Godless
★★★★
- Jahr: 2017
- Regie: Scott Frank
- Darsteller: Jack O’Connell, Jeff Daniels, Michelle Dockery, Merritt Wever, Scoot McNairy, Thomas Brodie-Sangster, Tantoo Cardinal, Adam David Thompson, Tess Frazer, Samantha Soule, Audrey Moore, Kim Coates, Samuel Marty, Christiane Seidel, Erik LaRay Harvey...
Story
Schnell muss die taffe, mehrfache Witwe Alice Fletcher (Michelle Dockery) erkennen, wen sie da des Nächtens angeschossen und anschließend wieder gesund gepflegt hat: Roy Goode (Jack O’Connell), einen Outlaw, der sich auf der Flucht vor seiner alten Bande um Frank Griffin (Jeff Daniels) nun bei ihr versteckt. Zu ihrer Überraschung lässt er sich von Sheriff Bill McNue (Scoot McNairy) jedoch ohne Gegenwehr arrestieren. Daher holt sie ihn in Bills Abwesenheit auch wieder aus dem Kittchen heraus und schließt mit dem sehr pferdebegabten Roy einen Deal: Er reitet ihre Pferde ein, während sie ihm dafür das Lesen beibringt. Schnell wird jedoch klar: Frank Griffin wird früher oder später herausfinden, wo Roy sich versteckt und dann nach La Belle, dem nahe liegenden Städtchen, kommen. Dort leben nach einem Minenunglück fast nur noch die ehemaligen Frauen der verstorbenen Arbeiter. Ob diese dem fiesen Bösewicht, der beim letzten Mal gar eine ganze Stadt von seinen Männern massakrieren ließ, gewachsen sind?
Worte zum Film
großartige Darsteller, super sympathische Charaktere, sehr interessante, unverbrauchte Storyansätze sowie -verläufe, geschliffene Dialoge und eine tolle Regie; einzig das Ende fällt ein bisschen ab
Bewertung
Im Nachhinein ärgere ich mich mal wieder nur darüber, dass ich „Godless“ nicht schon viel früher eine Chance gegeben habe. Aber ich hatte irgendwann mal den Trailer dazu gesehen und der hatte mich nun nicht gerade umgehauen. Und wenn ich ihn mir heute noch einmal angucke, bleibt er tatsächlich auch das eindeutig Schwächste an dieser ansonsten schlicht großartigen Mini-Serie. Ihr könnt es ja ausprobieren und euch selbst ein Bild machen, aber falls es euch anschließend so gehen sollte wie mir, lasst euch davon bloß nicht abschrecken!
Vielleicht liegt es an Scott Franks Optik, die im Trailer schon ziemlich gut durchkommt und an die ich mich tatsächlich auch erst gewöhnen musste – gerade nach der Intro-Szene, die mit einem gruseligen, riesigen CGI-Berg endet… Entsprechend schwache und daher leider auch direkt als solche zu erkennende Hilfe aus dem Computer lässt der Regisseur sich auch anschließend noch das eine oder andere Mal geben, insgesamt aber setzt er auf handgemachte Western-Unterhaltung. So, wie es sich in diesem Genre gehört. Seine Optik jedoch bleibt sehr grell und irgendwie comichaft.
