Mercenario – Der Gefürchtete (Die gefürchteten Zwei)

Il Mercenario

★★★

  • Jahr: 1968
  • Regie: Sergio Corbucci
  • Darsteller: Franco Nero, Tony Musante, Jack Palance, Giovanna Ralli, Eduardo Fajardo...

Story

In den Wirren des Mexikanischen Bürgerkriegs versucht Sergei Kowalski (Franco Nero), genannt der Pole, gegen den entsprechenden Anteil der Beute dem Ex-Minenarbeiter Paco Roman (Tony Musante) beizubringen, wie man richtig Revolution macht. Das gelingt ihm soweit auch ganz gut und so wird Paco bald von der mexikanischen Armee und dem Gauner Ricciolo (Jack Palance), genannt Curly, gesucht. Er aber kann sich diesen immer wieder entziehen, bis Curly ihn schließlich in einer Stierkampf-Arena stellt. Hier erschießt Paco den Ganoven, wird aber trotzdem vom Polen einkassiert, der sich um sein Geld betrogen fühlt und nun die Belohnung einstreichen will, die auf den Kopf des Mexikaners ausgesetzt wurde. Dumm nur für ihn, dass er inzwischen selbst von der mexikanischen Regierung gesucht wird. Also sollen beide exekutiert werden, werden aber im letzten Moment von Pacos Frau Columba (Giovanna Ralli) gerettet. Dankbar schlägt der Pole dem Mexikaner nun eine Teilhabergesellschaft vor, aber dieser zieht es vor, weiter Revolution zu machen und so trennen sich die beiden.

Worte zum Film

geniale Musik, sehr gute Darsteller, tolle Regie; handwerklich hervorragender Revolutions-Western, inhaltlich dafür aber mehr als mau; Story zwar mit Aussage, aber insgesamt viel zu platt, dazu ein immer länger werdendes Ende; eine geniale Szene, ein Flugzeug und ein nackter Arsch machen noch keinen guten Film

Bewertung

Zum Film:

Den 29.01.2010 hatte ich mir ganz dick rot in meinem Kalender eingekreist. Warum? Na, weil Koch Media (damals hießen se ja noch so) da doch „Mercenario – Der Gefürchtete“ veröffentlich hat und auf diesen Film wartete ich schon, solange ich DVDs sammle (gut, nun steht in der OFDb, dass er tatsächlich erst eine Woche später am 05.02.2010 veröffentlicht worden wäre, was auch so gewesen sein mag (ist ja vielleicht um eine Woche verschoben worden), aber ich hab mir – und das mit Sicherheit nicht grundlos – eben o. g. Datum notiert – kommt da ja nun auch nicht drauf an). Nun weiß ich im Nachhinein natürlich gar nicht mehr so genau, warum er so eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt hat, aber es lag wohl daran, dass ich seinen Nachfolger „¡Vamos A Matar, Compañeros!“ total genial finde (den es damals schon auf DVD gab), von Revolutionswestern sowieso eine ganze Menge halte (wie im Übrigen natürlich auch von Cast und Crew dieses Streifens) und dass „Il Mercenario“ einer dieser vielleicht zehn Über-Italowestern ist, die jeder (egal ob Fan oder nicht) mal gesehen haben muss (neben den Leone-Filmen, „Il Grande Silenzio“, „Django“ und vielleicht noch „¿Quien Sabe?“ und den „Trinity“-Streifen (und bevor jetzt gleich wieder einer mit den Sollimas um die Ecke kommt: das definiert am Ende sowieso jeder für sich anders, sodass wir das an dieser Stelle auch lieber gleich mal wieder lassen)). Und da ich damals schon ein paar Jährchen DVDs sammelte und sich Jahr für Jahr kein Label gefunden hatte, das diesen ultimativen Klassiker veröffentlichen wollte (beziehungsweise niemanden, der es gewagt hat, von MGM die entsprechenden Rechte zu kaufen), war ich völlig aus dem Häuschen als ich davon hörte, dass es ausgerechnet Koch Media (denn so hießen se damals ja noch, nech?) sein würde, das dieses Versäumnis nun endlich nachholen würde. Nachdem Länder wie zum Beispiel Japan und Italien diesbezüglich vorgelegt hatten, haben wir seitdem also auch endlich unsere eigene deutsche Uncut-Veröffentlichung von „Die gefürchteten Zwei“, jenem nach Meinung der allermeisten Fans und Cineasten absoluten Wahnsinns-Revolutions-Western, der für viele gleichzeitig sogar Corbuccis besten Film darstellt – noch vor „Leichen pflastern seinen Weg“ und weit vor „Django“. Und so habe ich den Streifen seinerzeit in meinem Enthusiasmus (ich hatte ihn davor Jahre früher mal als Schuljunge gesehen und „fand“ ihn da natürlich auch klasse (einfach nur, weil ich ihn klasse finden wollte, wie man das als Pubertierender halt manchmal so macht)) natürlich sofort vorbestellt, ihn dann aber (das ist ja auch fast klar) erst am 16.02.2010 erhalten (ist ja offensichtlich auch erst ne ganze Woche später als geplant veröffentlich worden, nech?) und dann selbstredend sofort in den Player geschmissen. Da habe ich doch nicht lange gefackelt (und ja, mir kommt es gerade auch ziemlich bekloppt vor, dass ich mir diese Daten notiert habe, aber n bisschen bescheuert muss man ja auch sein, wenn man eine Seite wie diese betreibt…). Und ich war mir damals nicht ganz sicher… Vielleicht hatte ich damit den Fehler begangen zu euphorisch und erwartungsvoll an den Streifen heranzugehen. Andererseits jedoch… Wenn „Il Mercenario“ wirklich der große Über-Klassiker wäre, für den ihn alle Welt hält, hätte er diese Erwartungen doch trotzdem locker erfüllen müssen, oder? Und heute, zehn Jahre und eine weitere Sichtung später bin ich mir vollkommen sicher: Allerdings hätte er diese dann erfüllen müssen! Aber wie ihr bereits herauslesen könnt, konnte er das nicht und ich bin heute ehrlich gesagt schwer enttäuscht von Corbuccis Werk. Und das liegt auf keinen Fall daran, dass ich den doch ziemlich gleich angelegten Nachfolger „Zwei Companeros“ schon vor diesem Film gesehen habe und diesen, da ich so ein großer Fan von ihm bin, gegenüber „Mercenario“ in allen Belangen im Vorteil sehe. Nein, meine Abneigung gegenüber Corbuccis erstem Revoluzzer hat völlig andere Gründe, die ich hier gerne darlegen möchte, auch wenn ich ehrlich gesagt nicht davon ausgehe, dass sich dafür tatsächlich irgendjemand ernsthaft interessiert. Denn bei all den Lobeshymnen auf „Il Mercenario“ kann es doch eigentlich gar nicht sein, dass er ausgerechnet einem Fan nicht so gut gefällt, oder?

Nun ja, dazu sei gesagt, dass es mir durchaus nicht entgangen ist, wie einfach es grundsätzlich wäre, „Die gefürchteten Zwei“ sofort vom Start weg in höhere Kategorien einzustufen. Denn die handwerkliche Seite dieses Klassikers ist eines solchen absolut würdig. Das hohe Budget, das der Ausnahme-Regisseur hier zur Verfügung hatte, merkt man an allen Ecken und Enden. Das sieht einfach zeitlos gut aus – wie aus dem Katalog. Und es hört sich vor allem auch so an! Ennio Morricones Sondtrack ist nämlich das mit Abstand Beste am ganzen Streifen. Der unangetastete Gott der Filmmusik erschuf mit diesem einen ebenfalls in die Geschichte eingegangenen Klassiker, der zur Crème de la Crème seines Outputs gehört (was im Falle seines Oeuvres gleichzusetzen ist mit einem der besten Scores überhaupt) und einfach in jede Sammlung gehört. So gut wie hier hat er selten einen Film untermalt und auch wenn ich mich oft davor scheue das Wort „genial“ in den Mund zu nehmen – hier passt es. Heraus ragen zwei Titel: Das Eröffnungslied „Bamba Vivace“, das eigentlich so gut wie jeder kennen dürfte (und auch ruhig sollte) und das alles in den Schatten stellende „Il Mercenario (L’Arena)“. Letzteres gehört für mich ganz klar zur Top 3 seiner Stücke (dazu dürften sich dann wohl nur noch die Main Themes von „Giù La Testa“ und „C’era Una Volta Il West“ gesellen) und unterstützt meisterhaft eine der eindrucksvollsten, schönsten und ebenfalls besten Szenen der gesamten Filmgeschichte.

