Wichita

Wichita

★★★ +++

  • Jahr: 1955
  • Regie: Jacques Tourneur
  • Darsteller: Joel McCrea, Vera Miles, Lloyd Brigdes, Carl Benton Reid, Wallace Ford, Edgar Buchanan, John Smith, Robert J. Wilke, Jack Elam, Walter Sande, Keith Larsen, Peter Graves...

Story

Als Wyatt Earp (Joel McCrea) im Oktober 1874 nach Wichita, Kansas, kommt, fällt er dem Bürgermeister (Carl Benton Reid) sofort positiv auf. Nach einer Weile lässt er sich von diesem überreden, das Amt des örtlichen Sheriffs zu übernehmen. Mit den sauf- und rauflustigen Cowboys in der Stadt räumt Earp daraufhin schnell auf, jedoch sind seine Methoden den wirtschaftlichen Kräften der Stadt bald ein Dorn im Auge…

Worte zum Film

Wyatt-Earp-Western mit guten Darsteller*innen, schöner Optik und knackiger Erzählweise; historisch gesehen natürlich nicht korrekt; keiner für die Waffenlobby

Bewertung

 

„Es kommt nicht darauf an, wer Recht hat, sondern was Recht ist.“ – sagt der Film-Wyatt-Earp

 

Jacques Tourneur mag vielleicht in erster Linie für seine Grusel- bzw. Film-Noir-Beiträge bekannt sein; dass man ihn darauf jedoch nicht reduzieren sollte, beweist er mit „Wichita“ (mindestens mit diesem, möchte ich vorerst sagen, denn leider hatte ich zuvor noch keinen weiteren seiner Western gesehen). Ein flottes, knackig erzähltes Lehrstück über das Recht und die Kollision der Durchsetzung desselben mit Kommunalkapitalismus. Oder eben die typische Konfrontation des Westerners und seines Kodexes mit der Gesellschaft. Und weil das den Machern um Drehbuchautor Daniel B. Ullman damals offensichtlich noch nicht genug war, sollte diesen Kampf nicht irgendein Westerner kämpfen, sondern Wyatt Earp!

Dieser war 1874 bekanntlich tatsächlich in Wichita wiederaufgetaucht, nachdem er sich laut eigener Aussage zwischenzeitlich als Büffeljäger verdingt hatte. Genau diese Prämisse greift Ullman hier auf und an genau dieser Stelle muss der historisch interessierte Westernfan sich bei einem Werk dieses Baujahres natürlich auch schon wieder davon verabschieden, hier einen Streifen vorgesetzt zu bekommen, der auch nur annähernd als realistisch bezeichnet werden könnte. Wer sich von dieser Vorstellung nicht trennen kann, wird „Wichita“ wohl kaum genießen können. Dieser hätte ansonsten nämlich allein schon deswegen ein riesiges Glaubwürdigkeitsproblem, da Haupt- und damit Wyatt-Earp-Darsteller Joel McCrea zu Drehzeiten etwa 49 Jahre alt gewesen sein müsste, während Earp selbst im Oktober 1874 gerade einmal 26 Jahre alt war. Auch war der zu diesem Zeitpunkt bereits Gesetzeshüter gewesen, weswegen er – entgegen der Darstellung im Film – zu einem solchen Posten in Wichita wohl nicht erst hätte überredet werden müssen. Ach und für die Romantiker unter euch: Verheiratet war Earp da natürlich auch schon einmal gewesen…

Das jedoch nur der Vollständigkeit halber, denn wie gesagt: Wer solcherlei Gedanken nicht ablegen kann, ist bei „Wichita“ sowieso an der falschen Adresse. Vielmehr punktet dieser mit seiner flotten Erzählstruktur, die in gerade einmal 78 Minuten keinen Raum für langwierige Ausfransungen lässt, in denen man sich später verheddern könnte. Glaubwürdig sind die ganzen Wendungen, gerade gegen Ende, zwar nur bedingt, aber der Unterhaltungsfaktor ist hoch. Gerade auch deshalb, weil Ullman sich die eine oder andere Überraschung hat einfallen lassen, die man nicht unbedingt erwartet hätte. ((Spoiler) Ich denke hier etwa an den schrecklichen Tod des kleinen Jungen oder an seinen sehr guten Kniff, die Earp-Brüder, die man schon den ganzen Film über vermisste, auf diese raffinierte Art und Weise dann doch noch in die Handlung einzubauen. Damit hatte ich an der Stelle nicht mehr gerechnet. (Spoilerende))

Außerdem macht es einfach Spaß sich vorzustellen, was wohl die amerikanische Waffenlobby von diesem Western hält, der so vehement und konsequent das altbekannte Thema des Keine-Waffen-in-der-Öffentlichkeit-Tragens verfolgt wie nur wenige. Nun gut, das Recht auf Waffenbesitz und das, sein Haus und seinen Hof damit zu verteidigen, werden damit natürlich nicht angezweifelt, von daher kann diese sich sicherlich auch einfach ein Ei darauf braten, aber ich finde man kann „Wichita“, gerade auch ob seines weiteren Verlaufs, durchaus als einen Vertreter bezeichnen, der die Auswirkungen des privaten Schusswaffengebrauchs generell anprangert. Ich möchte ihn jedenfalls so lesen, fertig. Und wie Earp, weil ihn das hier persönlich berührt, Tacheles mit den Leuten redet, die diese, seine Methoden anzweifeln, macht auch großen Spaß.