Daran gewöhnt man sich jedoch sehr schnell. Vermutlich auch deswegen, weil Frank, der diese Serie als Regisseur, Produzent und Drehbuchautor in Personalunion verantwortete, diese offensichtlich an sein Script angepasst hat. Dieses wirkt eigentlich zu keiner Zeit so, als könnte sich die erzählte Geschichte auch wirklich so zugetragen haben, sondern stets leicht überhöht und eher so, als würde man uns hier eine alte Legende vortragen. Denn als solche würde die Geschichte der Kleinstadt La Belle, die bei einem Minenunglück fast alle ihre Männer verlor und seither also fast nur noch von Frauen bevölkert wird, die sich der drohenden Gefahr des Überfalls durch eine (große!) Bande von schwer bewaffneten, skrupellosen Banditen gegenübersehen, glatt durchgehen. Diesen sehr interessanten, unverbrauchten Ansatz erweitert Frank noch um eine aus dem Ruder gelaufene Ziehvater-Sohn-Geschichte unter den Verbrechern sowie etliche weitere kleine, persönliche Schicksale, die man so nicht in jeder Pferdeoper vorfindet (einen immer weiter erblindenden Sheriff, eine mehrfache Witwe, die sich mit ihren vielen Pferden, ihrem pubertierenden halbindianischen Sohn sowie ihrer Paiute-Schwiegermutter herumschlagen muss, einer lesbischen Schwester des Sheriffs etc. pp.). Das ist cool, das ist mal was anderes und das macht absolut Spaß. Vor allem, weil er seine Comic-Attitüde gnadenlos dafür nutzt, in „Godless“ auch richtig viel Humor unterzubringen. Der ist vor allem deswegen so pointiert, weil Frank zusätzlich noch ein hervorragender Dialog-Autor ist. Die Oneliner und Sprüche hier gehören mit zu dem Besten, was ich im gesamten Jahr 2025 gesehen bzw. gehört habe (wie gesagt, war halt wesentlich zu spät dran…). Und als ob das nicht alles schon genug wäre, gelingt ihm der Spagat zwischen diesem Humor und der schonungslosen Gewalt, sobald sie dann mal auftritt, hervorragend.
Wer vorher evtl. den überragenden „A Walk Among The Tombstones“ gesehen hat (den neben „96 Hours“, mit dem ja alles anfing, (bisher) definitiv besten Film aus Liam Neesons „Action-Phase“), weiß, dass Scott Frank kein Kind von Traurigkeit ist. Und er ist ein richtig guter Regisseur! Hier wie da sehen die Action-Szenen wirklich gut aus. Aber auch die erwähnte Optik, sein Timing, seine Atmosphäre und seine Darstellerführung lassen so gut wie keinen Wunsch offen.
Letztere mag ob des überragenden Ensembles, dessen er sich bedienen durfte, leicht gewesen sein, aber das wäre pure Spekulation. Fakt ist, dass „Godless“ nicht umsonst auch für Casting-Preise nominiert war. Was Casting Direktorin Ellen Lewis hier „zusammengetragen“ hat, ist schlicht fabelhaft. Egal ob Jack O’Connell, Michelle Dockery, Scoot McNairy, Merritt Wever oder Thomas Brodie-Sangster, sie alle machen ihren Job fantastisch und glaubhaft. Nicht einmal Oberschurke Jeff Daniels, auf dem Papier zuvor wohl der größte Name, kann da hervorgehoben werden, auch wenn er wirklich furchteinflößend ist. Und dann gäbe es da z. B. noch Tantoo Cardinal, Adam David Thompson, Tess Frazer, Samantha Soule, Audrey Moore, Kim Coates, Samuel Marty oder die „Boardwalk Empire“-Veteran*innen Christiane Seidel und Erik LaRay Harvey. Die Liste ließe sich weiter fortführen; sie alle machen das großartig.
Tatsächlich macht es Frank einem mitunter aber auch sehr leicht seine Darsteller zu mögen. Für sehr viele von ihnen hat er nämlich sehr sympathische Charaktere geschrieben. Tatsächlich ist „Godless“, was das angeht, fast schon klassisch zu nennen. Zwar haben seine Figuren mitunter ihre Eigenarten, aber sie sind immer ganz klar in Gut und Böse einzuteilen. Einzig Daniels Frank Griffin gönnt er diesbezüglich eine Ambivalenz. Dies könnte man jetzt als rückschrittig bezeichnen – oder sich einfach mal daran erfreuen, dass man eine Identifikationsfigur hier ausnahmsweise mal nicht mit der Nadel im Heuhaufen suchen muss – man kann sich einfach eine aussuchen!
