Mille Dollari Sul Nero
★★★ +
- Jahr: 1966
- Regie: Alberto Cardone
- Darsteller: Anthony Steffen, Gianni Garko, Erika Blanc, Carlo D’Angelo, Roberto Miali, Sieghardt Rupp, Carla Calò, Angelica Ott...
Story
Zehn Jahre lang saß Johnny Liston (Anthony Steffen) unschuldig im Gefängnis. Nun will er Rache. Schnell findet er heraus, dass sein Bruder Sartana (Gianni Garko), der sich in der Zwischenzeit zum gefürchteten Banditenführer aufgeschwungen hat, der wahre Täter ist. Und weil er dessen Treiben ganz im Gegensatz zur gemeinsamen Mutter Rhonda (Carla Calò) sowieso nicht gutheißt und obendrein die Tochter des damaligen Opfers, Joselita Rogers (Erika Blanc), nicht schlecht findet, tritt er gegen sein Geschwisterchen an. Erst allein, dann mit Hilfe des stummen Jerry Holt (Roberto Miali) und schließlich, nachdem er auch noch den falschen Richter Waldorf (Carlo D’Angelo) entlarvt hat, mit Unterstützung der ganzen Gemeinde. Gemeinsam gelingt es, die Bande zusammenzuschießen, woraufhin Johnny Sartana in einem finalen Zweikampf tötet.
Worte zum Film
ordentliche, wenngleich teilweise auch ordentlich overactende Darsteller, ordentliche Regie, nette Musik; sehr unterhaltsame erste Stunde, schwaches Finale; ausbaufähige Charaktere; für eine Ansicht reicht’s
Bewertung
Schon seit längerer Zeit habe ich mir vorgenommen, endlich mal wieder die „Sartana“-Reihe durchzugucken. In Vorbereitung darauf wollte ich mir nun aber auch endlich mal den „Wegbereiter“ des Ganzen zu Gemüte führen. Schließlich ist es ja hinlänglich bekannt, dass Gianfranco Parolini 1968 zwar den Charakter „Sartana“ neu erdachte, sich dessen Namen aber aus Alberto Cardones zwei Jahre eher erschienenem „Mille Dollari Sul Nero“ entlieh. Dieser war ja wohl auch halbwegs erfolgreich, der Name daher bekannt und sowieso einfach cool. So cool, dass die deutschen Verleiher ihn, obwohl ihn hier der Antagonist trägt, als Filmtitel wählten (wobei das auch schlicht daran liegen kann, dass eben dieser Bösewicht wesentlich einprägsamer ist als Anthony Steffens Good Guy, aber darauf kommen wir gleich nochmal zu sprechen). Dabei darf man von diesem „Sartana“ nun aber natürlich keine weiteren Ähnlichkeiten zur später entstehenden Reihe erwarten, zu der er daher selbstverständlich auch nicht dazuzählt.
Vielmehr ist Cardones Film ein Italowestern, dem man anmerkt, dass sich für sein Subgenre zum Entstehungszeitpunkt bereits recht klare Regeln herausgebildet hatten, er diese aber noch nicht alle befolgen möchte. Zwar ist er kein richtiger „Zwitter“ mehr wie frühere Vertreter (amerikanische Inhalte in europäischem Gewand), aber so ganz überwunden hatte man die Abnabelungsphase hier noch nicht. So ist etwa Johnny Liston (Anthony Steffen), der Held der Geschichte, noch kein Antiheld. Immerhin ist sein Motiv Rache (für einen langen, unschuldigen Gefängnisaufenthalt), aber selbst das scheint er angesichts des Wirkens oder besser gesagt Wütens seines Bruders Sartana (Gianni Garko) in der alten Heimat ganz schnell wieder zu vergessen. (Spoiler) Was für ein Glück für ihn, dass dieser gleichzeitig auch der wahre Schuldige von damals ist. (Spoilerende) Und so sind es (vom aufkeimenden Bruderhass mal abgesehen) fast schon noble Motive, die ihn hier zum Handeln treiben. Aber das nur zur Einordnung; das soll den geneigten Fan selbstredend nicht stören.
