Never Grow Old
★★★ ++
- Jahr: 2019
- Regie: Ivan Kavanagh
- Darsteller: Emile Hirsch, John Cusack, Déborah François, Molly McCann, Quinn Topper Marcus, Camille Pistone, Sam Louwyck...
Story
Sargschreiner Patrick Tate (Emile Hirsch) will eigentlich nur noch so lange in Garlow leben, bis er mit seiner Familie weiter nach Kalifornien ziehen kann. Als der düstere Dutch Albert (John Cusack) jedoch in dem Städtchen auftaucht, macht er sich selbiges Untertan und Patrick zu seinem mal mehr, mal weniger freiwilligen Komplizen. Der beginnt erst aufzuwachen, als Dutchs schmieriger Handlanger Dumm-Dumm (im Original Dumb-Dumb (Sam Louwyck)) sich an seine Frau Audrey (Déborah François) ranmachen will…
Worte zum Film
schaurig-düsterer Horror-Western; handwerklich ordentlich, inhaltlich oft zu plakativ und überspitzt
Bewertung
Dass Ivan Kavanagh eigentlich ein Horror-Regisseur ist, merkt man „Never Grow Old“, seinem bisher (Stand: Januar 2026) einzigen Western, sofort an. Der ist von der ersten Minute an super atmosphärisch, sehr düster, voller Schlamm und einfach – schaurig… Ja, das ist das Wort. Da scheint eine Fackel dann wirklich das einzige Licht in ansonsten völliger Dunkelheit zu sein. Zu Beginn wird nicht nur mit jeder Menge schrägen Typen gearbeitet, sondern auch mit Home-Invasion-Elementen und je weiter die Handlung voranschreitet, desto bedrohlicher und gruseliger wird das Szenario. Oder anders ausgedrückt: „Never Grow Old“ ist ein waschechter Horror-Western. Keiner von der Sorte heftiger Gewaltdarstellung, sondern eher psychologischer Natur.
Und das macht Ivan Kavanagh auch ziemlich gut. Das ist sehr atmosphärisch, das geht einem unter die Haut und tut irgendwann richtig weh. Dazu trägt natürlich auch sein Drehbuch bei, das eine recht klassische Geschichte eines rechtschaffenen Familienvaters erzählt, der unter den Einfluss eines bösen Neuankömmlings gerät, der die kleine Stadt Garlow schnell zu seiner eigenen macht. Einen interessanten Kniff kriegt das Ganze dadurch, das die Hauptfigur Patrick Tate (Emile Hirsch), aus deren Sicht die Geschehnisse geschildert werden, ein Sargschreiner und Totengräber und damit, durch die vielen neuen Leichen, die der fiese Dutch Albert (John Cusack) seiner vormals so ruhigen, gottesfürchtigen Heimatstadt beschert, selbstverständlich auch ein Profiteur dieser Entwicklung ist. Im Gegensatz zu so einigen karikaturesken Darstellungen von Vertretern seiner Zunft in anderen Genrebeiträgen (in der Regel in Nebenrollen), hat er das Herz aber natürlich auf dem rechten Fleck und kann das daher alles nicht einfach so hinnehmen. Wohin das Ganze führen wird, kann man sich an dieser Stelle sicherlich leicht ausmalen.
