Arizona Colt
★★★
- Jahr: 1966
- Regie: Michele Lupo
- Darsteller: Giuliano Gemma, Fernando Sancho, Corinne Marchand, Nello Pazzafini, Roberto Camardiel, Rosalba Neri, Andrea Bosic...
Story
Kurzfassung (offenes Ende)
Nachdem der vielgesuchte Banditenführer Torrez Gordo Watch (Fernando Sancho) den Revolverhelden Arizona Colt (Giuliano Gemma) zusammen mit einer Handvoll anderer Raufbolde aus einem Gefängnis befreit hat, bietet er dem jungen Mann an, seiner Bande beizutreten. Dieser jedoch bittet sich Bedenkzeit aus und beginnt ein gefährliches Spiel mit der Bande zu spielen…
Kurzfassung (komplett)
Nachdem der vielgesuchte Banditenführer Torrez Gordo Watch (Fernando Sancho) den Revolverhelden Arizona Colt (Giuliano Gemma) zusammen mit einer Handvoll anderer Raufbolde aus einem Gefängnis befreit hat, bietet er dem jungen Mann an, seiner Bande beizutreten, was dieser nach einiger Bedenkzeit jedoch ablehnt. Trotzdem verfolgt er die Truppe ins nächste Wüstenkaff. Als der Unterboss Clay (Nello Pazzafini) die Tochter des dortigen Gastwirts, Dolores (Rosalba Neri), bei einem Schäferstündchen umbringt, bietet er den Bewohnern an, den Lump zur Strecke zu bringen – gegen ein Entgelt von 500 Dollar sowie Sex mit der zweiten Wirtstochter Jane (Corinne Marchand). Beim Versuch Clay zu killen, wird er allerdings von diesem überrascht, sodass ihm nur die Flucht nach vorne bleibt und er Watch vorgaukelt, dass sein Unterboss ihn hintergehen wolle, was dieser natürlich vehement dementiert. Zur Konfliktlösung lässt Watch die beiden gegeneinander antreten. Arizona gewinnt den Kampf, wird von Watch allerdings anschließend in beide Hände und Beine geschossen, da dieser mittlerweile begriffen hat, dass der Jüngling ihm noch einige Probleme bereiten könnte. So demontiert in der Wüste zurückgelassen hätte Arizona logischerweise auch langsam krepieren müssen, aber Whiskey (Roberto Camardiel), ein versoffenes Mitglied von Watchs Bande, klaut seinem Boss das ganze gestohlene Geld, türmt damit und schleppt Arizona wieder zurück in die Stadt, wo er darauf hofft, dass dieser ihn beschützen möge und ihm seine Sünden vergeben werden. In der Stadt wird Arizona von Jane gesund gepflegt, seine „Belohnung“ mit ihr löst er allerdings nicht ein, obwohl sich diese mittlerweile in ihn verguckt hat. Natürlich aber währt der Friede nur kurz, denn Watch will natürlich sein Geld zurückhaben und weiß auch, wo er es suchen muss. Beim finalen Angriff auf die Stadt weigert sich Arizona erst, selbige zu verteidigen, taucht dann allerdings doch aus dem Nebel auf und macht Watch und seiner Bande den Gar aus. Am Ende nimmt er das Geld, verschmäht wiederum Jane und reitet neuen Abenteuern entgegen.
