Leichen pflastern seinen Weg

Il Grande Silenzio

★★★★★

  • Jahr: 1968
  • Regie: Sergio Corbucci
  • Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Klaus Kinski, Frank Wolff, Vonetta McGee, Luigi Pistilli, Mario Brega, Spartaco Conversi, Raf Baldassarre...

Story

Die Ausgestoßenen des Ortes Snowhill fliehen im Winter in die Berge und müssen das, was sie zum Überleben brauchen, stehlen. Folglich wird auf ihre Ergreifung eine Belohnung ausgesetzt. Kopfgeldjäger Loco (im Original Tigrero (Klaus Kinski)) und seine Kollegen machen sich dies zunutze und schießen einen nach dem anderen eiskalt über den Haufen, um danach Prämie über Prämie zu kassieren. Als Loco auch den Schwarzen Middleton erschießt, freut dies besonders den schmierigen Friedensrichter Henry Pollicut (Luigi Pistilli), weil der sich nun Chancen bei dessen Witwe Pauline (Vonetta McGee) ausrechnet. Diese will aber weiterhin nichts von ihm, sondern Rache für ihren Mann und heuert dafür den stummen Silence (im Original Silenzio (Jean-Louis Trintignant)) an. Dessen Methode, die Spitzbuben zuerst zum Ziehen zu bewegen, um diese dann „in Notwehr“ zu erschießen, zieht bei Loco allerdings nicht. Stattdessen verwickelt er Silence in eine Prügelei, an deren Ende er vom neuen, ambitionierten Sheriff des Ortes, Gideon Burnett (Frank Wolff), unter Arrest gesetzt wird. Beim Versuch, Loco ins nächstgrößere Gefängnis zu bringen, lässt der Kopfjäger diesen allerdings im Fluss ertrinken. Daraufhin trommelt er seine Freunde zusammen und nimmt die Ausgestoßenen, die sich an einem Wagen voller Essen laben wollten, den der Sheriff noch hatte bereitstellen lassen, allesamt gefangen, um damit Silence herauszulocken, der sich, nachdem er Pollicut und dessen Helfer Martin (Mario Brega) tatsächlich in reiner Notwehr umbringen musste, unter Paulines Mithilfe schwer verletzt im Städtchen versteckt hält. Der Trick zieht und der Stumme stellt sich in dem Glauben, nur gegen Loco antreten zu müssen. Aber der fiese Sanchez, dessen Bruder Charlie (Bruno Corazzari) Silence einst „in Notwehr“ erschoss, schießt ihm beide Daumen ab, woraufhin er sich des Verrückten nicht mehr erwehren kann. Loco knallt daher erst ihn, dann Pauline und danach mit seinen Kollegen die ganzen Gefangenen über den Haufen. Dann ziehen die Kopfgeldjäger erstmal weiter, um die Prämien später zu kassieren.

Worte zum Film

überragende Darsteller mit einem genialen Bösewicht in ihrer Mitte; etwas plump eingeleitete, aber immer besser werdende Story, die im vielleicht besten Finale der Filmgeschichte mündet; sehr gute Musik, schwache Shootouts; grandios verschneite Alpen-Schauplätze

Bewertung

Zum Film:

Diese Schneewestern haben ja ihren ganz eigenen Reiz, ne? (Ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf hinweisen, dass das fragende „ne“ bei mir auch genau so gesprochen (oder besser gelesen) wird, wie es sich schreibt; die Verneinung „Nee!“ schreibt sich nämlich mit Doppel-E (steckt also im Wort Schnee drin, fällt mir gerade auf) – da das sehr vielen meiner Bekannten nicht so geläufig ist, schreibe ich es dazu.) Das dürfte sicherlich auch daran liegen, dass es davon ja gar nicht so viele gibt, was vor dem Hintergrund der Tatsache, dass viele Pferdeopern (ich würde sogar fast behaupten wollen fast alle), die komplett oder zu großen Teilen im Schnee spielen, zu Klassikern wurden, durchaus kurzzeitig verwundern kann. So gehören die Winter-Szenen vom insgesamt völlig überschätzten „The Searchers“ eindeutig zu seinen besten. Oder denkt an „Jeremiah Johnson“! Obwohl der den größten und wichtigsten Teil seiner Geschichte nicht im Schnee spielt, sind es genau diese Bilder, die man zuerst im Kopf hat, wenn man an ihn denkt. „Breakhart Pass“ ging dann nur drei Jahre später den nächsten Schritt und ist ein sehr beeindruckender, waschechter Schneewestern. Und selbst unter den Italowestern gibt es mit „Condenados A Vivir“ („Cut-Throats Nine“) ja wohl noch einen weiteren Vertreter, der irgendwo in den verschneiten Bergen spielt – auch wenn der wohl eher aufgrund seines (angeblich) so hohen Gewalt-Anteils berühmt-berüchtigt geworden ist (wie ihr aus diesen Zeilen herauslesen könnt, habe ich den bisher aber leider noch nicht gesehen). Ebenso gab es in den letzten Jahren diesbezüglich ordentlich Nachschub. Bei „The Assassination Of Jesse James By The Coward Robert Ford“ erinnert man sich nur deswegen nicht explizit nur an die Szenen im Schnee, weil der Film einfach in Gänze genial ist und erst jüngst (so lange ist 2015 filmisch gesehen ja wohl noch nicht her) beglückte uns Alejandro G. Iñárritu mit seiner Version einer Pferdeoper im Schnee. Dabei darf „The Revenant“, wie wir neulich erst gesehen haben, im Vergleich mit seinen paar Vorgängern (den „echten“ Schneewestern jetzt, die die komplette Spielzeit über „weiß bleiben“) sogar als einer der besten „Western in Weiß“ angesehen werden. Und daher möchte ich sagen, dass die beiden Letztgenannten aufgrund der nur sehr kurzen Zeitspanne ihres Bestehens natürlich noch keine Klassiker sein können, diesen Status aber in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren erhalten müssten – sonst läuft etwas aber gewaltig schief. Ja, wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir überhaupt nur einer dieser Streifen ein, der mich – und wohl auch den restlichen Teil der Filmwelt, denn von dem hört man rein gar nichts mehr – so überhaupt nicht überzeugen konnte: „The Claim“ („Das Reich und die Herrlichkeit“). Denn Schnee hat einfach etwas Magisches an sich. Es kommt ja schließlich nicht von ungefähr, dass wir trotz Klimawandels weiterhin von der Weißen Weihnacht träumen, nich wahr? Von daher: Ja, eigentlich müsste es viel mehr von diesen Werken geben, aber diese sind eben auch nicht so einfach herzustellen – unabhängig davon, ob man die weiße Pracht nun vollständig oder auch nur zum Teil tricksen oder tatsächlich vor Ort drehen will (was nach der Kritik, die sich Iñárritu von seiner Crew stellenweise anhören musste, wohl nicht mehr so häufig bzw. zumindest nicht in dem Umfang wie bei ihm geschehen wird (ganz abgesehen davon, dass wir ja alles daran setzen, dass es auf unserer Erde immer heißer wird)). Deswegen gibt es ja auch Vertreter wie „A Man Called Sledge“ oder auch „True Grit“ (von 2010), die zwar irgendwie auch Szenen im Schnee im Repertoire haben, in denen das Weiß aber kein wesentliches und schon gar kein narratives Element ist.

Und wer jetzt ganz genau aufgepasst hat, dem ist aufgefallen, dass ich – neben vielen anderen befürchte ich – in obiger Aufzählung mindestens zwei unumgängliche Filme unerwähnt gelassen habe. Der erste davon ist natürlich der von Quentin Tarantino. Und der zweite? Das ist derjenige, der mir – und einigen anderen wohl auch – als allererstes in den Sinn kommt, wenn es um Schneewestern geht. Derjenige, der diesen Begriff für mich überhaupt erst geprägt hat. Ich kann zwar nicht mehr mit letzter Gewissheit sagen, ob er auch generell meine erste Pferdeoper mit Szenen im Schnee darstellte, aber er war auf jeden Fall der erste, der komplett „in weiß“ gehalten war. Und last but not least ist er natürlich auch derjenige, der Tarantino hauptsächlich auf die Idee zu seinem „Schneemobil“ brachte. Die Rede ist von keinem geringeren als „Leichen pflastern seinen Weg“ – Sergio Corbuccis zweitem großen Meisterwerk nach (zeitlich gesehen) bzw. vor (wertend betrachtet) „Django“.

