Un Genio, Due Compari, Un Pollo
★★★ +++
- Jahr: 1975
- Regie: Damiano Damiani
- Darsteller: Terence Hill, Robert Charlebois, Miou-Miou, Patrick McGoohan, Piero Vida, Raimund Harmstorf, Klaus Kinski...
Story
Kurzfassung (offenes Ende)
Der fiese Major Cabot (Patrick McGoohan) nimmt den Indianern erst ihr Land weg und enthält ihnen dann auch noch Regierungsgelder in Höhe von 300.000 Dollar vor. Nobody (im Original Joe Thanks (Terence Hill)) hat jedoch bereits einen Plan, wie ihm beides wieder abzuluchsen wäre. Dafür braucht er jedoch die Hilfe des gar nicht so gut auf ihn zu sprechenden Lokomotive Bills (Robert Charlebois) sowie von dessen Freundin Lucy (Miou-Miou)…
Kurzfassung (komplett)
Nobody (im Original Joe Thanks (Terence Hill)), Lokomotive Bill (Robert Charlebois), dessen Freundin Lucy (Miou-Miou) und Jelly Roll (im Original Jacky Roll (Piero Vida)) jagen dem fiesen Major Cabot (Patrick McGoohan) ein großes Stück Land und 300.000 Dollar ab, welches er den Indianer gestohlen bzw. welche er den Indianern vorenthalten hatte, und geben sie ihren rechtmäßigen Eigentümern zurück.
Worte zum Film
gute Darsteller, sehr gute Musik und geniale Rainer-Brandt-Synchro; schwache und unnötig verschachtelte Story mit immerhin netter Aussage
Bewertung
Natürlich stimmt es: „Nobody ist der Größte“ in den Rang eines Klassikers seines (Sub)Genres zu erheben, wäre ein wenig vermessen, da er die Erwartungen so einiger Anhänger kolossal unterläuft, die in seinem Quasi-Vorgänger „Mein Name ist Nobody“ einen solchen sehen. Und vielleicht ist er sogar der schwächste aller Western mit Leone-Beteiligung, aber: Er ist durchaus guckbar. Man muss ihn nicht gleich verdammen, nur weil er so überhaupt nicht dem entspricht, was man sich erwartet hat. Genau das passiert seit seinem Erscheinen jedoch immer wieder. Zwar gibt es – gerade in Deutschland – auch genug Gegenstimmen, aber in Form der Dokumentation „Nobody Is Half As Good As You“ hat es eine solche Meinung auch sehr prominent auf die Paramount-DVD zu „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ geschafft. Nichts gegen deren Autoren Torsten Kaiser, den ich für seine Doku über „Il Mio Nome È Nessuno“ gerade erst noch so gelobt habe. Der war offensichtlich einfach nur ehrlich und das bewundere ich. Und auch nichts gegen Paramount, denen man zum Zulassen von so viel Meinungsstärke auf einem Medium, das man weiterhin verkaufen möchte, eher gratulieren muss (ein Schelm jedoch, der Böses dabei denkt, dass die Doku zu „Mein Name ist Nobody“ es auf dessen Blu-ray-Veröffentlichung geschafft hat, o. g. es aber nicht auf die BD zu „Nobody ist der Größte“). Aber ich muss es natürlich nicht genau so sehen – und biete euch hier daher eine Gegenargumentation, wenn ihr so wollt.