Wesentlich bezeichnender finde ich die Tatsache, dass der Ablauf von „Mille Dollari Sul Nero“ passend dazu geradezu klassisch für eine italienische Pferdeoper dieser Zeit ist. Durch eine Story im Rücken, die man trotz der ganzen Action-Szenen tatsächlich auch als solche bezeichnen kann, legt er zu Beginn ein Tempo vor, bei dem man sich fragt, wie er das bis zum Ende durchhalten bzw. wie er so auf sogar überdurchschnittliche rund 100 Minuten Laufzeit kommen will. Und dann ist man durchaus erstaunt, dass es ihm tatsächlich gelingt, diese Schlagzahl ungefähr eine gute Stunde lang beizubehalten und in dieser Zeit wirklich gut zu unterhalten. Natürlich muss man auch hier Abstriche bei der Logik machen. (Spoiler) So ist Joselita Rogers‘ (Erika Blanc) Gesinnungswechsel gegenüber Johnny mit der kleinen Kneipenschlägerei zuvor z. B. kaum zu erklären (ebenso wie der Sinneswandel von dessen Mutter Rhonda (Carla Calò) gegen Ende) und ganz generell hat man es sich mit dem für diese Zeit typischen „Wir reden nicht miteinander, dann kann sich am Handlungsverlauf auch nichts verändern.“ mal wieder ziemlich einfach gemacht. Liston erklärt und verteidigt sich ob seiner eigentlichen Unschuld nie und wenn er es schließlich doch macht, wollen ihm die verängstigten Bürger nicht glauben und schon gar nicht zu den Waffen greifen. Mag sein, dass mich das gerade auch deswegen ärgert, weil ich aktuell versuche, mit „The Walking Dead“ ein wenig weiter voranzukommen und die Parallelen dann natürlich allzu offensichtlich sind. Schließlich beweist Sartana hier einmal mehr, dass das „Prinzip Negan“ (sprich eine heftige Form der Schutzgelderpressung) nun wahrlich nicht neu ist. Aber wo die Gepeinigten in der Serie nach immer neuen Knechtungen (und gerade, wenn sie Hoffnung schöpfen) dann doch bereit sind, sich aufzulehnen, passiert hier selbst dann nichts, wenn Johnny und der stumme Jerry (Roberto Miali) zu zweit (!) etliche Halunken in die ewigen Jagdgründe schicken und damit eine perfekte Grundlage schaffen. (Spoilerende) Viel Zeit zum darüber Nachdenken bleibt ob des angesprochenen Tempos allerdings nicht und es gibt gerade diesbezüglich auch noch wesentlich nervigere Titel als „Sartana“. Und weil dieser neben einer vernünftigen Inszenierung (lediglich die Faustkämpfe sind eindeutig zu lang) auch noch ein paar ganz nette Ideen wie Sartanas extravagantes, mexikanisches Versteck, das wie ein Aztekentempel aussieht (auch wenn daraus leider kein weiteres Kapital geschlagen wird), Johnnys Sprengstoffgürtel oder die Konzentration auf drei Städte, die offensichtlich nicht weit voneinander entfernt sein können und in denen man sich daher kennt, zu bieten hat, kann Langeweile bis zu diesem Zeitpunkt quasi nicht aufkommen.
Dann jedoch, wenn man so „eingelullt“ die oben genannte Frage fast schon wieder vergessen hat, ist man schon ein wenig enttäuscht, wenn sich die damit verbundenen Befürchtungen nach etwas mehr als einer Stunde doch noch bewahrheiten und Cardones Film einen regelrechten Knick bekommt. (Spoiler) Dann nämlich entscheidet sich Sartana nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen seinen Bruder einzuschüchtern bzw. letztendlich sogar umzubringen in blinder Wut dafür, seine Heimatstadt Campos zu überfallen. Und von da an sind nicht nur die Faustkämpfe zu lang geraten. Ab da zieht sich alles in die Länge. Schusswechsel dehnen sich über Minuten und werden nur durch das Eingreifen von des Banditen Mutter Rhonda gestoppt, die dafür aber erst ewig bekniet werden muss, um dann furchtbar langsam über das Schussfeld zu schlurfen und sich dabei noch zwei Kugeln einzufangen. Letzteres belegt gleichsam auch die inhaltliche Qualität dieses Schlusses. Da ist den Drehbuchautoren Ernesto Gastaldi und Vittorio Salerno (der euch vielleicht eher als Regisseur des bemerkenswerten „Fango Bollente“ (oder des aus meiner Sicht weitaus weniger gelungen „No Il Caso È Felicemente Risolto“) etwas