Und damit sind wir dann schon bei Corbuccis Directing, das – das darf ich ruhig mit bestem Gewissen unterschreiben – hier in aller Regel erhaben ist. Stellenweise tatsächlich noch besser als in dem von mir so heißgeliebten „Lasst uns töten, Companeros“. In eben schon angesprochener Sequenz erreicht er definitiv den Zenit seines Schaffens. Nie war eine Szene von ihm besser (tatsächlich nicht mal eine aus „Il Grande Silenzio“). Da stimmt einfach alles. Directing, Editing, Acting, die wundervolle Location der Stierkampfarena, die Ausstattung und eben Morricones Musik verschmelzen zu einer himmlischen Einheit, die kein Mensch der Welt auseinanderreißen möchte. Wirklich besser konnten es wohl nur Leone und Visconti. Das ist genial. Und wie gesagt ist auch der restliche Streifen meisterhaft geführt. Nun gut, zu Beginn sind zwei Mal kurz die für diese Periode seines Schaffens typischen Schnitt-Eigenschaften zu erkennen, die mir nicht gefallen und die ich vor allem schon im Review zu „Leichen pflastern seinen Weg“ monierte. Er (ich sag jetzt mal er, man weiß ja, dass er einer der Regisseure war, die Wert auf den Schnitt legten) lässt da in der Einführungsszene des Polen, wenn dieser zieht, so schnell wegschneiden, dass man gar nicht mehr erkennen kann, wie der die Waffe so schnell aus dem Holster geholt haben will. Und genau um diesen Verschleierungseffekt geht’s dabei auch, aber das sieht dann einfach nur wie gewollt und nicht gekonnt aus. Noch schlimmer ist es kurze Zeit später, wenn Franco Neros Sergei Kowalski Tony Musantes Paco Roman die Waffe mit dem Fuß aus der Hand tritt und diesen (also den Mexikaner) daraufhin in seine Gewalt bringt. Da wird nach dem Tritt, der schon kaum zu erkennen ist, einfach mal auf die verdutzten Gesichter von Pacos Gefährten gehalten, um nach dem nächsten Schnitt einfach schon den Polen zu zeigen, wie er den Mexikaner im Schwitzkasten hat. Und ich behaupte jetzt mal einfach nur, weil man nicht in der Lage dazu war, diese wirklich nicht ganz einfache Show-Einlage in echt so schnell hinzukriegen, wie sie auf dem Bildschirm passieren sollte und musste. Ansonsten hätte man diesen Schauwert doch nicht durch so einen unbeholfenen Schnitt ruiniert. Diese Unfähigkeit allerdings auf so plumpe Art und Weise kaschieren zu wollen, das ist für mich Arbeitsverweigerung und sagt mir natürlich nicht zu. Aber gut, es geht hierbei um diese eine Szene und das ist für einen Sergio Corbucci schon erstaunlich wenig. Daher gibt es für seine Inszenierung, ebenso wie für die Musik, eine Eins von mir – eine Eins Minus eben.

