

„Chuncho, man kann nicht alles auf einmal machen. Man soll immer nur eins zur gleichen Zeit tun. Und zwar das, was einem am meisten einbringt.“(Niño gibt El Chuncho ein wenig Nachhilfe in Sachen Kapitalismus)

„Wie viel hast du ihr gegeben?“ – „Nichts. Ich bezahl den Weibern doch kein Geld!“ – „Wie machst du es denn mit den Weibern, Chuncho?“ – „Die verlieben sich in mich. Vielleicht schenk ich einer mal ne Kleinigkeit, wenn sie mir gefällt.“ – „Aber wenn man sie bezahlt, dann gibt es keine Komplikationen.“ – „In deinem Land mag das schon stimmen. Aber bei uns in Mexiko kannst du nicht alles mit Geld erreichen.“(El Chuncho hat endlich verstanden, wie Niño funktioniert, und versucht zu retten, was nicht mehr zu retten ist)

★★★★

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