Gibt es bei so viel Lobhudelei an „Godless“ überhaupt noch etwas zu kritisieren? Nun ja, ganz leicht schon, aber das will ich euch dann auch nicht vorenthalten. So war einer der ersten Gedanken, die mir bei der Ansicht durch den Kopf schossen, derjenige, dass man stark merkt, dass die Mini-Serie zu einer Zeit erschienen ist, da Netflix der unangefochtene Streaming-Marktführer war und das Geld daher einfach locker gemacht und seinen Künstler*innen offensichtlich wirklich nur minimal reingeredet hat. Denn sind wir mal ganz ehrlich: Die Länge von „Godless“ ist schon beachtlich. Die sieben Episoden habe eine Lauflänge von 41 bis 80 Minuten, wobei der Großteil um die 70 Minuten dauert. Das ist sehr viel Zeit und obwohl Scott Frank auch fast genauso viel zu erzählen hat, gibt es doch den einen oder anderen Moment, an dem man sich denkt „Das wäre heutzutage rausgeschnitten/gestrichen worden.“. Versteht mich bitte nicht falsch, ich persönlich hätte maximal eine Szene rausgestrichen (eine Rückblende des Grubenunglücks am Ende einer Folge, die wirklich keinerlei Mehrwert hat), aber bei so viel Zeit, wie Frank sie sich fürs Zureiten der Pferde etc. nimmt, könnte ich mir vorstellen, dass es den einen oder anderen mit heutigen Sehgewohnheiten doch überraschen könnte.
Die einzige Sache an „Godless“ jedoch, die wirklich ein wenig übertrieben ist, ist leider ausgerechnet das große Finale. Zwar ist auch das definitiv ein Höhepunkt der Serie, aber es könnte ein noch viel größerer sein, wenn die Trefferquote der einzelnen Beteiligten nicht so offensichtlich kalkuliert wäre. (Spoiler) Während Protagonist Roy Goode (Jack O’Connell) und der aus unerfindlichen Gründen und entgegen jeglichen Realismus ohne seine Brille agierende, halbblinde Sheriff Bill McNue (Scoot McNairy) treffen, was sie wollen, werden sie selbst und selbstredend auch der Oberbösewicht Frank Griffin nicht einmal gestreift, obwohl sie mitten im Kugelhagel stehen… Dagegen werden einige der tapferen Mädels geradezu lächerlich einfach weggefetzt und des Eindrucks, dass da irgendwo irgendwelche Banditen nachwachsen müssen, kann man sich sowieso nicht erwehren. Genauso ist die letztendliche Zahl der überlebenden Damen am Schluss dann doch wieder gefühlt zu hoch. Vom Nachladen fange ich zwar lieber gar nicht erst an, weil ich nicht mitgezählt habe bzw. nicht mitzählen konnte, aber ich sag mal so, ich glaub nicht ganz dran. (Spoilerende) Wie gesagt ist Franks Geschichte eher eine comichafte Legende, aber das war mir dann doch eine Spur zu legendär.
Was gilt also in diesem Fall mal wieder? Wenn’s nur das Ende ist… Denn ja, das ist ein wenig drüber, aber ansonsten finden wir in Scott Franks „Godless“ eine großartige Western-Mini-Serie, die mir sogar noch ein Stück besser gefällt als „American Primeval“ neulich und die war schon richtig stark. Tolle Darsteller, tolle Drehbücher mit tollen Dialogen, eine tolle Dramaturgie sowie ein toller Director! „Godless“ hat es alles. Sein größtes Pfund sind aber wahrscheinlich doch die super sympathischen Charaktere, denen man gerne auch noch einmal so lange zugesehen hätte. Lasst euch von dem mittelprächtigen Trailer daher wie gesagt nicht abschrecken und gebt diesem Titel eine Chance! Belohnt werdet ihr mit einer der stärksten Mini-Serien von ganz Netflix, die seinerzeit zu Recht so häufig gelobt, nominiert und ausgezeichnet worden ist.
Zitate
Fehlanzeige
★★★★