Und auch Corbuccis großartiges Darsteller-Ensemble ist nicht dafür verantwortlich, dass mir „Mercenario – Der Gefürchtete“ nicht so liegt. Tony Musante und Jack Palance jedenfalls sind ganz groß. Und ich mein‘ bei Ersterem verwundert das ja auch nicht so wirklich, denn den sieht man ja nicht so oft (ich persönlich habe ihn außer in diesem bisher tatsächlich nur in Argentos „L’Uccello Dalle Piume Di Cristallo“ betrachten können), aber Jack Palance hat mich des Öfteren ja auch schon bitter enttäuscht. Hier aber spielt er einen wundervollen Bösewicht, den er wohl nur noch im schon einhundert Mal angesprochenen Sequel hierzu, „¡Vamos A Matar, Compañeros!“, getoppt hat. Und ich finde selbstverständlich, dass auch Tony Musante nicht mit Tomás Miliáns genialer Interpretation des Basken dort mithalten kann (und auch nicht mit Palance in this one), aber er macht das wirklich gut und vor allem überraschenderweise wesentlich besser als Franco Nero, der ja sonst eine absolute Bank ist. Wobei das wahrscheinlich der einzige Punkt an „Il Mercenario“ ist, den ich nicht wirklich seriös zu bewerten vermag. Denn Nero hat ja durchaus öfter in diesen Rollen eine Arroganz an sich, die man nur aushalten oder gar gut finden kann, wenn man den zugehörigen Streifen mag. Und da das in diesem Fall bei mir nun einmal nicht zutrifft, ging mir seine Art, wie er da eierschlürfenderweise auf dem Marktplatz sitzt, einfach nur auf den Sack! Das mag euch, die ihr den Film ja dann doch bestimmt mögen werdet, anders ergehen. Und zu seiner Ehrenrettung sei dazugesagt, dass er hier auch mit Abstand am meisten unter der durchweg völlig unpassenden Wahl der Synchronsprecher der deutschen Fassung zu leiden hat. Hansjörg Felmy, dessen generelle Arbeit ich nicht beurteilen kann, da ich ihn – ich denke zum Glück – bisher noch nicht wirklich als Synchronstimme erleben musste, weiß hier überhaupt nicht, was er tut und haut einen gelangweilten, unbetonten, genuschelten Satz nach dem anderen raus. Grausam ist das, wirklich! Arnold Marquis als Paco Roman ist da natürlich schon wesentlich einfacher zu ertragen, weil dem solche Fehler selbstverständlich nicht unterlaufen, aber er passt zu Musante vom Timbre her überhaupt nicht. Ebenso wenig nimmt man Eva Katharina Schultz deren Sprechparts für die weibliche Hauptrolle, Giovanna Ralli, ab. Sie klingt einfach zu alt (obwohl sie zum Zeitpunkt des Film-Erscheinens gerade mal 13 Jahre älter war als die Italienerin). Die Ralli selbst, die wirklich eine sehr schöne Frau war, brilliert hier aber. Sie wirkt irgendwie immer so unnahbar und macht sich damit interessant. Dass sie noch viel besser konnte (Stichwort: „La Polizia Chiede Aiuto“), steht auf einem anderen Blatt. Und Eduardo Fajardo geht bei all diesen großartigen Schauspielern fast unter (meistert seine kleine Rolle allerdings dennoch tadellos).

Weiterhin zu loben sind: Alejandro Ulloa, der das Geschehen meisterhaft einfängt und von dem wir zumindest solch eine herausragende Kameraarbeit nicht gewohnt sind und die vielen Leuten, die für die Ausstattung des Streifens zuständig waren (allen voran wohl Production Designer Piero Filippone), denn wie auch vorhin schon einmal gesagt, besticht „Die gefürchteten Zwei“ vor allem durch sein großes Budget und damit durch seine exzellenten Bauten, Requisiten, Kostüme und Locations.