Und obwohl ich das tatsächlich überhaupt nicht genau weiß, würde ich jetzt einfach mal behaupten wollen, dass er nicht der erste Schneewestern war. Mir fällt zwar jetzt kein weiterer Vertreter dieser Gattung ein, der noch früher dran gewesen wäre (mit oben genannten Filmen ist mein Repertoire dann nämlich auch so ziemlich erschöpft), aber dafür hat dieses Genre einfach zu viele Streifen im Angebot und es will mir einfach nicht in den Kopf, warum gerade die Italiener die ersten gewesen sein sollten, die so etwas in Gänze durchgezogen haben. Unabhängig davon dürfte er aber – wenn mir jetzt nicht irgendein ganz böser Schnitzer unterlaufen ist – tatsächlich der erste richtige Klassiker dieser Spielart sein. Das dürfte sicherlich nicht nur daran liegen, dass es so etwas im Subgenre des Italowestern vorher bestimmt noch nicht gab (da lege ich mich jetzt einfach mal fest), aber geholfen hat es mit Sicherheit. Zwar liegt es eigentlich nahe, auch mal eine Pferdeoper in den Bergen spielen zu lassen, wenn man die Alpen vor der Haustür hat, aber auf die 1968 bereits etablierte Trademark der grellen, sonnendurchfluteten Schauplätze „an der Grenze zu Mexiko“ sowie die bereits vorhandene „Western-Infrastruktur“ in Almeria wollte zu diesem Zeitpunkt sicherlich kein Produzent verzichten, um sich stattdessen für teuer Geld neue Drehorte zu erschließen. Es sei denn man hieß Attilio Riccio und der Regisseur, der einem diese abenteuerliche Idee vorschlug, Sergio Corbucci (geschrieben hat er das Script zwar zusammen mit Vittoriano Petrilli, Mario Amendola und (natürlich) wieder Bruder Bruno, aber die Story hierzu stammt von ihm selber). Und so machte der Ausnahme-Filmemacher die verschneiten Alpen hier zu einem weiteren Hauptdarsteller (auch er hat hier z. B. eine wunderbare Totale eines Berghangs mit Hütte drauf zu bieten, auf die selbst ein Leone stolz gewesen wäre) und erschuf mit ihrer Hilfe eine Atmosphäre, die im italienischen Western beispiellos und damit einzigartig ist. Nichts hätte den tristen Grundton dieses Plots so unterstreichen können wie diese menschenfeindliche Umgebung.

Nun gut, ich korrigiere mich. Nichts außer Ennio Morricones erneut genialer Musik müsste es natürlich heißen. Denn auch der Maestro, der nach dem ersten großen Sergio im Jahr 1968 ja auch den zweiten bereits regelmäßig mit neuen Soundtracks ausstattete (wobei Corbucci sich in dieser Hinsicht ja nie so festlegte wie Leone), läuft mal wieder zur Höchstform auf und kreierte hier vor allem ein Hauptthema, das es sogar fast mit seinen größten Werken zu „C’era Una Volta Il West“ oder sogar „Giù La Testa“ aufnehmen kann. Da verwundert es einen nur, dass dieses insgesamt nur so selten in den 100 Minuten gespielt wird. Aber auch das Spannungsstück „Passagi Nel Tempo“ ist natürlich ein Klassiker, der vor allem die harte Gangart hier hervorragend unterstreicht. Alles in allem gehen auch Corbuccis Bilder und Morricones Töne hier eine kongeniale Symbiose ein, die man sonst nur aus den Werken Leones kennt und schaffen genau die Art von Atmosphäre, die nur die ganz großen Filme erzeugen können.

Und so könnte man diesen Streifen dann auch von der ersten bis zur letzten Minuten einfach nur genießen, wenn nicht… Ja, wenn nicht zwei Dinge den Spaß in der ersten halben Stunde doch noch ein wenig torpedieren würden. Zuerst ist da natürlich dieser seltsame Schleier bzw. dieses komische Gitter (oder wie auch immer ihr das beschreiben würdet) zu nennen, das in der ersten Sequenz vor den Credits hier über den Bildern liegt. Das ist einem ja seinerzeit bereits bei den Ausstrahlungen auf Arte aufgefallen und natürlich auf DVD keinen Deut besser. Ich bin sogar der festen Überzeugung, dass man das auch auf der mittlerweile erfolgten BD-Veröffentlichung nicht in den Griff bekommen bzw. dies wahrscheinlich gar nicht mal versucht hat, denn das dürfte einen Haufen Arbeit bedeuten, das halbwegs zu kaschieren, ohne das Bild großartig zu beschädigen. Von daher kann man diese wirklich extrem nervige und atmosphäre-killende Eigenart, die ich auch wirklich nur von „Il Grande Silenzio“ kenne (und von der ich auch gerne mal wüsste, wie sie überhaupt entstanden ist), dem Film selbst wohl kaum anlasten, aber unerwähnt bleiben darf sie auch nicht, denn man kann in diesem Fall ja im wahrsten Sinne des Wortes einfach nicht drüber hinwegsehen.

