Fahrt zur Hölle, ihr Halunken

Gli Specialisti

★★★★

  • Jahr: 1969
  • Regie: Sergio Corbucci
  • Darsteller: Johnny Hallyday, Françoise Fabian, Gastone Moschin, Mario Adorf, Sylvie Fennec, Gino Pernice...

Story

Kurzfassung (offenes Ende)

Weil man seinen Bruder lynchen ließ, beehrt Scharfschütze Brad (im Original Hud (Johnny Hallyday)) das Kaff Blackstone mit seiner Anwesenheit. Bevor er jedoch Rache nehmen kann, will er erst die Unschuld seines Bruders beweisen. Dafür muss er die Beute des Raubes finden, den man diesem in die Schuhe geschoben hat. Hinter dieser ist jedoch nicht nur er her…

Kurzfassung (komplett)

Pistolero Brad (im Original Hud (Johnny Hallyday)) kommt nach Blackstone, um sich an den Mördern seines Bruders zu rächen. Der wurde nämlich damals gelyncht, weil man annahm er hätte der Bank einen Haufen Geld gestohlen. Um seine Unschuld zu beweisen, sucht und findet Brad den vergrabenen Zaster und findet auf diesem Wege heraus, dass eigentlich die Erbin der Bank, Virginia Pollicut (Françoise Fabian), die braven Bürger bescheißen wollte. Weil die Scheine aber falsch sind, will Banditenboss El Diablo (Mario Adorf), der Brad quasi ganz offiziell beauftragt hatte, nun von ihr wissen, wo die echte Knete ist. Er lässt sie vergewaltigen, aber Brad geht dazwischen und legt alle seine Leute und Diablo selbst um. Er bekommt nun das Versteck heraus und verbrennt die Dollars, sehr zum Ärger der Bürger*innen. Und obwohl schon komplett angeschlagen, muss er die Stadt dann noch vor einer Horde wild gewordener Hippies retten. Sodann reitet er schwer verwundet davon und lässt Sheba (Sylvie Fennec), die Witwe seines Bruders, allein zurück.

Worte zum Film

toller Cast bis auf den schwachen Hauptdarsteller; großartiges Alpen-Panorama, spannende Inszenierung, gute Musik; überdurchschnittliche Story mit sogar so etwas wie Gesellschaftskritik; dreht am Ende leider eine Schleife zu viel

Bewertung

Das Backcover der 4K-Scheibe von filmjuwelen kündigt uns „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“ als „den ersten und einzigen Italo-Hippie-Western der Filmgeschichte“ an. Dass dies nur ein Marketinggag ist, dürfte dem geneigten Fan und mit Sicherheit auch den Verantwortlichen bei filmjuwelen selbst klar sein. Schließlich gibt es von dieser Sorte noch ein paar mehr Vertreter, „Blindman“, „Willkommen in der Hölle“ oder „Verdammt zu leben – verdammt zu sterben“ etwa. Allerdings ist „Gli Specialisti“ definitiv ein Hippie-Western – und hat als solcher gegenüber den anderen genannten einen Vorteil: Er stellt Sergio Corbuccis Version eines Hippie-Westerns dar. Und tatsächlich liefert dieser, der sich zu dieser Zeit gerade so ziemlich auf dem Zenit seines Schaffens befand, wieder ab.

Bei „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“ überzeugt Corbucci allerdings vor allem als Drehbuchautor. Dabei entwickelten er und sein Co-Writer Sabatino Ciuffini (den man nicht zwangsläufig kennen muss) hier ein Szenario, das nicht gerade als innovativ bezeichnet werden kann. Revolverheld kommt in ein verschnarchtes Städtchen, um erst die Unschuld des eigenen Bruders zu beweisen sowie sich dann an dessen Mördern zu rächen. Und doch ist diese Story das größte Plus dieses Films, weil sie auch mal ohne Action auskommt. Hier wird nicht einfach nur ständig geballert, hier wird auch mal das Köpfchen benutzt. Gerade Letzteres ist im Italowestern ja leider sehr selten der Fall.

