Der weiße Sohn der Sioux

The Savage

★★★ +++

  • Jahr: 1952
  • Regie: George Marshall
  • Darsteller: Charlton Heston, Susan Morrow, Peter Hansen, Milburn Stone, Joan Taylor, Richard Rober, Don Porter, Ted de Corsia...

Story

James Aherne Jr. (Charlton Heston) wird als einzig Überlebender eines Crow-Überfalls auf einen Siedler-Treck fortan von Sioux-Häuptling Gelber Adler (Ian MacDonald) als „Wolfssohn“ an Sohnes statt großgezogen. Als erwachsener Krieger sieht er sich in den sich zuspitzenden Indianerkriegen plötzlich mit der Entscheidung konfrontiert, auf wessen Seite er kämpfen will…

Worte zum Film

ordentliche Darsteller*innen, großartige Landschaften, überragende Bilder; nicht historisch korrekt, aber spannend; als Was-wäre-wenn-Geschichte interessant

Bewertung

George Marshalls „Der weiße Sohn der Sioux“ hat mich doch tatsächlich überrascht. Ich bin nämlich nicht der größte Fan von Charlton Heston –was im Übrigen nichts mit der super unsympathischen Privatperson Charlton Heston zu tun hat und ganz unabhängig davon ist, dass er trotzdem ein paar richtig gute Filme gedreht hat und selbst mitunter auch richtig gut war (etwa in Franklin J. Schaffners großartigem „Die Normannen kommen“ („The War Lord“), für den ich an dieser Stelle einmal eine dicke Empfehlung aussprechen möchte). Und auch wenn es natürlich so gar nicht fair ist, einen Streifen nur deswegen im Vorhinein in Zweifel zu ziehen, manchmal mache ich das… Im Fall von „The Savage“ kam jedoch noch erschwerend hinzu, dass man ob des deutschen Titels ja schon vor seiner Ansicht weiß, dass eben dieser Charlton Heston in ihm einen weißen Indianer verkörpern wird – nebst entsprechender, grauenvoller Perücke. Aus meiner Sicht keine allzu guten Aussichten.

Allerdings ist diese Perücke am Ende schon das Schlimmste an „Der weiße Sohn der Sioux“. Heston selbst, nun ja, ist in Ordnung. So nuanciert empfinde ich seinen Auftritt hier nicht, obwohl durchaus eine ganze Bandbreite an Emotionen von ihm eingefordert wird. Aber er war auch schon weitaus unglaubwürdiger unterwegs. Denn generell darf man froh sein, dass er hier nur den an Indianersohnes statt aufgenommenen James Aherne Jr. spielt, denn als „echter“ Ureinwohner wäre er mit seinen Anlagen ja nun wirklich nicht durchgegangen. Wobei das natürlich Wunschdenken meinerseits ist, denn diesbezüglich waren die Amis damals ja komplett schmerzfrei. Und so haben dieses Glaubwürdigkeitsproblem hier anstatt Heston etwa Ian MacDonald (der Hestons Filmziehvater Yellow Eagle spielt), Don Porter (als Running Dog) oder Ted de Corsia (als Iron Breast). Das ist in einer sehr frühen Beratungsszene schon sehr putzig mitanzusehen, weil man den „weißen Sohn der Sioux“ da überhaupt nicht erkennen kann vor lauter „weißen Indianern“…

Aber damit muss man bei einem Western dieses Baujahres natürlich leben. Das war damals einfach leider noch so. Dafür hat man es in eben jener Szene, in der verschiedene Sioux-Stämme zur Beratung zusammensitzen, immerhin in der Hinsicht realistisch gestaltet, dass man den Vorsitzenden dieser Zusammenkunft die einzelnen Beiträge jeweils noch einmal übersetzen lässt. Ob der Schwerpunkt dieser Geschichte, der auf der Frage liegt, ob es Wolfssohn (wie Hestons indianischer Name lautet) fertigbringen wird, gegen sein ehemaliges Volk zu kämpfen, richtig gesetzt ist, wage ich allerdings ganz stark zu bezweifeln. Schließlich waren und sind gerade solche umerzogenen Kinder oft die fanatischsten Kämpfer für ihre Sache.

Aber historische Korrektheit dürft ihr von „The Savage“ sowieso nicht erwarten. Sydney Boehms Drehbuch, das auf einem Roman von L.L. Foreman basiert, möchte die Indianer vordergründig zwar nicht mehr als komplett böse hinstellen, schiebt ihnen aber gekonnt weiterhin den schwarzen Peter zu. Hier sind es nämlich die amerikanischen Ureinwohner, die den Streit wieder neu anfangen wollen. Und sie sind es auch, die unschuldige Frauen und Kinder als Kollateralschäden in Kauf nehmen. Die Armee ist zwar auch kurz davor und hat vor allem auch böse Buben in ihren Reihen, die die Sache noch befeuern, aber noch mehr Männer mit dem Herz auf dem richtigen Fleck. Und der mit der vernünftigsten Ansicht von allen ist Milburn Stones Corporal Martin. Ein Kerl, den man einfach gern haben muss (und ich schreibe das ohne Ironie). Er stellt dann kurz vor Schluss auch nochmal die „richtige Sichtweise“ auf den ganzen Konflikt dar, wenn er sagt, dass die Indianer doch eigentlich nur ein Stück zusammenrücken müssten, dann sei Platz für alle. Alles klar! Und der Kinozuschauer durfte dann mit dem guten Gefühl nach Hause gehen, dass seine Vorfahren mit den Indianern doch gar nicht so schlecht umgegangen sind. So wollte man das damals nämlich noch gerne darstellen in Hollywood. Allein der schreckliche Originaltitel „The Savage“ macht doch deutlich, wie Hestons Charakter von den Verantwortlichen hier gesehen wurde: Ein Wilder, (Spoiler) der am Ende in den Schoß seines Volkes zurückkehrt. Vorher ist dieser als Doppelagent sozusagen der einzige „Indianer“ mit einem Gewissen und schlussendlich entscheidet er sich für die „richtige Sache“. (Spoilerende)