Worte zum Film
unnötig lange und zähe „Story“; Selbstzweckhaftes und Selbstgefälligkeiten en masse; heftige Amoralitäten ohne tieferen Sinn; kaum ein/e Mitwirkende/r auf Normalniveau
Bewertung
„Arizona Colt“ geht bei mir in die Geschichtsbücher ein (also in mein persönliches, daher vielleicht eher ein Geschichtsbüchlein, aber was soll’s?). Warum? Weil es der erste Western war, den ich nach Beendigung meines Studiums geguckt habe, um endlich mal mit diesem Lexikon hier fortzufahren, das ich vorher bereits begonnen hatte. Während des Studiums war dieses Unterfangen eher schwierig, denn man muss da währenddessen ja eine ganze Menge, ähem, lernen (*hust*)… Und obwohl die Studentenzeit ja eine sehr geile ist, freute ich mich natürlich trotzdem ungemein auf meine erste Pferdeoper seit langem (nicht, dass ich nicht während des Studiums auch ab und zu einen Westen geschaut und teilweise auch bewertet hätte, ohne das wäre es ja gar nicht gegangen, aber der letzte war am Ende doch schon eine Weile her). Und zur Feier des Tages hab ich mir dann natürlich einen kleinen, ja, ich glaube man darf schon sagen Italowestern-Klassiker ausgesucht, denn man will ja gerade dann und gerade wenn man wieder neu anfängt ja auch was wirklich Gutes sehen. Und ganz ehrlich: Wenn man dann den Film anschmeißt, den Vorspann sieht, die Musik dazu erklingt und man die Namen der Beteiligten dieses Streifens liest, dann schwebt man schon auf Wolke sieben, ohne dass überhaupt etwas passiert wäre. Das erleichtert den Einstieg in den zweiten Western des von mir eigentlich sehr geschätzten Michele Lupos ungemein. Allerdings muss man nach vollständigem Genuss selbstredend auch realistisch bleiben und wenn ich das tue, verstehe ich den Klassikerstatus gerade dieses Films überhaupt nicht. Das war nicht der Wieder-Einstieg, wie ich ihn mir damals vorgestellt hatte…
Das liegt vor allem daran, dass „Arizona Colt“, wenn man es positiv ausdrücken möchte, ein wenig zu viel will. Allein an seiner vor allem für einen italienischen Genrefilm ungewöhnlichen Länge von knapp zwei Stunden kann man erahnen, dass man es hier mit einem ambitionierteren Vertreter zu tun hat. Schließlich sind die meisten Italos froh irgendwie auf 90 Minuten Laufzeit zu kommen. Spielzeiten von 95 bzw. 100 Minuten sind ja eher die Ausnahme. Und fast 120 dann natürlich erst recht. Nun ist man es gerade von Michele Lupos Spätwerk gewohnt, dass er sich gerne mal Zeit nimmt, was dort in der Regel dazu führt, dass sich seine Werke positiv von denen seiner Kolleg*innen abheben. Hier allerdings, trotz ein paar Peplen und sogar eines weiteren „Italowesterns“ noch immer am Anfang seiner Karriere stehend und dementsprechend wohl noch nicht mit dem nötigen Gespür oder der nötigen Erfahrung versehen, greift Lupo ein wenig zu weit nach oben, setzt zu viele Szenen um, die es nicht gebraucht hätte, zieht viele Sachen unnötig in die Länge und verliert so den Zuschauer irgendwann. Oder, um es negativ auszudrücken: „Arizona Colt“ ist einfach stinklangweilig!