Und nun fragt ihr euch nach all der für einen glatten Dreier absolut ungewöhnlichen Lobhudelei natürlich zu Recht: Wo aber liegt nun der Fehler? Warum ziehe ich „Zwei Companeros“ diesem Werk nicht nur vor, sondern bin sogar der Meinung, dass „Il Mercenario“ so wesentlich schlechter ist, dass man diese beiden eigentlich so eng miteinander verbundenen Filme gar nicht in einem Atemzug erwähnen darf? Weil die handwerklich-technische Seite eben nur das Eine ist. Das Andere und im Zweifel wesentlich Wichtigere ist es, auch eine gute Geschichte zu erzählen. Aber „Die gefürchteten Zwei“ ist leider ein Paradebeispiel für diese Frage, die ich nicht müde werde zu repetieren: „Was nützen mir die tollste Crew und der beste Cast der Welt, wenn ich kein gutes Script habe, das ich verfilmen kann?“. Die Antwort liefert dieser Beitrag ernüchternd eindrucksvoll: Gar nichts! Denn wie wir festgestellt haben, konnten die Produktionsumstände in diesem Falle kaum besser sein, aber das Drehbuch fällt komplett durch. Das verwundert insofern nicht mehr ganz so stark, als dass laut IMDb an diesem hier mal wieder sechs verschiedene Leute gearbeitet haben sollen. Die Hauptschuld muss man dabei wohl Luciano Vincenzoni geben, der offiziell als Autor geführt wird und dafür eine Geschichte von Franco Solinas und Giorgio Arlorio umsetzte. Dabei geholfen haben sollen aber auch noch Sergio Spina, Adriano Bolzoni und natürlich Regisseur Corbucci selbst. Wer da nun wie großen Anteil daran hätte, lässt sich im Nachhinein natürlich nicht mehr feststellen, aber Vincenzoni kennen wir ja eigentlich nur als über jeden Zweifel erhabenen Autor der Leone-Pferdeopern. Dass er hier so einen Bock geschossen haben soll, ist da natürlich erstmal schwer vorstellbar, aber am Ende soll das auch nicht die Rolle spielen. Ich finde sein Buch hierzu jedenfalls einfach zu unausgegoren. Ja klar, man erkennt es insofern als das seinige wieder, als dass es für den Mainstream-Italowestern einen viel zu intellektuellen, die Geschehnisse hinterfragenden Grundton (und damit auch eine Aussage) hat und nochmal ja, das ist grundsätzlich genau das, was wir von einem überdurchschnittlichen Vertreter auch erwarten, aber ihm fehlt hier schlichtweg ein spannender Unterbau.

Denn „Mercenario – Der Gefürchtete“ vergisst bereits zu Beginn, mich mit seinem Plot abzuholen und bietet mir auch danach keine wirkliche Gelegenheit in die Story einzusteigen. Zuerst einmal brauchen wir schon einhundert Jahre, um überhaupt zu kapieren, um was es geht, weil sich der Film dann noch mal dreht und noch mal schlängelt und diese ganze langweilige Sache mit dem komischen Auftrag für den Polen (nach dessen ziemlich nerviger Einführungsszene, in der er Franco Ressel ein Glas mit zwei Spielwürfeln drin austrinken lässt) viel zu sehr in die Länge gezogen wird (diesen Start als holprig zu bezeichnen, trifft es wohl ganz gut, ist dann aber nett ausgedrückt von mir). (Spoiler) Zwischendurch darf auch Palances Ricciolo alias Curly noch zweimal zeigen, wie fies er ist und dabei neben Ressel noch einen mexikanischen Silberminenbesitzer in die ewigen Jagdgründe befördern, der natürlich nur mit seinem Bruder als Unterstützung in die Staaten reitet, um einen Deal zur Rettung seines Edelmetalls abzuschließen – macht natürlich sehr viel Sinn. Überhaupt darf man sich im weiteren Verlauf berechtigterweise die Frage stellen, was, nachdem er von Kowalski und Roman gedemütigt wurde, da diese ihn sich nackt ausziehen ließen, ansonsten überhaupt die Motivation dieses Charakters ist. Dass es bei den „Kapitalisten“ kein Silber mehr zu holen gab, müsste er doch begriffen haben, oder? Also setzt dieser Fiesling, der offensichtlich ebenso ein Opportunist ist wie der Pole selbst, danach alle Hebel in Bewegung, um die beiden Feinde erledigt zu wissen, nur weil er sich in seiner Ehre gekränkt fühlt? Das erscheint mir vor dem Hintergrund der Mexikanischen Revolution dann doch recht dünn…