Zusätzlich macht es Corbucci seinem Werk zu Beginn dadurch relativ schwer, beim Zuschauer anzukommen, dass er es sich selbst beim Story-Writing etwas zu einfach gemacht hat. Zwar ging man ja gerade früher noch davon aus, dass man dem Zuschauer während eines Films immer schön alles erklären müsse, damit er auch ja nicht das Interesse verlieren möge (ich glaube Hitchcock hat mal etwas in dieser Richtung gesagt, aber ich kriege es nicht mehr zusammen), aber man muss es damit ja nicht übertreiben (ähnlich wie manche Drehbuchautoren heutzutage, wo man mittlerweile ja durchaus der Ansicht ist, dass der Konsument sich einige Dinge auch einfach selbst erschließen kann und will, mit den Sachen, die sie nicht zeigen, deutlich übers Ziel hinausschießen – das muss auch nicht sein). Hier jedoch lassen Corbucci und seine Co-Schreiber die Ausgestoßenen Silence sofort in der ersten Szene ihre ja nun auch nicht gerade unfassbar schwierig zu begreifende Situation relativ plump noch einmal schildern – als ob der nicht wüsste, warum er tut, was er tut. (Spoiler) Dabei wäre es doch gerade interessant gewesen, den Zuschauer über die Hintergründe der folgenden Geldübergabe an den Stummen vorerst im Unklaren zu lassen, um das Bild nach und nach aufzudecken. Womöglich hätte man sogar den Effekt erzielen können, dass dieser die Kopfgeldjäger erstmal für Jungs hält, die eigentlich nur ihren Job erledigen. Denn spätestens im Gefängnis, wenn Pollicut dem Sheriff auch noch einmal einen Überblick über die Sachlage verschafft, fragt man sich, wozu man selbst sich das jetzt nochmal mit anhören soll. Würde man aber erst da die gesamten Zusammenhänge erklärt bekommen (denn bei der Intro-Sequenz bleibt es leider nicht, auch einige folgende Szenen (etwa die, in denen Silence angeheuert wird) sprühen nicht gerade vor raffinierten Dialogen), würde einem das Ganze nicht so merkwürdig vorkommen, da Pollicuts Rechtfertigungen einfach seinem Charakter entsprechen und daher keinen fragwürdigen Eindruck hinterlassen.

Da hätte man sich also durchaus ein wenig mehr Zeit für nehmen können, um den Start runder zu gestalten. Dann hätte man seine Fans vielleicht auch generell vom Nachdenken über die Ausgangssituation abhalten können, weil diese dann bereits so in der Geschichte drin gewesen wären, dass sie dazu gar keine Lust mehr gehabt hätten. So aber fiel zumindest mir bei der letzten Sichtung auf, dass man entsprechende Fragen als Zuschauer wohl besser nicht stellen sollte. Denn der Plot ist schon so konstruiert, dass er nur eine Sichtweise zulässt: die Kopfgeldjäger biegen sich das Recht hier so hin, wie sie es brauchen und sind, obwohl sie Selbiges dadurch auf ihrer Seite haben, die Bösen, während die steckbrieflich Gesuchten, die sich in den Bergen verstecken, die armen Schweine sind, mit denen man Mitleid haben muss. Die Hintergründe des Ganzen dürfen einen dann aber nicht interessieren. Dabei frage ich mich schon, wie es eigentlich dazu gekommen ist. Was haben die Ausgestoßenen denn gemacht, dass sie aus der Stadt fliehen mussten? Ich meine, die müssen doch vorher auch irgendwo gewohnt haben, oder? Wie der schwarze Middleton etwa, der ja auch im Haus seiner Frau (und damit wohl auch dem seinigen) von Loco aufgegriffen wird. Und diese Häuser geben sie einfach so auf und stehlen ab da? Oder zogen die etwa vorher schon von Ort und zu Ort und plünderten? Das ist ja schließlich auch keine kleine Gruppe… Darauf hat Corbucci hier tatsächlich keine Antworten parat und wie gesagt, sollte man das wohl auch gar nicht hinterfragen. Will ich eigentlich auch überhaupt nicht, aber bei der – ich kann mich da nur noch mal wiederholen – plumpen Einführung der Truppe kommt mir so was halt zwangsläufig in den Sinn.