Joel McCrea gibt, wenn man die historische Komponente wie empfohlen weglässt, sicherlich einen ordentlichen Wyatt Earp ab, hatte in diesem Genre aber durchaus auch schon bessere Auftritte. Er ist schon sehr brav und steif. Vera Miles macht ihr Sache eigentlich auch gut, ist als sein Love Interest allerdings sehr zu bemitleiden, da sich ihre Figur, wie damals üblich, in den viiiel älteren Mann verlieben muss. Sie war zum Drehzeitpunkt nämlich fast 26 Jahre alt und damit ca. 25 Jahre jünger als McCrea… Diese Probleme haben die vielen, vielen weiteren bekannten Gesichter, die Tourneur hierfür zur Verfügung standen, glücklicherweise nicht, sodass „Wichita“ von schauspielerischer Seite her absolut nichts anbrennen lässt (im Supporting Cast finden sich so etwa Lloyd Bridges, Carl Benton Reid, Wallace Ford, Edgar Buchanan, John Smith, Robert J. Wilke, Jack Elam, Walter Sande, Keith Larsen und Peter Graves wieder – wow!).

Und ganz nebenbei bemerkt hat Jacques Tourneur „Wichita“ optisch auch noch diesen herrlichen CinemaScope-Look verpasst, den ich so liebe. Von daher: Lasst euch von der vermeintlichen historischen Referenz, die der Name Wyatt Earp heraufbeschwören soll, nicht blenden, aber auch nicht diesen Film vermiesen! „Wichita“ hat andere Qualitäten und weiß diese gut auszuspielen: Gut aufgelegte Darsteller*innen, ein kurzes, knackiges Script sowie einige nette Einfälle. Es gibt durchaus schlechtere „One man cleans a town“-Beiträge…

Übrigens: Es ist schon schade, dass in der deutschen Synchronisation niemand die immerhin titelgebende Stadt Wichita richtig auszusprechen vermag, obwohl Tex Ritter einem im Vorspann mehrfach vorsingt, wie’s geht…

Zitate

„Ich möchte so bald wie möglich in Wichita sein. Ich beabsichtige dort ein Geschäft aufzumachen. Was, weiß ich noch nicht. Ich hoffe, Sie werden meine Kunden.“ – „Wenn Sie ne Kneipe aufmachen, können Sie auf uns zählen!“(Rancher Clint Wallace (Walter Sande) kennt den Geschmack seiner Jungs)

„Büffeljagen bringt verdammt viel ein.“ – „Aber Büffeljäger jagen noch mehr…“(Gyps (Lloyd Brigdes) Bruder entdeckt eine Marktlücke)

„Ein Marshal, der seine Pflichten wirklich ernst nimmt, lebt meistens nicht sehr lange.“(Wyatt Earp scheint es doch aus eigener Erfahrung zu wissen…)

„Kein Mensch, der nur einen Funken Verstand hat, ist gerne eine Zielscheibe.“(Zeitungsverleger Whiteside (Wallace Ford) müsste sich eigentlich einen anderen Job suchen)

„Sie kennen ja die Cowboys. Die reiten nicht eher los, bevor nicht ihr Geld alle ist.“(Clint Wallace kündigt den Stadtherren von Wichita schon mal die Gewinnmargen des Abends an)

„Ich ziehe Schießereien an wie ein Magnet das Eisen.“(mit Wyatt Earps Physikkenntnissen ist es nicht so weit her)

„Ich bin sicher, dass Sie das Richtige wollen, aber ich fürchte, dass Sie die Sache falsch anfangen.“ – „Ich sehe keine andere Möglichkeit. Wer keine Waffen bei sich hat, kann auch niemanden niederschießen. Das ist eine einfache Rechnung.“(Wyatt Earps Mathe-Kenntnisse sind dagegen besser)

„Ich bin der Ansicht kein Mensch kann behaupten, er sei der Repräsentant einer Stadt, wenn ihn nicht die Bevölkerung dazu gewählt hat.“(Wyatt Earp ist nebenbei auch noch Demokratie-Botschafter)

„Es kommt nicht darauf an, wer Recht hat, sondern was Recht ist.“(Wyatt Earp würde jeden Richter Stolz machen)

„Gib nicht auf, Wyatt! Nicht eher, als bis so etwas nie wieder vorkommt.“ – „Dann werde ich wohl bis an mein Lebensende kämpfen müssen.“(Wyatt Earp spoilert den Filmausgang)

★★★ +++

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