Aber Protagonist Brad (Johnny Hallyday) ist einfach ein cleveres Kerlchen. Und er ist noch nicht mal der größte Sympathieträger hier. Das liegt zum einen zwar sicherlich an Hallydays schwacher Leistung (s. u.), zum anderen aber auch daran, dass Corbucci und Ciuffini für „Gli Specialisti“ noch viel coolere Charaktere ersannen. Allen voran Gastone Moschins Gutmenschen-Sheriff Gideon Ring. Klar ist der schlussendlich nur eine Abwandlung von Frank Wolffs Gesetzeshüter aus „Il Grande Silenzio“, aber wen juckt das schon, wenn’s so gut gemacht ist? Aber auch Françoise Fabians Virginia Pollicut oder Gino Pernices Cabot machen viel Spaß. Und wenn diese dann zusammenwirken dürfen entstehen so großartige, kleine Szenen wie die Badeszene, in der Fabian und Moschin hervorragend harmonieren. Tatsächlich gibt es in dieser dann doch sogar mal Brüste in einem Italowestern zu sehen, aber das nur am Rande. ;)

Nicht unterschlagen werden darf an dieser Stelle natürlich Mario Adorfs Bandenchef El Diablo. Der macht auch richtig viel Spaß und greift mit dem Biografen, den er ständig mit sich schleppt, auf eine Art ja schon fast Eastwoods „Unforgiven“ voraus. Klar, wo die Mexikaner da jetzt mitten in den Bergen hergekommen sein sollen, ist bei realistischer Betrachtungsweise niemandem glaubhaft zu vermitteln, aber so weit heben sich Corbucci und Ciuffini vom Rest dann doch nicht ab. Allerdings verkörpert El Diablo mit seinem einen Stummelarm, an dem eine Spore befestigt ist, sehr gut eine weitere Stärke dieses Scripts: die vielen Spezialitäten. Ich mein, deswegen heißt der Film ja auch so, oder? Und tatsächlich haben wir hier nicht nur Hippies, sondern auch ein Kettenhemd, Champagner, einen „Kopf-Kampf“, ein Loch in der Mauer oder brennendes Geld. Gerade Letzteres, das ein durchgedrehter Brad mit dem Revolver in der Hand verteidigt, ist ein ganz starkes Bild von Corbucci und ja geradezu Kapitalismus-Kritik. Chapeau!

Leider wollten Corbucci und Ciuffini am Ende dann etwas zu viel. (Spoiler) Anstatt nach eben beschriebener Szene Schluss zu machen, drehen sie dann noch eine überflüssige Runde, weil sie ja auch ihren Hippies noch eine Bedeutung geben müssen. Und die ist ebenso überflüssig wie nervig. Klar, auch das Bild der ganzen nackten, langsam vorwärts robbenden Einwohner der Kleinstadt ist eindrucksvoll, aber es hat – außer diesem optischen – keinen Mehrwert. Zumal die Sache dann ja auch höchst unbefriedigend aufgelöst wird. Sicherlich, auch dass ein Shootout mal ohne (geladene) Waffe gewonnen wird, ist eine Besonderheit, aber diese ist eben auch komplett schwachsinnig (gerade auch das ach so kugelsichere Kettenhemd). (Spoilerende) Damit machen die beiden ihren Streifen schlussendlich fast noch kaputt, aber ich persönlich kann da ob der Kürze dieser „Verlängerung“ noch gerade so drüber hinwegsehen.