So wirkt der gesamte Beginn etwas holprig und erst ab der Postkutschenfahrt (wenn die drei wichtigsten Leute hier auch das erste Mal aufeinandertreffen) geht’s so richtig los. Dann aber auch mit allem, was Corbucci hat. Die Fahrt selber, während derer Kinskis Loco immer wieder neue Leichen auf das Kutschendach laden lässt, ist einfach denkwürdig (und wurde daher ja auch aus gutem Grunde vom alten Quentin in seiner Hommage sehr ähnlich angelegt) und lässt in dieser Tristesse sogar ein wenig Humor aufkommen. Und dann geht es Schlag auf Schlag. Silenzio blitzt in der nach dem Finale wohl besten Sequenz mit seiner ewig gleichen Masche bei Loco ab, kriegt die Fresse poliert und darf sich dann doch noch duellieren. Danach darf Loco erstmal ähnlich beeindruckend vom Sheriff gefangen gesetzt und vor der Rache der Ausgestoßenen bewahrt werden, bevor er ihn zum Dank dafür super gemein im Fluss versenkt. Und wie er mit seinen Mannen dann wieder in die Stadt geritten kommt und erstmal mit einem Grinsen im Gesicht die Hure erschießt… Absolut großartig! Geschrieben, inszeniert und gespielt; hier passt alles zusammen. Und tatsächlich revidiert das Script seine vorausgegangenen Schwächen mit einigen unerwarteten Referenzen selbst wieder. So ist Corbucci hier sowohl selbstreferenziell unterwegs, wenn in Silence der Held selbst seinen Gegnern die Hände zerschießt, bevor sie es bei ihm tun können (als hätte er aus „Django“ gelernt), als auch fremdreferenziell, wenn Klaus Kinski sich hier ganz im Gegensatz zu „Per Qualche Dollaro In Più“ eben nicht vom Antihelden reizen lässt. Diese Raffinessen lassen einen doch ziemlich erstaunt genießen und dann ist es einem ehrlich gesagt auch schon wieder ziemlich egal, wie das Ganze hier eigentlich angefangen hat.

Und doch. Eigentlich würde sich so ein Beginn in der Endabrechnung negativ niederschlagen. Zwar nicht unfassbar deutlich, denn wir reden in diesem Fall immerhin nur über die ersten Minuten und dort ja auch nur über ein wenig Dialog und eine Ausgangssituation, über die sich außer mir sowieso wieder niemand Gedanken macht, aber doch immerhin über eine halbe Stunde Film. Und eigentlich dürfte es damit nicht mehr für die Höchstwertung reichen. Aber „Il Grande Silenzio“ ist eben kein normaler Film – und er endet vor allem nicht normal. Denn wenn es ein Finale in der Geschichte des Kinos verdient hat, als genial bezeichnet zu werden, dann ja wohl dieses hier. Schließlich ist ein Unhappy Ending generell schon etwas Besonderes, aber in dieser vollkommen rücksichtslosen Konsequenz hat es ein solches vorher wie hinterher kaum gegeben. Und ich sage „kaum“ jetzt auch nur deshalb, weil ich einfach nicht so vermessen sein möchte, zu behaupten, ich würde alle Streifen dieser Welt kennen (ganz im Gegenteil ist die Anzahl derer, die ich bislang gesehen habe, im Vergleich zu der, die es insgesamt gibt, natürlich verschwindend gering). Aber mir persönlich fällt da nur „Arlington Road“ ein, dessen Ende ich als ähnlich heftig bezeichnen würde, wenn auch der tatsächlich nicht so brutal in die Magengrube schlägt wie „Leichen pflastern seinen Weg“ es tut („Last Samurai“ z. B. hat ja auch einen ähnlich emotionalen Schluss, aber da traut man sich den letzten Schritt dann ja doch nicht zu und lässt zumindest die amerikanische Heldenfigur das Gemetzel überleben, was ich persönlich immer als eine vertane Chance empfinde). Ich zumindest bin jedes Mal wieder zutiefst ergriffen und den Tränen nah, wenn ich das sehe. (Spoilerende) Und ein solches Ende muss einfach einem Sechs-Sterne-Western gehören. Da liegt so viel Emotionalität drin… Das kann man dann auch mit Worten nicht weiter beschreiben; das muss man gesehen haben. Damit machte Corbucci die kleinen Verfehlungen seines Scripts vom Beginn aber mehr als wett und hätte damit dann eigentlich doch einen Streifen landen müssen, der die Höchstwertung einfährt. Eigentlich…