sagt) wohl nichts mehr eingefallen (ungenannt sollen auch Giorgio Stegani sowie der berüchtigte Rolf Olsen beteiligt gewesen sein). Denn so geht es leider auch zu Ende. Richter Waldorf (Carlo D’Angelo, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er in der deutschen Fassung nicht vielleicht einen anderen Rollennamen trägt) verrät sich beim Halt in der nächsten Stadt, Blackstone Hill, in einer standardisierten, lächerlichen Szene selbst, in der er ewig von Sartana durch die Stadt gescheucht wird, bevor dieser ihn endlich erlöst, und dann kloppt sich Sieghardt Rupps Unterboss Ralph (ein köstlicher Name für einen Banditen!) völlig unnötigerweise noch minutenlang mit Jerry, bevor dieser ihn dann immerhin sehr sehenswert mit einem Beil erlegt. Aber selbst Sartana findet in dieser Szene, dass das ganz schön lange dauert. Und natürlich findet der Stumme nur kurze Zeit später dann tatsächlich auch noch seine Stimme wieder, aber der größte Witz ist: Johnny, der bezeichnenderweise zu beiden Überfällen wesentlich zu spät kommt, hätte es am Ende gar nicht mehr gebraucht. Sartana will mit dem Rest seiner Leute, den die sich endlich zur Wehr setzenden Bürger des Örtchens kurz darauf übriglassen, gerade fliehen, als er auftaucht. Zwar darf er dann noch einen auf dicke Hose machen und seinen Bruder endlich erledigen, aber es gab schon Helden, die im Finale stärker beschäftigt waren, um es mal milde auszudrücken. (Spoilerende)
Aber leider ist das eben genau Johnnys Schicksal hier: Er ist einfach ein armer Tropf, der zwar super schießen und kämpfen kann, sich aber irgendwie immer um den Erfolg gebracht sieht. (Spoiler) Erst sitzt er zehn Jahre unschuldig anstelle seines Bruders im Gefängnis, dann kommt er raus und muss erkennen, dass sich eben dieser nicht nur die Macht, sondern auch seine ehemalige Geliebte Manuela (Daniela Igliozzi) unter den Nagel gerissen hat. Dann glauben trotz seiner guten Taten alle weiterhin er sei schuldig und als Joselita dies endlich nicht mehr tut, sich sogar offensichtlich ebenso zu ihm hingezogen fühlt, blockt sie einen Kussversuch von ihm trotzdem klar und deutlich ab. Ob und was aus den beiden wird, verschweigt uns der Film daher schlussendlich auch. (Spoilerende) Ist also schon irgendwie eine traurige Gestalt, dieser Held und obwohl Anthony Steffen versucht, dies mit – gerade auch physischer – Einsatzfreude wettzumachen (tatsächlich versuchte er zu diesem frühen Zeitpunkt seiner Western-Laufbahn aber völlig ungewohnterweise sogar mal ein paar andere Gesichtsausdrücke), wirkt er dabei stets sehr angestrengt und eher bemitleidenswert.
Tatsächlich wird das Gleichgewicht der Figuren nur dadurch wiederhergestellt, dass sein omnipräsenter, böser Bruder Sartana nicht viel besser aufgestellt ist. Klar, dieser ist eine Weile lang wesentlich erfolgreicher, aber seine Anlage ist schon reichlich platt. Diese überheblichen, arroganten Bad Guys sind bekanntlich die, die leicht zu besiegen sind (und nicht anders stellt es sich hier am Ende auch dar). Das zugrundeliegende psychologische Profil wiederum ist interessant: eine Übermutter, der gehuldigt wird, dafür viel Gewalt gegen sonstige Frauen und eine ungewollte, extrem starke Familienbindung, (Spoiler) die letztendlich darin gipfelt, dass er Ralph bzgl. Johnny befiehlt „Erschieß ihn, aber bring ihn weit weg!“ (sind wir hier bei „Schneewittchen“ oder was?). (Spoilerende) Aber auch daraus wird natürlich wieder nichts weiter gemacht. Gianni Garko, den ich sehr schätze, könnte man ob seiner Darstellung dieser Type nun attestieren, dass er sich mächtig ins Zeug legt – oder man könnte ehrlich sein und sagen, dass es zwar aushaltbar ist, er aber ohne jeden Zweifel ziemlich overactet. Besonders gegen Ende und extrem natürlich beim Überfall auf Campos (das ist dann definitiv jenseits der Grenze des Ertragbaren). Er selbst sagt ja, dass er die Rolle so angelegt hätte. Ich hoffe sehr, dass dem nicht so ist.
