Für eine Handvoll Dollar

Per Un Pugno Di Dollari

★★★★

  • Jahr: 1964
  • Regie: Sergio Leone
  • Darsteller: Clint Eastwood, Gian Maria Volonté, Sieghardt Rupp, Marianne Koch, José Calvo, Joseph Egger, Wolfgang Lukschy, Aldo Sambrell...

Story

Der schweigsame Revolverheld Joe (Clint Eastwood) kommt in das mexikanische Nest San Miguel, wo sich die beiden verfeindeten Familien der Baxters und der Rojos einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft liefern. Schnell merkt er, dass hier viel Geld zu holen ist und spielt die beiden Parteien mit Hilfe des Wirtes Silvanito (José Calvo) und des Totengräbers Piripero (Joseph Egger) gegeneinander aus, was zuerst auch super funktioniert. Dann allerdings wird ihm Marisol (Marianne Koch), Ramon Rojos (Gian Maria Volonté) „Geliebte“, die dieser zwingt, bei sich zu leben, zum Verhängnis. Nachdem er ihr und ihrer Familie zur Flucht verholfen hat, wird er von Ramon geschnappt und halb zu Tode gefoltert. Er kann sich jedoch befreien und zieht sich vorerst in eine Höhle zurück, in der er sich auskurieren kann, um die Rojos, die die Baxters inzwischen vernichtet haben, sodann zum finalen Duell herauszufordern. In diesem legt er mithilfe eines selbstgebauten Schutzschildes alle Schurken um und reitet anschließend mit dem vielen verdienten Geld von dannen.

Worte zum Film

geniale Darsteller, grandiose Western-Aufbereitung von Akira Kurosawas Story, sehr gute Musik; gemessen an seinem Einfluss nicht umsonst einer der wichtigsten Filme aller Zeiten und daher einfach Kult

Bewertung

Zum Film:

„Für eine Handvoll Dollar“ – Dieser Name steht mittlerweile für Kult. Western-Kult in Reinform. Und mehr noch als das. Er ist ein Mythos, die Revolution im Westerngenre. Für die allermeisten Italowestern-Fans (und so auch für mich) dürfte es der wichtigste Film aller Zeiten sein (der beste natürlich nicht, damit dürfen andere Italos sich schmücken, aber ohne „Fistful“ hätte es diese nie gegeben, soviel dürfte klar sein) und auch sonst ist seine filmhistorische Bedeutung nicht wesentlich geringer. Schließlich erfand Leone nicht nur den Western neu, sondern erschuf nebenbei auch noch den Antihelden und Ennio Morricone kreierte einen ganz eigenen, neuen Film-Sound, der später genauso oft kopiert werden sollte wie der Regiestil des alten Sergios. Und auch wenn uns das Ganze heutzutage ja leider nicht mehr ganz so umhauen kann wie die Kinobesucher damals, weil wir erstens nicht nur um eben diese Bedeutung für den Film an sich und den Western im Besonderen wissen, sondern zweitens vorher höchstwahrscheinlich auch schon ein paar andere Italo-Klassiker à la „Zwei glorreiche Halunken“, „Spiel mir das Lied vom Tod“, „Django“ oder „Leichen pflastern seinen Weg“ konsumiert haben, die die Jungs und Mädels von 1964 selbstredend noch nicht kennen konnten und deren Kenntnis uns natürlich des ganz großen Aha-Effekts in Bezug auf die Neuerungen gegenüber dem US-Western, die Leone inventiert hat, beraubt, so hat „Per Un Pugno Di Dollari“ trotz alledem heute noch nichts von seiner ursprünglichen Kraft, Frische, Vitalität, Anziehungskraft und Genialität verloren. Im Gegenteil. In einer Zeit, in der das Kino immer schneller wird, bei Bourneschen Handkamera-Experimenten so fix geschnitten wird, dass höchstens eine Fliege mit ihren Facetten-Augen da noch hinterherkommen könnte und uns eine Flut von zwar handwerklich und ausstattungstechnisch ziemlich anspruchsvollen, inhaltlich aber völlig belanglosen Blockbustern überrollt, bietet ein Film wie Leones Western-Debüt für Fans der alten Schule (und dazu zähle ich zu einhundert Prozent) eine nicht nur willkommene, sondern auch dringend benötigte Fluchtmöglichkeit in eine Zeit, in der Überraschungen auf der Leinwand noch möglich, die Männer noch Männer waren und der Western noch eine Zukunft hatte.