Denn „Il Grande Silenzio“ ist eben wirklich absolut kein normaler Film – und er hatte vor allem keinen normalen Regisseur. Am Ende ist es nämlich Corbucci selbst, der das Ganze hier doch noch versemmelt hat.  Bzw. sich um den verdienten Lohn gebracht hat, um es nicht ganz so drastisch auszudrücken. Aber ich sage lieber versemmelt. Dies spiegelt nämlich mein Gefühl wieder, das ich beim Ansehen dieses Klassikers mittlerweile empfinde. Denn hätte Corbucci hier einfach nur wieder so inszeniert wie beispielsweise bei „Django“, wäre alles gut gewesen und ich müsste weiterhin die sechs Sterne vergeben, die ich diesem Werk bei den ersten drei Sichtungen jeweils verlieh. Aber jetzt, beim vierten und auch fünften Mal (habe in diesem Fall natürlich vorsichtshalber gleich noch einen Durchlauf eine Woche später hinten drangehängt), muss ich sagen, dass ich das nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Denn der gute, alte Sergio zeigt hier einfach schon sehr viel zu eindeutig, dass er sich selbst als Auftrags-Regisseur verstand. Und dachte ich beim vierten Durchlauf über seine Fehler in der Inszenierung hier, dass es sich dabei um ein, zwei Schlampigkeiten handele, so muss ich nach dem fünften leider feststellen, dass sich das von Beginn an durch den gesamten Streifen zieht. So ist hier nicht ein Shootout wirklich zu genießen. Immer wird hier viel zu schnell geschnitten und oft auch weggeschnitten, eigentlich nie kann man wirklich was erkennen und somit kommt dabei nie auch nur der Hauch von Realismus auf, den gerade dieser Film bitter nötig hätte. Und das ist mein Hauptkritikpunkt an Corbuccis Regieleistung hier. Der Rest, wie z. B. seine teilweise bereits fehlende Ruhe oder die ebenfalls ziemlich unnachvollziehbar gedrehte und geschnittene Szene, in der Kinski zu Beginn einen der Ausgestoßenen auspeitscht, fallen wirklich nicht großartig ins Gewicht. Und auch seine wirklich schlechten (das muss man einfach mal ganz klar so auf den Punkt bringen) Schießereien hier wiegen ja Gott sei Dank nicht halb so schwer wie bei jedem 08/15-Italo, der quasi nur aus Selbigen besteht, weil „Leichen pflastern seinen Weg“ im Gegensatz dazu ja glücklicherweise eine Pferdeoper ist, die viel über die Geschichte und vor allem deren Ende kommt, aber da es eben trotzdem ein Spaghetti-Western bleibt, über den wir hier reden und für den diese Art von Szenen eben trotzdem essenziell ist, bringen sie mich schlussendlich dann doch dazu, diesem Werk nur noch fünf Sterne geben zu können. Mehr ist trotz des genialen Finales im Zusammenspiel mit dem plumpen Beginn dann einfach nicht drin. Und auch wenn dies jetzt eine Sache sein mag, die jemand bei den ersten zwei und – wie bei mir – vielleicht sogar drei Anläufen gar nicht so mitbekommt – auch das muss ein Sechs-Sterner auf jeden Fall können. Er muss bei jeder neuen Ansicht sein Potenzial entfalten können. Und ich schiebe diese schlampige Inszenierung jetzt einfach mal darauf, dass Corbucci das auch 1968 schon nicht mehr so wichtig war. Da musste die Kohle stimmen und der Dreh schnell gehen, damit die nächste verdient werden konnte. Das ist ob seines unbestritten riesigen Talents einfach nur schade. Denn ansonsten merkt man ja auch hier eindeutig, dass da jemand im Regiestuhl saß, der sein Fach verstand.