Unabhängig davon raufen sich der Pole und der Mexikaner dann ja zusammen und gehen eine für beide Seiten einträgliche Partnerschaft ein und dann passiert? Ja, nichts mehr… Dann folgt eine Aneinanderreihung von ein paar Überfällen der Mexikaner, die zu Volkshelden aufsteigen, den Polen dann ein paar Mal fallen und wieder hochleben lassen und am Ende vor den Trümmern ihrer Existenz stehen. Das alles geschieht schnell-schnell und scheinbar ohne auf irgendetwas hinauszulaufen. Und so was sorgt bei mir für gepflegte Langeweile, dieses Kasperltheater, wenn sich der Pole und der Mexikaner dann z. B. bolzen, weil Columba das so will, um ihrem Paco endlich vor Augen zu führen, dass Kowalski ihn nur für seine Zwecke einspannt und ausnimmt. Und der ist natürlich auch super glaubhaft und reizt seinen Vertrag mit dem Revolutionär aber so was von über die Maßen aus (muss in sengender Hitze mitten in der Wüste plötzlich duschen, ist klar…) – dass er damit deren Zorn auf sich zieht, ist ja wohl logisch. Und dann, zack, ein Schnitt und er will doch plötzlich mit dem bisher angehäuften Zaster fliehen, wird dann aber doch von den Mexikanern aufgegriffen, die ihm doch den Prozess machen wollen, aber dann kommen die Regierungstruppen und greifen mit voller Mannschaft an, sodass der Pole doch wieder gebraucht wird und… Das soll die ganze große Story des großen „Mercenario“ gewesen sein? Sorry, aber nur weil ausnahmsweise mal ein Flugzeug darin vorkommt, ist das noch lange kein Qualitätsprädikat für den Streifen. Ebenso wenig wie die berühmte Szene mit dem nackten Frauenarsch im Übrigen, anhand dessen der Pole dem Mexikaner das Prinzip der Revolution zu erklären versucht. Der Dialog dazu ist doch total dämlich…

Und am schlimmsten nimmt sich dabei das Ende aus, das dann mit noch einer Wendung und noch einer Wendung aufwartet und bei dem man dann unweigerlich denken muss „Ist denn hier nun bald mal endlich Schluss?“. Ihr wisst schon, so wie das teilweise in den späten Achtzigern und frühen Neunziger war, wo der tatsächliche Schlusspunkt auch durch immer noch einen weiteren geschlagenen Haken hinausgezögert werden musste (spontan fallen mir da als sehr ähnliche Beispiele etwa die ebenfalls schwachen „Back To The Future Part II“ und „Waterworld“ ein). Das nervt richtig und das Allerschlimmste daran ist, dass der Streifen dadurch nicht mit der genialen Arena-Szene endet, sondern sich danach, wo man sich gerade damit abgefunden hatte, dass offensichtlich alles vorher so schwer zu Erduldende nur auf dieses überragende „Finale“ (denn für das hielt ich es eben, bis mich dieses Werk eines Besseren belehrte) hin geschrieben wurde, noch mal so richtig hinzieht. Man hätte ihn damit enden lassen müssen. So wurde ein Großteil der Wirkung dieser Szene verspielt. Klar, wenn man dann erstmal weiß, worauf es hier noch hinauslaufen sollte, ist auch diese Vorgehensweise für die Aussage des Streifens nachvollziehbar, aber meine Geduld und damit jegliches Restinteresse hat Vincenzoni damit vollends verspielt. Aber was soll’s? Viel zu retten gab’s nach dem lahmen Vorlauf ja sowieso nicht mehr. (Spoilerende)