Und dass er seit jeher nicht nur eingefleischte Pferdeopern-Narren wie mich anspricht, sondern auch Fans ganz anderer Filmgattungen überzeugt, spricht einfach für sich. „Für eine Handvoll Dollar“ ist eben nicht nur ein Kult-Film, sondern ein echter Klassiker und zur Abwechslung mal einer, dem auch ich mich völlig ergebe. Wunderbarerweise war er tatsächlich auch der erste Film von Sergio Leone, den ich in meinem Leben sah und noch wunderbarererweise auch einer der allerersten Italowestern, die ich bewundern durfte. Zwar musste ich den anfänglichen Überschwang, der nach dem ersten Mal Gucken in mir wallte, mittlerweile etwas bremsen und ihn für mich von fünf auf vier Sterne herabstufen, denn es gibt einfach von der reinen Qualität her doch echt noch wesentlich bessere Filme (was nicht zuletzt Leone selbst auch mit jedem seiner nachfolgenden Streifen bewiesen hat), aber rein von der Bedeutung her betrachtet, ist und bleibt „Fistful Of Dollars“ der Sechs-Sterne-Western schlechthin.

Nun muss ich allerdings gestehen, dass es mir immer sehr schwer fällt, etwas wirklich Geistreiches zu Leones Filmen zu Papier zu bringen, weil er für mich einfach der beste Regisseur war, den es je gegeben hat und ich meine Gefühle für seine Filme schwer in Worte fassen kann. Es hat einfach immer etwas Erhebendes einen Leone zu schauen und so ist es auch bei „Per Un Pugno Di Dollari“. Sicherlich sind die später zur Vollkommenheit geführten Stilmittel des Maestros, der Einsatz der Kamera, der Gesichter, der Kleidung, der Musik, der Landschaften und Settings, des Humors etc., hier noch nicht zur Blüte geführt worden (bestes Beispiel hierfür wohl seine Gesichts-Close-Ups, die hier noch nicht nur die Augen zeigen, sondern in der dichtesten Einstellung glaube ich von den Augen bis kurz unter die Nase reichen), aber für 1964 war das, was schon da war (und das ist nun mal fast alles), immer noch revolutionär und dafür war es ja eben auch sein erster. Jeder fängt hält klein an und wenn dann einer wie Leone anfängt, fängt er auch schon mal mit einem Vierer an (im Westerngenre jetzt, den seltsamen „Koloss von Rhodos“ lassen wir jetzt mal außen vor).

Nehmen wir zum Beispiel mal seine Idee der Storyadaption eines Filmes wie „Yojimbo“ für’s Western-Genre. Ein Geniestreich ohne Frage. „Die Rojos auf der einen, die Baxters auf der anderen Seite. Dann wird mein Platz in der Mitte sein.“ Spannend von Anfang bis Ende (wobei ich zugeben muss, dass dem Film am Schluss so ein bisschen die Spritzigkeit ausgeht, ein Grund dafür, warum er „nur“ ein Vierer ist), ein filmhistorisches Finale, immer einen Schuss guten, zynischen Humor mit bei und eine Kompromisslosigkeit, die zu der Zeit ihresgleichen suchte (wunderbar finde ich zum Beispiel die Szene, in der Eastwood der Koch mit der Faust ins Gesicht schlägt und dann sogleich mit den Augen rollt; köstlich). Dazu ein Regisseur, der genau wusste, was er wollte und wie man es machen musste (was in dem Subgenre, das er hiermit erschaffen sollte, ziemlich selten bleiben sollte) und eine Crew, die offensichtlich auch sehr gut war, was sich an Morricones hervorragendem Score oder Massimo Dallamanos klasse Kameraarbeit ja leicht festmachen lässt. Fehlten dem alten Sergio eigentlich nur noch ein paar fähige Darsteller.