So z. B. auch ganz klar bei seiner Schauspielerführung, die erneut mitverantwortlich für die trotz allem höchste Qualität dieses Streifens ist. Gerade im Italo-Bereich dürfen wir ja nicht so häufig Weltklasse-Darbietungen erleben, aber „Il Grande Silenzio“ hält eine für uns parat: jene von Klaus Kinski. Der war nämlich nie so gut wie hier! Nicht in den Edgar-Wallace-Verfilmungen oder „Winnetou II“, nicht für Werner Herzog (auch wenn ich von dem noch nicht gar so viel gesehen habe) und schon gar nicht in anderen italienischen Streifen (auch wenn er da natürlich noch einige weitere sehr gute Auftritte hatte). Denn dort war er bei seinen besseren Darbietungen einfach „nur“ ein guter bis sehr guter Schauspieler. Hier aber haben wir einen jener seltenen Fälle, wo der Darsteller komplett hinter seiner Figur verschwindet und eins mit ihr wird. Kinski ist hier Loco (oder Tigrero, ist mir egal). Genauso unheimlich fies wie unheimlich schlau und von daher unheimlich unausrechenbar. Dagegen kann der übertrieben wortkarge (weil stumme) Antiheld in Person von Jean-Louis Trintignant natürlich nicht ankommen, obwohl auch der Franzose seine Sache hier sehr gut macht. Und er hat natürlich den Vorteil, dass er bei seinem einzigen Genre-Auftritt ein weiteres Alleinstellungsmerkmal hat. Mindestens ebenso gut wie er sind Frank Wolff und Luigi Pistilli hier einzuschätzen. Und auch wenn Ersterer mit seiner bisweilen doch etwas naiven Rolle zu kämpfen hat: Man nimmt ihm jede seiner Handlungen ab. Und Pistilli ist so herrlich schmierig – es ist ein Augenschmaus! Andere Genre-Ikonen wie Mario Brega, Raf Baldassarre oder Spartaco Conversi gehen da dieses mal komplett unter wie ich finde. Höchstens Bruno Corazzari muss man für den wirklich sichtlichen Spaß, den er beim Verzehr seines Hähnchens entgegen aller Knigge-Regeln hat, noch hervorheben. Und Vonetta McGee fällt natürlich auf. Ganz ehrlich: Ich kannte die vorher nicht. Scheint ja ne Blaxploitation-Ikone gewesen zu sein, aber ich habe mit der sonst noch nichts gesehen. Und ehrlich gesagt ist sie ja ne Hübsche gewesen, aber mehr als ein „gut“ kann man ihr für ihre Leistung hier auch nicht geben. Besser als viele ihrer Kolleginnen in ähnlich gelagerten Filmen dieser Zeit, aber kein Vergleich zu den wirklich starken Frauen-Auftritten in diesem Genre.

Und so ist „Leichen pflastern seinen Weg“ zwar nicht der Italowestern, der am eindrucksvollsten beginnt, aber eindeutig derjenige, der am eindrucksvollsten endet. Und vielleicht ist er sogar der Film mit dem stärksten Finale überhaupt. Vielleicht. Auf jeden Fall ist er darüber hinaus ganz ausgezeichnet gespielt und wartet im weiteren Verlauf dann mit etlichen Genre-Highlights auf, die man nie wieder vergessen wird. Tja und ein Sergio Corbucci, der sich zwar nicht einen wirklich guten Shootout leistet, aber ansonsten alles im Griff und in diesem Subgenre sogar noch Zeit für eine ausgedehnte Liebesszene hat, ohne lächerlich zu wirken, der ist trotzdem der beste Corbucci, den es je gab. Ein paar gute Filme hat er hiernach ja noch gemacht, der alte Sergio, aber an „Il Grande Silenzio“ sollte er nie wieder herankommen. Die düstere Atmosphäre und das alles übertreffende Schnee-Setting sind einfach unerreicht. Ach ja, und als Komponist hat Herr Morricone natürlich auch seinen Teil zum Gelingen beigetragen. Kurzum: Auch wenn es am Ende auch wegen des etwas holprigen Starts nicht mehr für die Höchstwertung reicht, die ich diesem Streifen jahrelang zuerkannte, trägt dieses Werk seinen Klassiker- wie Kultstatus weiterhin völlig zu recht und wird in diesem Subgenre tatsächlich nur noch von einigen wenigen Streifen Sergio Leones übertroffen. Und das ist ja nun wahrlich keine Schande.