Interessant natürlich, dass die soeben angesprochene Erwartungshaltung sich eigentlich vorrangig in Deutschland entwickelt haben müsste, wo „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ nach dem großen Erfolg des „Vorgängers“ erneut zu einem „Nobody“ gemacht wurde. Das jedoch würde zu kurz greifen, denn erstens waren wir ja nicht die einzigen, die zu diesem Vermarktungsmittel gegriffen haben, und zweitens ist das in diesem Ausnahmefall ja wohl mal sowas von nachvollziehbar. Wahrscheinlich ist es sogar das erste und einzige Mal, dass ich für diese Umbenennung regelrecht dankbar bin. Denn Terence Hills Figur des Joe Thanks ist keine neue, sondern ganz eindeutig wieder die gleiche, die er schon in „Il Mio Nome È Nessuno“ gespielt hatte. Er hat die gleichen Klamotten an, er tritt genauso auf wie im Vorgänger, er ist genauso comichaft überzeichnet und hat folglich die gleichen Sprüche und Tricks drauf. Wundert einen ja auch nicht, schließlich entstammt auch dieses Script wieder der Feder von Ernesto Gastaldi (unter freundlicher Mithilfe von Fulvio Morsella und Regisseur Damiano Damiani). Daher habe ich auch zu keiner Zeit Probleme damit, in Hill hier wieder Nobody zu sehen – vielmehr damit, dass er in der deutschen Fassung in einigen (nachsynchronisierten?) Szenen trotzdem mit Joe angeredet wird…
So ähnlich die Hauptfigur ist, so unterschiedlich sind doch die Geschichten, die die beiden „Nobodys“ erzählen. Und zumindest in dieser Hinsicht haben die Kritiker dieses Streifens recht: Diejenige von „Nobody ist der Größte“ ist schon ziemlich schwach. Keine Ahnung, was Herrn Gastaldi da geritten hat, aber er verirrt sich hier des Öfteren in irgendwelche kleinen Nebengeschichten, die kaum erwähnenswert scheinen (wie zum Beispiel die Szene im Bordell mit dem Pfarrer), versucht den Zuschauer durch kleine Tricks zu verwirren (was ihm dann auch vollständig gelingt) und „überzeugt“ ansonsten dadurch, dass er seine Geschichte bis fast zur letzten Sekunde unnötig umständlich verstrickt. Zwar war das bei „Mein Name ist Nobody“ in Ansätzen auch schon enthalten, nur resultierte es da mutmaßlich daraus, dass Leone eigenhändig Szenen nachdrehte – falls nicht, hat Gastaldi da schon streckenweise versagt. Hier allerdings fehlt (und da gebe ich den Kritikern wie gesagt völlig recht) der rote Leitfaden. Und ja, natürlich geht es eigentlich die ganze Zeit darum, Major Cabot alias Patrick McGoohan Geld und Land abzuluchsen. Dieses Unterfangen bereitet Nobody aber so umständlich vor, dass man als Zuschauer kaum mitkommen und bis zur großen Auflösung am Ende auch nicht hintersteigen kann. Das ist ärgerlich, denn so wartet man Minute für Minute auf wenigstens einen Hinweis, in welche Richtung das hier laufen könnte, bekommt aber keinen und könnte sich daher bestimmt auch ganz prächtig langweilen, wäre da nicht…
Ja, wäre da nicht unser guter alter Rainer Brandt gewesen, der dem Film mit seiner Gassenhauer-Synchro dieses Mal gewaltig aus der Patsche hilft und ihm mehr als nur ein Plus bringt. Ja, zugegebenermaßen wird „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ fast nur durch diese großartige Synchronisation überhaupt erst in einem Stück guckbar – dann aber so richtig! Denn mit Sprüchen à la „Das glaubt doch nicht mal n eingetretener Briefkasten, dass das n echter Soldat sein soll.“ oder „Du stellst dich hierhin und passt auf, dass keiner die Straße klaut!“ wird selbst dieses eigentlich so schwache Werk zur Witz-Granate aufgewertet, bei der die Story in den Hintergrund rückt. Das funktioniert erneut so gut, weil es sich hierbei – wie bei „Il Mio Nome È Nessuno“ eben auch – um eine Komödie handelt, bei der man diesen „Trick“ anwenden kann, ohne dass es nervig oder das Ausgangsmaterial zu sehr verfälscht wird (mit dem Unterschied, dass dieser hier noch viel lustiger ist, als „Mein Name ist Nobody“ es schon war). Und so liefern Thomas Danneberg, Brandt selbst und vor allem Michael Chevalier mal wieder Höchstleistungen ab. Von den Witzen her ist „Nobody ist der Größte“ stellenweise so richtig auf Fünf-Sterne-Niveau. Das scheinen seine Kritiker gerne zu übersehen – oder sie schauen ihn halt in seiner Originalsprache oder auf Englisch, dann fehlt dieser Genuss selbstredend. Aber das hat man ja selbst in der Hand. Schade ist nur, dass einige ehemals geschnittene Sequenzen nachsynchronisiert wurden. Das hätte nun wirklich nicht sein gemusst; da hätten’s Untertitel auch getan. Aber das ist ja häufig so.