Tatsächlich hatte ich während der Ansicht das Gefühl, dass dies eine Vorgabe von Regisseur Cardone (oder wegen mir auch Produzent Mario Siciliano) war, denn dieses Overacting hier hat System. Auch die Frauen, Erika Blanc und Daniela Igliozzi, vor allem aber Carla Calò, tun es bisweilen, Carlo D’Angelos Grimassen wirken ebenfalls stets ein wenig zu übertrieben verzogen, Chris Howland (der hier ganz nebenbei bemerkt einen unfassbaren Unsympathen spielt) kann bekanntlich gar nicht anders und sogar der von mir so gern gesehene Sieghardt Rupp (der sich ausnahmsweise mal nicht selbst synchronisiert) dreht bisweilen mächtig am Zeiger (was mitunter eine regelrecht verstörende Wirkung hat). Sehr sympathisch dagegen Franco Fantasia, mal wieder als Sheriff (der Johnny zwischendurch zur Seite springt, was dieser ihm nie vergessen will, später aber natürlich mal wieder völlig Banane ist), Riccardo Pizzuti, selbst hier schon als Faustfänger, Roberto Miali, mehr oder weniger schon am Ende seiner ohnehin nur sehr kurzen Karriere, und – man höre und staune – dessen Filmpartnerin Angelica Ott, ganz am Anfang ihrer Laufbahn in einem ihrer sehr seltenen, ernsthaften Streifen.
Obendrein gibt’s einen ganz hörbaren Soundtrack des mir bisher völlig unbekannten Michele Lacerenza (der genau deswegen so sehr nach Morricone klingt, weil der Komponist offensichtlich ein Trompeter war und als solcher die Scores der „Dollar“-Trilogie mit einspielte) und das war’s. Mehr hat „Mille Dollari Sul Nero“ nicht zu bieten und eigentlich reicht das – die Figurenzeichnung und wie man diese finden mag hin oder her – für einen gemütlichen Abend ja auch vollkommen aus. Wäre da nicht der Story-Einbruch in der letzten halben Stunde. Die zwar recht bekannten, aber leider auch recht overactenden Darsteller mal beiseite gelassen hinterlässt der dann nämlich doch noch einen recht faden Beigeschmack und kostet dieses Werk außerdem ein weiteres Plus. Nichtsdestotrotz reicht das auch in dieser Form noch für wenigstens einen gemütlichen Abend aus. Immerhin, sage ich, der ich der Meinung bin, dass man den Namensgeber eines der coolsten Western-Charaktere überhaupt einfach mal gesehen haben sollte, und wünsche damit einen ebensolchen!
Zitat
[Johnny fragt Joselita, nachdem er ihr gerade das Leben gerettet hat, nach deren Befinden] „Alles in Ordnung. Nur verdanke ich dir jetzt mein Leben. Und ich will keinem Menschen dankbar sein.“(Joselita Rogers ist eine Frau…)
[ein Mann (Gino Marturano) versucht Johnny direkt nach seiner Rückkehr im Saloon zu reizen, um ihn in ein Duell zu verwickeln] „Lass dich gefälligst von jemand anderem umbringen, wenn du lebensmüde bist!“(Johnny Liston möchte noch nicht gleich wieder jeden Job übernehmen)
„Mama Colt, die hat bei euch zu Hause immer die Hosen angehabt.“ – „Ja, so war’s schon, aber bis Vater es merkte, hat er so manchen Tag Prügel bezogen.“(der Drug-Store-Mann aus Blackstone Hill (Chris Howland) plaudert aus dem Nähkästchen)
[als Jerry in seiner Heimatstadt Blackstone Hill nach Hilfe im Kampf gegen Sartana fragt, blitzt er ab] „Jerry, glaub nicht, dass wir etwas gegen dich hätten. Aber im Ort sind viele Frauen und Kinder.“ – „Vor allen Dingen Feiglinge!“(Jerrys Freundin Mary (Angelica Ott) hilft dem Ortsvorsteher beim Formulieren der Absage)
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