Zur DVD:

Ich hab noch die Kinowelt-DVD, die seinerzeit ja zum Standard-Repertoire eines jeden Fans gehörte und nun so langsam aber sicher durch die Filmjuwelen-BD abgelöst werden dürfte. Diese (also erstgenannte Scheibe) verfügt bekanntermaßen über ein diesem Klassiker überhaupt nicht entsprechendes Bild. Das sieht wirklich grausam aus mitunter. Mal eins geht’s auch (wie das bei alten Filmen ja öfter so ist), aber der schlechte Gesamteindruck überwiegt eindeutig. Auch der Ton ist meilenweit von astrein entfernt. Nur das Bonusmaterial, das war sehr gut seinerzeit:

  1. Alternatives Ende: Dieses ist bei diesem Film ja mittlerweile berühmt, auch wenn es bei mir eine ganze Weile gedauert hat, bis ich es das erste Mal sehen durfte (ich glaube die ersten drei Male habe ich diesen hier wirklich auf VHS (sprich meinen Arte-Mitschnitt) geguckt). Mittlerweile gibt’s das ja auch mit Ton zu bestaunen, aber es ist so oder so ein wirklich erstaunliches Zeitdokument. So wird der Film ja jeglicher Aussage und natürlich auch Theatralik, die er vorher über 90 Minuten aufgebaut hat, beraubt. Heute würde man so etwas hoffentlich nicht mehr extra produzieren müssen.
  2. Interview mit Klaus Kinski: Dieses legendäre Ausraster-Interview mit dem deutschen Sturkopf hat mit dem Film an sich natürlich absolut nichts zu tun, ist aber immer wieder großartig anzuschauen. Wirklich spannend zu sehen, wie dieser Mensch gedacht und gehandelt hat. Das sollte wirklich jeder mal gesehen haben und hat es spätestens seit dieser Veröffentlichung ja sicherlich auch.
  3. Trailer

Und auch, wenn man alle drei Materialien mittlerweile auf Youtube finden kann: Für Leute wie mich, der ich Googles Selbstdarstellungsportal nur sehr selten nutze (nur, wer es gar nicht besucht, nutzt es weniger, würde ich fast sagen), ist es gut, so was auf Platte zu haben. Und diesen Streifen natürlich sowieso, aber bei der wirklich schlechten Bildqualität, wäre ich trotz dieses Mehrwerts bei diesem auch unbedingt bereit auf BD upzugraden, aber ich habe die ganz starke Befürchtung, dass Filmjuwelen auch wieder nur das gleiche schlechte Ausgangsmaterial für ihren HD-Scan genutzt haben. Von daher bin ich noch vorsichtig und warte damit noch ein wenig. Vielleicht kommt in nächster Zeit ja noch was richtig Exklusives. Bis dahin soll mir die alte DVD dann reichen (denn in irgendeiner Form muss man „Leichen pflastern seinen Weg“ ja in der Sammlung haben).

Zitate

„Was ist das für eine verrückte Zeit? Ein Schwarzer ist doppelt so viel wert wie ein Weißer…“(Loco hinterfragt die Mechanismen des Marktes)

„Eigentlich sehen Sie wie ein Viehhändler aus.“(Loco begrüßt Gideon Burnett, den neuen Sheriff des Ortes)

„Der hat überall Leichen liegen.“(Burnett bestaunt Locos Frischhalte-Technik)

„Er ist stumm Sheriff.“ – „Ach, das wusste ich nicht. Das hätten Sie mir… Das hätten Sie mir sagen müssen.“(Burnett ist der Meinung, dass es nicht in Ordnung ist, wenn der Titelheld selbst kein Zitat hinterlassen kann)

„Ich habe noch nie einen geschlagen, der gefesselt ist, Loco, aber bei Ihnen muss ich mich zusammenreißen, um es nicht zu tun.“(Burnett weist auf seinen eiserenen Willen hin)

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