Die Bekanntheit des Stoffes ist aber kein Problem. Vielmehr ist es schade, dass es sich Kavanagh bei seiner Hinführung zum Klimax des Geschehens ein wenig zu einfach macht. Die Boshaftigkeiten und Nackenschläge, derer er sein Publikum aussetzt, sollen möglichst schmerzhaft sein und dafür ist ihm jedes Mittel recht. Das gerät dann an einigen Stellen wesentlich zu plakativ. (Spoiler) Etwa, wenn die weiße Unschuld gehängt wird. Das ist optisch schon ein wenig drüber, wird jedoch umso ärgerlicher, wenn man sich vor Augen führt, warum diese überhaupt vor dem Scharfrichter gelandet ist. Weil sie einen Mann erschossen hat, mit dem sie eigentlich hätte schlafen müssen. Weil sie für Albert als Hure arbeiten sollte, nachdem der ihren Vater und Ernährer erschoss, woraufhin ihre Mutter keinen anderen Ausweg wusste als ausgerechnet den Mörder selbst um eine Anstellung zu bitten, weil sie die beiden sonst nach eigener Aussage nicht weiter hätte ernähren können. Als ob es keinen anderen Ausweg gegeben hätte als sich zu prostituieren… Fast schon peinlich wird es für Kavanagh dann, wenn Protagonistengattin Audrey später in einer ganz ähnlichen Situation, in der sie ihren Mann verlassen will, durchaus gewillt ist, sich und die in ihrem Fall sogar drei Kinder (! – inklusive ein Ungeborenes) irgendwo anders und irgendwie anders durchzubringen und dafür notfalls sogar Familienerbstücke zu veräußern. Das gibt das Geschehen zuvor schon ein wenig der Lächerlichkeit preis, weil einem spätestens da klarwerden müsste, dass Kavanagh das alles etwas überspitzt darstellt. Auf der anderen Seite wird zumindest jedem Genrefan zuvor schon längst aufgefallen sein, dass Dutch Albert für seine Herrschaft über die kleine Stadt gerade mal zwei Handlanger benötigt, wo andere in der Regel ne ganze Bande brauchen… (Spoilerende)
Aber damit muss man sich abfinden, wenn man Kavanaghs Werk wirklich mögen will. Es wird eben alles seiner Idee von Destruktion untergeordnet. Egal, ob die finalen Duelle dann eher zum Kopfschütteln ausfallen oder nicht… Mir persönlich war das auf die Dauer dann wie gesagt etwas zu viel.
Ansonsten kann man gegen „Never Grow Old“ aber kaum etwas sagen. Das sieht alles gut aus, das klingt alles gut. Und über ordentliche Darsteller darf man sich ebenso freuen. Emile Hirsch, dem ich mittlerweile sehr gern zuschaue, spielt den innerlich zerrissenen, einfachen Mann aus dem Volk gewohnt gut, während John Cusack als wirklich fieser Bösewicht Spaß daran hat, mindestens bis an die Schmerzgrenze zu gehen (und bisweilen auch darüber hinaus). Trotzdem: Ich hätte die beiden am liebsten in vertauschten Rollen gesehen. Der Supporting Cast um Déborah François, Molly McCann, Quinn Topper Marcus, Camille Pistone und Konsorten macht das ebenfalls ordentlich, kommt über diesen Status (also die Unterstützung der Hauptdarsteller) aber auch wirklich nicht hinaus. Bis auf Sam Louwyck vielleicht. Interessant wie ähnlich der Eduardo Fajardo sieht – finde ich zumindest…
Aus „Never Grow Old“ hätte also richtig was werden können. Eine düster-bedrohliche Atmosphäre, talentierte Mimen sowie generell eine gute Handwerklichkeit waren guten Voraussetzungen. Am Ende ist Ivan Kavanaghs klassische Schauergeschichte aber bisweilen zu überspitzt, um sie wirklich ernst nehmen zu können. Dadurch verpufft mit zunehmender Spielzeit der Effekt. Kann man sich daher angucken, hat man aber auch schnell wieder vergessen.
Zitate
[Dutch Albert bietet Patrick Tate einen Drink an] „Ich hab seit vier Jahren nichts mehr getrunken. Meine Frau, wir wollen nicht…“ – „Gut, dass sie nicht hier ist.“(Dutch Albert sieht’s positiv)
„Wenn ich in deine Augen schaue, sehr ich nur Angst.“(Dutch Albert stellt fest)
„Ich lag falsch bei dir, Ire: Du hast amerikanisches Blut.“(Dutch Albert stellt nach Ansicht der Laborwerte fest)
★★★ ++