Sehr interessant finde ich aus heutiger Sicht (und damit meine ich mein Alter) auch die Tatsache, dass man „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ schon fast als grünen „Bio-Western“ verkaufen könnte, so sehr wie er sich für die Indianer und die Geier einsetzt. Ob man denen damit jeweils einen Gefallen getan hat, sei mal dahingestellt, aber es kann ja nie schlecht sein, auf solcherlei Missstände hinzuweisen.
Was „Nobody ist der Größte“ seinem Quasi-Vorgänger noch voraus hat, ist seine einheitliche Inszenierung. Man kann förmlich sehen, wie gut es ihm tut, dass Leone seinem „neuen“ Regisseur Damiani hier quasi freie Hand gelassen hat. Wo „Mein Name ist Nobody“ durch den Einsatz zweier Regisseur, die sich zwar im Stil, nicht aber im Wesen ähneln, ein wenig zusammengestückelt und aus mindestens zwei Teilen bestehend daherkam, ist sein „Nachfolger“ eine filmische Einheit. Ob man Damianis Stil mag, der auf der einen Seite noch opulenter, auf der anderen noch comichafter ausgefallen ist, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Ich persönlich finde, dass man ihm rein inszenatorisch – wie so oft – keinen Vorwurf machen kann.
Ebenso wie Ennio Morricone (natürlich), dessen Soundtrack erneut mindestens grenzgenial ist. Viele Themen erinnern zwar an frühere Arbeiten von ihm (nicht zuletzt und gewollt natürlich „Il Mio Nome È Nessuno“), aber es gab und gibt einfach niemanden der diese so gekonnt „neu aufzulegen“ vermochte und auch niemanden, der Beethovens „Für Elise“ so genial in den Kontext eines eigenen Werkes setzen konnte. Teilweise – so hatte ich das Gefühl – nimmt der Meister sich und seine früheren Werke sogar selbstironisch aufs Korn, was nur noch einmal seine Größe unterstreicht.
Auch an den Darstellern gibt es – entgegen so einiger anderer Kritiken – kaum etwas rumzumosern. Terence Hill zum Beispiel spielt wie erwähnt die gleiche Figur aus „Mein Name ist Nobody“ noch mal und erledigt das standesgemäß in der gleichen Güte wie dort. Über die Besetzung von Robert Charlebois kann man sich im ersten Moment sicherlich wundern, weil dieser im Gegensatz zu so einigen Country-Größen der Amerikaner dann ja doch eher nur für seine Musik bekannt ist, aber ich finde auch er rechtfertig seinen Einsatz allemal und liefert eine sympathische Vorstellung ab (während Michael Chevalier das Übrige zum Mögen seines Charakters dazutut). Trotzdem müssen sich die beiden ständig die Show von der noch spielfreudigeren Miou-Miou stehlen lassen, die wirklich eine äußerst hübsche Wüstenblume ist! Patrick McGoohan macht seine Sache ebenfalls ordentlich, während Piero Vida, Raimund Harmstorf oder auch Klaus Kinski als Sidekicks zu gefallen wissen. Von den ganzen anderen bekannten und halbbekannten Gesichtern, die sofort zusagten, als Leone sie für „seinen“ nächsten Film anfragte, natürlich ganz zu schweigen.
Trotzdem muss man festhalten, dass „Un Genio, Due Compari, Un Pollo“ auch mit seinen guten Darstellern, Damianis guter Regiearbeit und Morricones überragendem Score selbst von mir eine maximal durchschnittliche Kritik erhalten hätte (aber immerhin diese), wenn Rainer Brandt im Deutschen nicht die Synchronisation übernommen hätte. Schließlich ist und bleibt die unnötig verworrene Story das größte Hinkebein dieses Streifens. Insofern muss man ihm auch mit Brandts unfassbar witzigen Sprüchen ein, zwei Längen zugestehen (u. a. den finalen Showdown und interessanterweise auch die von den ganzen Nörglern trotzdem immer noch so hochgelobte Szene mit Kinski). Daher reicht es am Ende nicht ganz für die vier Sterne, aber die wären bei dieser Ausgangslage auch ein wenig viel gewesen. Erfreut euch dafür einfach an der fetten Sprengung gen Ende und macht euch unbedingt selbst ein Bild! Denn nach „Todesmelodie“ ist „Nobody ist der Größte“ wohl der am meisten unterschätzteste Film mit Beteiligung von Sergio Leone überhaupt.