Trotz anders anmutendem Start ist „Der weiße Sohn der Sioux“ also eine weitere böse Hollywood-Heuchelei. Ich könnte daher auch jeden verstehen, der damit nicht klar käme und diesen Streifen alleine deswegen nicht mitansehen könnte. Geht mir ja auch oft genug so.

In diesem Falle allerdings will ich für „The Savage“ trotzdem eine Lanze brechen. Er ist nämlich ein wirklich cooler Vertreter – wenn man ihn als rein fiktiven Unterhaltungsfilm betrachtet! Denn richtig spannend hat Boehm das Ganze aufgezogen. Da wird man vom ordentlichen Beginn weg, der zumindest in der deutschen Fassung als reines Voice-Over angelegt ist, gleich in die Geschichte reingezogen und bis zum dramatisch völlig überspitzten Ende nicht mehr losgelassen. Und als rein hypothetisches Was-wäre-wenn-Szenario lasse ich mir das alles dann doch gefallen.

Zumal „Der weiße Sohn der Sioux“ handwerklich schlicht großartig umgesetzt wurde. George Marshalls Regie ist sehr geradlinig und routiniert, aber das größte Highlight an diesem Beitrag sind John F. Seitz‘ Außenaufnahmen. Die sind geradezu spektakulär geraten und geben ihm zur damaligen Zeit so eine Art Alleinstellungsmerkmal würde ich sagen. Tatsächlich hat man das Gefühl, dass diese einen Streifen wie „Der Scout“ inspiriert haben müssten. Hier wie dort hat man jedenfalls eine ähnlich unglaublich schöne Landschaft „besetzt“.

Was die Schauspieler*innen angeht, ist „The Savage“ zwar „nur“ gehobener Durchschnitt, aber das reichte mir vollkommen aus. Peter Hansen und Milburn Stone etwa muss man in ihren Rollen einfach mögen und Richard Rober gibt routiniert den nötigen Konterpart. Joan Taylor, die auf solche Indianermädchen-Rollen ja abonniert war, sowie Susan Morrow machen das auch ordentlich und zu den Schwierigkeiten der restlichen Darsteller kamen wir ja bereits.

So lässt sich festhalten, dass man die Story, die „Der weiße Sohn der Sioux“ einem hier auftischt, nicht mögen muss. Ist sie einem trotz scheinbarer Indianerfreundlichkeit zu heuchlerisch, wird man mit ihm wohl kaum seinen Frieden machen können. Kann man sie hingegen als Gedankenspiel oder einfach nur als Unterhaltung betrachten, bekommt man einen spannenden Genrevertreter geboten, der zwar keine glaubwürdigen Ureinwohner, dafür aber unfassbar tolle Landschaften sowie deren Aufnahmen auffahren kann, für die allein es sich schon lohnt, „The Savage“ eine Chance zu geben. Charlton Heston jedoch war an anderer Stelle schon wesentlich besser.

Zitate

„Kleine Menschen sind schnell dabei andere groß zu nennen, dann fühlen sie sich nicht mehr so klein.“(Pehagi (Angela Clarke) hat mal ein Semester Psychologie beim Medizinmann studiert)

„Ein Blick aus schönen Augen blendet einen Mann mehr als alle Strahlen der Sonne.“(Wolfssohn zitiert angeblich aus dem Poesie-Album seines Stammes)

„Seit dem Tage, an dem du deinen Vater begraben hast; seit dem Tage, da ich dich zum Sohn nahm, habe ich deinen Hass gegen die Crows verstanden. Ich habe ihn verstanden und ich habe ihn geteilt. Mit meinem Herzen und mit meiner Lanze. Jetzt bitte ich dich um Verständnis. Jetzt bitte ich dich meinen Hass zu teilen gegen die Mörder meiner Tochter.“(Gelber Adler weiß „sharing is caring“…)

„So’n Krieg ist eine verrückte Sache. Erst brennt man alles nieder und nachher muss man alles wieder aufbauen, was verbrannt ist.“(Corporal Martin (Milburn Stone) denkt weiter)

[am Ende verfolgen die Sioux ihren Nicht-mehr-Bruder Wolfssohn nicht weiter und ziehen sich zurück] „Nu sag mir bloß noch die Sioux rennen weg.“ – „Nein, sie rennen nicht weg. Sie rücken nur etwas zusammen, damit wir alle Platz haben.“(Wolfssohn klärt Corporal Martin darüber auf, dass sein Ex-Volk kuschelbedürftiger ist als gedacht)

★★★ +++

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