Und auch da brauchen wir nicht lange zu palavern, schließlich wissen wir alle, wer Clint Eastwood ist, welcher Film ihn zum Star gemacht hat und was für eine Riesen-Karriere er hiernach hinlegen sollte. Es gibt zwar Leute, die noch cooler waren als er und auch er selbst sollte noch einige wenige bessere Auftritte haben als hier (nicht zuletzt in den beiden nachfolgenden Filmen), aber man kann sich einfach niemand anderen in der Rolle des schweigsamen Revolverhelden Joe vorstellen. Auch diese Performance lebt viel vor ihrer filmhistorischen Bedeutung. Gian Maria Volonté hingegen war höchstens in „Quien Sabe“ besser, ansonsten ist er hier einfach outstanding, wie der Engländer sagen würde. Und dann noch mit der Stimme von Rainer Brandt in der deutschen Synchronisation… Was soll da schief gehen? (Wobei man vielleicht hinzufügen sollte, dass er hier streng genommen (wenn ich mich nicht verhört habe) sogar 3 (!) verschiedene Stimmen hat, weil anscheinend gleich in zwei Anläufen was nachsynchronisiert wurde, was sich natürlich total scheiße anhört.) Nicht gefallen tut mir jedes Mal wieder nur Marianne Koch. Ihre Rolle ist einfach völlig überflüssig (ein weiterer Grund für die vier Sterne), sie weiß anscheinend auch nicht genau, was sie machen sollte und offensichtlich war noch nicht mal Sergio Leone dazu in der Lage, ihr das beizubringen. Ansonsten können sich all die anderen Nebendarsteller, die Leone und Crew auswählten, im Nachhinein ja nur superglücklich schätzen, dabei gewesen zu sein, weil sie hiernach ja nur allzu oft die erste Wahl anderer Italowestern-Regisseure waren. Schließlich kennen wir alle mittlerweile Namen wie Aldo Sambrell, Benito Stefanelli, Jose Canalejas, Antonio Molino Rojo, Lorenzo Robledo, Luis Barboo, Frank Brana, Mario Brega, Raf Baldassare, Sieghardt Rupp und wie sie alle heißen nur zu gut. Die meisten von ihnen haben hier zwar wirklich nur eine Kleinstrolle, aber immerhin. Und auch all die anderen, die ich jetzt vielleicht noch nicht erwähnt haben sollte (etwa Wolfgang Lukschy oder Joseph Egger, die mir jetzt spontan einfallen würden), machen ihre Sache gut.

Und so wurde „Für eine Handvoll Dollar“ im Gesamtpaket eben zu dem Klassiker, der er heute mit Recht ist. Und es gibt kaum einen Film, der diesen Titel mehr verdient als er. Zwar ist er vor allem im Vergleich mit den späteren Filmen Leones doch leider als noch nicht ganz „sehr gut“ im Sinne von fünf Sternen zu bezeichnen (auch weil ihm die später so typische und schöne Länge und Melancholie der Leone-Streifen abgeht), aber er steckt trotzdem noch fast alles, was es in diesem Genre gibt, locker in die Tasche. Allein dieser Vorspann… (Zur Musik von „Dan Savio“. ;D) Kult! Ihr merkt schon: Mir gehen langsam die Superlative aus, weil es bei Leones Filmen einfach nicht einfach ist, sein Genie mit einfachen Worten zu beschreiben (versteht ihr, was ich meine? – er ist wirklich der Regie-Gott gewesen). Allerdings hoffe ich doch, dass ich mit meiner Bewertung hier grundsätzlich auch gar keinen weiteren Guck-Anreiz schaffen muss bzw. dass man sich diese sowieso schon im Wissen um den Film durchgelesen hat, denn dieser sollte eigentlich (wie alle Leone-Filme danach auch) zum Weltkulturerbe erklärt werden. Wenn’s nach mir geht, müsste ihn jeder Mensch wenigstens einmal in seinem Leben gesehen haben. Das hier ist mit das Beste, was dieses wunderbare Genre zu bieten hat und hat ganz nebenbei – und das ist ja für uns das Wichtigste – ein neues Subgenre begründet, aufgrund dessen viele ja erst zum Western-Fan wurden. Phänomenal. Ein Western-Monument für die Ewigkeit von kolossaler Bedeutung. Ein Meisterwerk.

Zur DVD:

Also da hat Paramount mit ihrer „2 Disc Special Edition“ ’ne richtig schöne Veröffentlichung hinbekommen. Bild und Ton sind so wie es sich für so einen Klassiker gehört genial und auf der Film-Disc ist als Bonus wie eigentlich immer bei den Leone-Western ein Audiokommentar von Sir Christopher Frayling drauf (hab zwar erst kurz reingeguckt und kann jetzt nich viel dazu sagen, ist aber mit Sicherheit hochinteressant). Die 2., die Bonus-Disc, ist dann natürlich wieder randvoll mit Bonusmaterial:

  1. „Ein Held neuer Art“: Sehr interessante, 21minütige Doku. über den von Leone geschaffenen Anti-Helden mit Frayling als Sprecher, der – nebenbei bemerkt – einer der ganz wenigen Briten ist, denen man zuhören kann, ohne nach drei Sätzen ob des Dialekts durchzudrehen. Man hört ihm sogar sehr gerne zu, das ist cool.
  2. „Für ein paar Wochen in Spanien“: 71/2minütiger Ausschnitt aus dem berühmten Interview Clint Eastwoods über seine Zusammenarbeit mit Sergio Leone, in dem der Schauspieler natürlich nur Fragen zu „Für eine Handvoll Dollar“ beantwortet. Sehr interessant das Ganze.
  3. „Tre Voici“: Alberto Grimaldi, Sergio Donati und Mickey Knox erinnern sich an Sergio Leone. Ich glaub dasselbe Ding ist auch auf der „Für ein paar Dollar mehr“-DVD von Paramount drauf. Wie dem auch sei, auch das ist sehr cool.
  4. „Restauration Italian Style“: 5minütiger Einblick in die Restaurationsarbeiten von „Für eine Handvoll Dollar“. Ganz interessant.
  5. Drehortvergleiche: Also ich bin ja erklärter Feind dieser Drehortvergleiche, aber hier hat man das mal so was von anders und super gemacht, dass sogar ich mir das gerne angekuckt habe und mein Finger nicht gleich wieder die Menü-Taste betätigte. Es ist nämlich so, dass man hier bewegte und nicht starre Bilder hat und man am Schluss jedes einzelnen Vergleichs noch mal das Original aus dem Film zu sehen bekommt, was immer vorhanden sein müsste und den Vergleich für sich selbst extrem vereinfacht.
  6. „Nicht geeignet für die Hauptsendezeit“: Infos über den amerikanischen TV-Prolog von 1977 zu „A Fistful Of Dollars“: Neben erster Doku. das interessanteste Bonusmaterial überhaupt.
  7. „The Network Prologue“: Eben angesprochener Prolog in voller Länge; supergeil. Ein unendliches Dankeschön dafür an Paramount und den Mann, der das damals für uns aufgenommen hat, dass man sich das mal mit angucken darf.
  8. Radio Werbespots: 10 Stück. Nich so mein Fall, aber wem’s gefällt.
  9. Original englischer Kinotrailer und englischer „Double Bill Trailer“ („Für eine Handvoll Dollar“ und „Für ein paar Dollar mehr“)
  10. Werbe-Trailer für Paramount DVDs

Gehört natürlich in jeden vernünftigen Haushalt, diese Scheibe, ist klar. Und wenn schon nicht in der „Special Edition“ (was ich bei Nicht-Westernfans ja durchaus verstehen könnte), dann wenigstens als Single Disc.

Zitate

[Joe reitet in das Städtchen ein und trifft auf den Glöckner] „Man ist hier entweder reich oder tot. Was anderes gibt’s hier nicht.“(der Glöckner nimmt Joe sofort eventuelle Illusionen)

„Sein größter Irrtum war, dass er geboren wurde.“(und auch Baxters Männer begrüßen Joe gleich auf ihre Weise)

[Silvanito bietet Joe etwas Wasser zu trinken an] „Wasser? So verkommen bin ich noch nicht.“(Joe sagt’s, wie’s ist)

„Von oben sieht immer alles ganz anders aus – nicht so gewaltig.“(Joe will sich einen Überblick verschaffen)

„Die Baxters auf der einen Seite, die Roccos auf der anderen; dann wird mein Platz in der Mitte sein.“(Joe hat sich einen Überblick verschafft)

„Wer schläft, lebt länger!“(Silvanito hat seine eigenen Ansichten über die Fehde in der Stadt)

„Es gibt oft so verzwickte Situationen, da kann einem nur noch ein Toter helfen.“(Joe hat einige Lifehacks parat, wie man heute sagen würde und gibt Silvanito damit Rätsel auf)

„Sie lieben den Frieden wohl nicht?“ – „Wie soll ich etwas lieben, das ich nicht kenne und woran ich nicht glaube?“(Joe zeigt, dass er sowieso nie Illusionen gehabt hat)

„Das ist typisch Frau. Wenn die Dinge einfach liegen, fangt ihr an sie zu verkomplizieren.“(Baxter hat Probleme mit der Einstellung seiner Frau)

„Wenn ein Ehemann einen fremden Mann im Schlafzimmer seiner Frau findet, weiß man nie, wie er reagiert.“(Joe entschuldigt sich dafür, dass er Baxter die Waffe entwendet hat)

„Wenn sich zwei Männer duellieren, der eine hat ’n Colt, der andere ’n Gewehr, dann ist der mit dem Colt ein toter Mann.“(im Film ein mexikanisches Sprichwort; wird zuerst von Ramon erwähnt)

[Silvanito erklärt Joe, warum Marisol bei Ramon und nicht bei ihrem Mann lebt] „Er beschuldigt den Mann, dass er falsch gespielt hat, nimmt ihm das Haus weg und zwingt die Frau bei ihm zu bleiben.“ – „Und das lässt der Ehemann sich bieten?“(Joe hat mal wieder eine leicht andere Auffassung der Dinge)

★★★★

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