Übrigens: Die eben erwähnte Sprengung zeigt ganz gut, dass Leone hier mit einigem Budget wuchern konnte. Für alles scheint das Geld jedoch nicht gereicht zu haben. So ist das „Fort“, über das Major Cabot herrscht, die nur ganz leicht umgebaute Hacienda, die etwa José Suárez als Cisco Delgado in „Django der Rächer“ sein Eigen nennt – und das sieht dann schon recht drollig aus!
Zitat
„Als die Spanier hier waren, haben sie jeden Sonntag zwölf Indianer getötet, um sie den zwölf heiligen Aposteln zu opfern. Was für einen Grund gibt es, dass wir das jetzt nicht genauso machen?“(ein Einsiedler gibt sich gegenüber Jelly Roll als Bewahrer der Traditionen)
„Hey, ich kenn dich doch!“ – „Mich?“ – „Ja, du musst der Dorftrottel sein. In jedem Dorf gibt es einen Vollidioten, der einen auf diese Weise begrüßt.“(Nobody führt Statistik)
[Nobody fordert Doc Foster (Klaus Kinski) zum Duell auf, woraufhin dieser angibt, dass er wegen wichtiger Termine wenig Zeit hätte] „Sich in deiner Situation noch was vorzunehmen, ist aber leichtsinnig.“(Nobody versucht sich gegenüber Doc Foster als Lifecoach)
„Hinein in den Vergnügen!“(stürzt sich Nobody)
„Vater, ich habe nur meine Pflicht getan, als frommer Sohn der Kiche.“ – „Als frommer Hurensohn, du Sau!“(Lokomotive gesteht Nobody dessen Frömmigkeit zu)
„Nen Weißen erkennst du […] nur an seinem weißen Arsch.“(Lokomotive hat in Rassenkunde gut aufgepasst)
„Welchen Dienstgrad hattest du?“ – „Deserteur.“(Lokomotive kann sich gegenüber Nobody genau erinnern)
„Wir sind keine gewöhnlichen Normalbürger, Major Cabot, wir sind Amerikaner!“(Lokomotive lernt seinen Text für den nächsten Parteitag der Republikaner)
„Das glaubt doch nicht mal n eingetretener Briefkasten, dass das n echter Soldat sein soll!“ – „Wenn man dir nen Offizier abnimmt, bin ich General!“(ein ebenfalls als Soldat verkleideter Kollege und der als Soldat verkleidete Lokomotive sprechen sich gegenseitig Mut zu)
[Lucy schmiert Major Cabot Honig um den Mund] „Dem Pigment meiner Tochter schließe ich mich an.“(Lokomotive hat eben doch Manieren)
[Nobody fragt Major Cabot, ob er nicht Geier vor den Sprengungen der Eisenbahnbauer schützen könne] „In der Stadt sagte man mir, sie würden Geier schützen.“ – „Ja, das tue ich auch. Ich füttere sie mit dem Fleisch von Spinnern, die in meinem Büro sitzen und mir die Zeit stehlen.“(Major Cabot hat seinen Greenpeace-Mitgliedsantrag noch nicht ausgefüllt)
„Sag mal, kennen wir uns nicht von früher?“ – „Bestimmt nicht, ich bin nämlich nie Affenwärter im Zoo gewesen.“(Nobody offeriert Sergeant Milton (Raimund Harmstorf) seine Referenzen)
[Nobody hat gerade die Kutsche überfallen und das vermeintliche Geld gestohlen; alle Soldaten sind hinterher, nur der Kutscher, Lucy und Lokomotive sind noch da] „Und was bitte darf ich jetzt tun?“ – „Du stellst dich hierhin und passt auf, dass keiner die Straße klaut!“(bei Lokomotive bleibt keiner arbeitslos)
★★★ +++