Es ist ja nun auch nicht so, als hätte „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“ nicht noch weitere Highlights zu bieten. Schließlich darf hier trotz oben genannter Abwechslung ja noch genug zur Bleispritze gegriffen werden. Diese Action setzt Corbucci schick und schnörkellos in Szene. Gerade bei den Keilereien hat man mitunter sogar das Gefühl, es könne ne Choreo dahinter stecken. Zusätzlich nutzt er das Potential der Alpen wieder gnadenlos gut aus. Tatsächlich darf man in diesem Fall froh sein, dass die Italiener eine gute Idee immer mindestens zweimal verwendet haben. Denn „Gli Specialisti“ ist durch den großteils fehlenden Schnee optisch weit genug von „Leichen pflastern seinen Weg“ weg, um eigenständig zu sein und diese Kulissen sind einfach traumhaft schön! Passend dazu hat sich auch Komponist Angelo Francesco Lavagnino richtig ins Zeug gelegt und einen sehr hörbaren Score geschrieben (Morricone hatte wohl keine Zeit?).

Wie so oft bei Corbucci sind auch die Darsteller*innen fast durch die Bank weg gut. Wie gesagt fast… Denn einer kann mit dem Rest mal so gar nicht mithalten: Johnny Hallyday. Von seinem Gesicht kann man ja noch halten, was man will, aber er kann mit diesem einfach nichts anfangen. Ausdruckslos stakst er durch die Landschaft und kann den Film mal so gar nicht tragen. Der Versuch, über einen erneut französischen Hauptdarsteller die nächste Parallele zu „Il Grande Silenzio“ herzustellen, scheitert so krachend. Einen Vergleich mit Landsmann Jean-Louis Trintignant stellt man besser gar nicht erst an. Zu allem Überfluss sollte in der deutschen Fassung mal wieder Gert Günther Hoffmann aus seiner Rolle den Obercoolen machen. Daher reißt der Gute erneut einen saudummen Spruch nach dem anderen (Beispiel: „Träum schön, aber nicht von dir, sonst erschrickst du!“ (zum schlafenden Sheriff)). Da Corbucci hier aber gerade nicht auf Comedy aus ist (wie in den folgenden Jahren ja gerne mal), kann einen das ganz schön nerven…

Dafür überzeugen Françoise Fabian, Gino Pernice, Mario Adorf und vor allem Gastone Moschin umso mehr. Letzterer hat mir, wenn überhaupt, wohl nur in „Milano Kaliber 9“ so gut gefallen. Im Supporting Cast tummeln sich u. a. Sylvie Fennec, Remo De Angelis oder Lucio Rosato.

Tatsächlich muss man unter dem Strich natürlich zugeben, dass ein so schwacher Hauptdarsteller und die letzte, unnötige Schleife, die „Fahrt zur Hölle, ihr Halunken“ am Ende noch dreht, diesen eigentlich sehr starken Streifen doch noch ganz schön Punkte kosten. Jedoch wiegen die anderen, großartigen Darsteller*innen, Corbuccis gute Regie sowie die kurzweilige, nicht nur auf Krawall ausgelegte Geschichte das meiner Meinung nach doch noch auf. Zumal allein die herrlichen Landschaften um Cortina D’Ampezzo das Schauen schon rechtfertigen. Tatsächlich gehen die Meinungen über diesen Corbucci aber durchaus auseinander, sodass man in diesem Fall wohl sagen muss, dass man als Fan auch „Gli Specialisti“ einmal gesehen haben sollte – eben um sich selbst eine Meinung bilden zu können.

Zitate

„Mein Vater ist am nervösen Zeigefinger gestorben.“(Brad zählt die Familienanamnese auf)

„Überleg nicht so lange, ich werde immer älter!“(Brad war Altersvorsorge stets wichtig)

„Leute, die den Sheriff umhauen, können ihre ruhigen Tage aus dem Kalender streichen. In dieser Gegend bin ich immer noch Schützenkönig.“(der Sheriff hat sich ne Scheibe ans Haus genagelt)

„Leben Sie endlich ohne Gewalt!“ – „Was wäre das denn für’n Leben?“(Brad denkt nicht ans Umschulen)

„Schlaues Ding, was du da auf dem Hals hast.“(der örtliche Totengräber bewundert Brads Hardware)

★★★★

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