Und so will ich festhalten: Jawoll, Corbuccis Regietalent kommt hier zur so ziemlich höchsten Entfaltung, seine Darsteller waren – Franco Nero für mich ausgenommen – selten besser, Morricone ebenso und auch der Rest der Crew hat seine Sache hier bombig gemacht. Aber was nützt das, wenn der Film nicht mehr bietet als die Aneinanderreihung von ein paar Scharmützeln, die keinen so wirklich bewegt? Nun gut, klar, er hat im Vergleich zum Durchschnitts-Italo eine Aussage, die er loswerden will, aber die ist nun wirklich nicht universell. Die treffen in dieser oder leicht abgewandelter Form auch andere Streifen (einer davon ist z. B. „Töte Amigo“), die man sich dafür ebenso gut angucken kann. Schließlich kommt es bei der Abgabe von Statements immer auch auf die richtige Verpackung an und die stimmt hier einfach mal so gar nicht. Ein Film muss zuallererst eine gute Geschichte erzählen und ich denke, ich habe dargelegt, was mir an dieser nicht gefällt. Und ich weiß nicht, was dieses Werk sonst noch haben sollte, dass es so in den Italo-Himmel gelobt wurde und wird. Mir blieb sein Geheimnis jedenfalls verschlossen. Keine Ahnung, vielleicht reichen euch ja auch eine tolle Ausstattung und ein paar starke Schauspieler für einen guten Film, aber für mich muss es dann schon ein wenig mehr sein. Und vielleicht reicht euch dann ja auch schon dieses sehr einfach gehaltene Bisschen an Handlung, das wir hier immerhin vorfinden, aber mir eben auf keinen Fall. Ich würde „Il Mercenario“ jetzt nicht als die größte Enttäuschung seit es Italowestern gibt bezeichnen und vielleicht ist er nicht einmal der Klassiker des Genres, der am meisten enttäuscht, aber er ist auf jeden Fall derjenige, von dem ich ein solch schlechtes Ergebnis am allerwenigsten erwartet hätte (schließlich bin ich eigentlich ein absoluter Fan von Corbuccis Werken und dem Zapata-Western sowieso). Und wie ich jetzt wieder feststellen musste, überrauscht mich die Tatsache, wie meilenweit entfernt er von dem Überfilm ist, als der er gefeiert wird, auch immer wieder aufs Neue. Und interessanterweise überwiegt bei diesem Werk (entgegen meinem Empfinden gegenüber einem Ford-Vertreter zum Beispiel) tatsächlich nicht der Zorn über das Gesehene, sondern die Trauer darüber, dass die sehr gute handwerkliche Gestaltung hier aus meiner Sicht leider völlig umsonst war. Ist leider so, wird leider immer so bleiben und damit habe ich fertig. Schließlich habe ich mich hiermit sowieso schon um Kopf und Kragen geredet, aber dafür ist es wenigstens die volle Wahrheit.

Zur DVD:

Die Koch-Scheibe hierzu ist wohl so ziemlich das einzige, was mich nicht enttäuscht hat. Das Bild ist klasse und der Ton zumindest für mich super. Und auch beim Bonusmaterial hatten sich Bruckner und Co. endlich mal wieder voll reingehängt:

  1. „Die Regeln der Revolution“: 42minütiges Doku-Featurette, das, nachdem man in der damals noch laufenden „Western Collection“ (die ja eigentlich Italowestern Collection hätte heißen müssen) eigentlich immer nur kurze Geschichten veröffentlichte, seit langer Zeit (also im Prinzip seit der ähnlichen Veröffentlichung zu „Navajo Joe“) endlich mal wieder einen Beitrag ablieferte, in dem nicht nur ein Mensch zu Wort kam, sondern gleich mehrere Leute interviewt wurden (namentlich sind das Nero, Vincenzoni, Cutter Eugenio Alabiso und Nori Corbucci) und die interessantesten Fakten aus diesen Interviews zusammengeschnitten wurden. Und das finde ich viel besser als den anderen Krams. Die Zeit hierbei vergeht wie im Fluge und damit reiht sich „Die Regeln der Revolution“ in die Reihe der besten Koch-Dokus ever gleich neben „Ein Halleluja für Giuliano Carnimeo“ auf der „Ein Halleluja für Camposanto“-Scheibe und „Dark Fears Behind The Door“ von der „Der Killer von Wien“-Disc ein.
  2. Drehortvergleich damals und heute: Wie schon ein Jahr zuvor bei „Navajo Joe“ lässt man hier ein paar Bilder der damaligen Drehorte von heute ablaufen, während unten rechts in der Ecke zugehörige Szenen des Films zu sehen sind. Das ist wie schon erwähnt ganz nett, geht aus meiner Sicht aber noch einen Tick besser. So umfangreich ist das Ganze aber eh nicht.
  3. Deutscher sowie US-Trailer
  4. Bildergalerie: Zum Durchklicken und hierbei braucht man wirklich eine Menge Klicks und entsprechendes Sitzfleisch, um bis ans Ende zu gelangen.
  5. Booklet: Das Booklet zu „Mercenario“ gefällt mir weitaus weniger als noch das zu „Navajo Joe“ (wohl auch, weil es größtenteils nicht meine Meinung zum Film wiederspiegelt) und wartet zudem mit Jahreszahlen-Fehlern auf (so wurde „The Wild Bunch“ zum Beispiel erst 1969 (und nicht 1968 wie es im Booklet steht) veröffentlicht und „¿Quien Sabe?“ erst 1967 (und nicht 1966)). Trotzdem ist es mal ganz nett zu lesen und enthält zumindest eine sehr spannende Episode der Zusammenarbeit zwischen Sergio Corbucci und Jack Palance.

Rundum betrachtet war dies eine der besten, wenn nicht sogar die beste Koch-Veröffentlichung dieser Jahre und nicht nur aufgrund des Films ein Must-have für jeden Sammler (denn da brauche ich mir natürlich nichts vorzumachen, den muss man schon besitzen und auch wenn einem das Ergebnis noch so ärgerlich vorkommt). Mittlerweile gibt’s dazu von Koch natürlich auch ne BD, die man sich zulegen könnte.

Zitate

[Paco und seine Spießgesellen haben ein paar Kapitalisten zum Trocknen aufgehängt] „Er baumelt schon nen ganzen Tag und hat immer noch die hochmütige Fresse eines Kapitalisten.“(Paco Roman kann in Gesichtern lesen)

„Was bedeutet für dich Revolution?“ – „Die Besitzenden umbringen und ihnen das Geld wegnehmen.“(Paco Roman erläutert Sergei Kowalski sein umfassendes Weltbild)

„Du darfst nie die Ruhe verlieren, wenn du unbewaffnet bist, sonst tust du mir zweimal leid – lebend und tot.“(Sergei Kowalski ist sehr empathisch)

„Wer sich um Spielregeln kümmert, der verliert!“(Ricciolo wäre kein gutes Jury-Mitglied beim Deutschen Spielepreis)

„Man kehrt nie einem den Rücken zu, dem man gerade die Taschen geleert hat!“(Sergei Kowalski hat schon einige Taschen geleert)

„Revolutionäre genieren sich nicht wegen ihrer Erfolge. Nur Diebe.“(Columba weiß, wie Revolution funktioniert)

„Frauen, die denken, sind gefährlich.“(sagt Paco Roman, weil er selbst darin nicht so gut ist)

„Armer Paco. Er war dabei ein Idealist zu werden. Leider hatte ich vergessen, ihm zu sagen, dass Idealismus der Dünger für Friedhöfe ist.“(Sergei Kowalski war früher mal Friedhofsgärtner)

„Wenn jemand bezahlt, sollte man ihm keine Fragen stellen.“(Sergei Kowalski weiß, was die Welt regiert)

[Paco und seine Spießgesellen halten nach der Übernahme einer Stadt Gericht über einige ihrer Einwohner] „Du wirst kastriert! – Er wird fett werden, aber glücklich…“(Paco Roman weiß um seine Rolle als Heilsbringer für die Menschen)

„Eine Mexikanerin verrät man nur einmal.“(Columba gibt ihr Ehegeheimnis preis)

„In dieser Welt gibt es immer einen, der einen Krieg, eine Revolution oder eine Konterrevolution macht.“(Sergei Kowalski ist ein Globetrotter)

★★★

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