Bereits seine Einleitung ist zu lang geraten. Nichts gegen ein wenig Rumgeballer direkt zu Beginn, aber wenn ich noch gar nicht weiß, worum es gehen soll, bitte nicht gleich minutenlang… (Völlig unabhängig davon, dass man sich ob des Gezeigten schon fragen könnte, warum für so ein kleines Gefängnis mitten im Nirgendwo soviel Personal abgestellt gewesen sein sollte, aber das nur als Randnotiz.) Wenn „Antagonist“ Torrez Gordo Watch (Fernando Sancho) dann den Grund für die Befreiungsaktion zum Besten gibt, fällt der genauso schwachsinnig aus wie erwartet. Und dann erst der Name seiner Bande! Weiß ja nicht, ob das nur im Deutschen so ist, aber wahrscheinlich war’s doch einfach mal wieder so: Lupo ist mit seinen Ausstattern auf der Suche nach einem Brandeisen (oder zumindest irgendetwas, was man als solches verkaufen konnte) durch die Katakomben der Filmrequisite in Rom gelaufen und man hat einfach nichts anderes gefunden, als eines mit einem S vorne dran (wahrscheinlich vom letzten Satans-Film übergeblieben oder was weiß ich). Aber da die Jungs ja nicht auf den Kopf gefallen waren, haben sie Watchs Gang einfach mal in die „Bande der blutigen Peitsche“ umgetauft und schon war aus dem S ne Peitsche geworden. Könnte man jetzt als elegant bezeichnen, könnte man aber genauso ein wenig Edgar-Wallace-mäßig lächerlich finden…
Viel schlimmer wiegt jedoch, dass in diesen ersten Minuten nicht nur nichts Überraschendes passiert ((Spoiler) wenn Gemma zum Beispiel seine Klamotten durchlöchern lässt, um dann im Pyjama vom Baum zu hopsen, sieht das zwar cool aus, ist aber nix, was wir nicht erwartet hätten (Spoilerende)), sondern die Geschichte bereits stagniert. Die Hinhalte-Taktik von Arizona Colt gegenüber Gordo Watch wird im weiteren Verlauf nicht weiter erläutert. Er macht das wahrscheinlich nur, weil er ein Arsch ist. Schließlich ist für ihn dabei keinerlei Gewinn drin und anders als Monco in „Für ein paar Dollar mehr“ versucht er ja gerade nicht, sich in die Bande einzuschleusen.
Bis hierhin würde ich mir das alles jedoch noch gefallen lassen. Wenn es im Folgenden in der Stadt dann endlich losginge! Tut es aber nicht… Stattdessen müssen wir uns minutenlang das Treiben im Saloon angucken. Zum Beispiel wie der Pfarrer des Ortes seinen Sohn vom Trinken abhält, was überhaupt nichts mit der Handlung zu tun hat und auch überhaupt nicht wieder aufgegriffen wird, nicht mal ansatzweise. Sehr lästig, genauso wie das Verhalten von Arizona Colt selbst. Der schleicht da durch den Saloon für nix. Zwischendurch pokert er, bescheißt dabei am meisten, macht das sogar öffentlich und mit Genuss und wieder kann zumindest ich nicht erraten, was für eine Genugtuung er daraus wohl ziehen mag. Wahrscheinlich ist er einfach ein Arschloch. Definitiv jedoch bringt das die Handlung ebenfalls nicht weiter. Diese Szenen sind reiner Selbstzweck und lassen überhaupt keinen Spannungsbogen aufkommen. Fast ein wenig Slow Cinema auf Italienisch, aber eben von der schlecht gemachten Sorte.
Und wenn dann endlich doch mal was passiert (und ich gehe jetzt nicht darauf ein, wie plump die Hinführung mit dem Mädchen ist, das „nicht Nein sagen“ kann), braucht dieser „Protagonist“ quasi wieder einen Tritt in den Arsch, bevor er sich dann endlich mal bequemt und seine „Hilfe“ respektive also seine Dienste anbietet. Sodann folgt ein moralischer Knackpunkt des Plots, auf den ich tatsächlich kurz eingehen will. Ich befürchte zwar, dass ich das wieder mal exklusiv so sehe, aber wenn der „Protagonist“ anstatt der 4.500 Dollar, die die Stadt nicht aufbringen kann, darauf besteht, dass die Wirtstochter sich für ihn prostituiert und er darüber mit ihrem Vater verhandelt, der natürlich auch noch Ja sagt, dann ist für mich definitiv eine Grenze überschritten. So viel „Held“ dürfte aus meiner Sicht im Antihelden noch stecken. Ansonsten ist er eben nicht mehr als ein Arschloch und dann hat sich dieser Streifen für mich komplett erledigt, weil es niemanden gibt, dem ich meine Sympathien schenken könnte. Daran ändert auch gar nichts, dass dieser Arizona Colt, wie es zu erwarten stand, nach erfolgreicher Mission dann gar nicht so genau zu wissen scheint, ob er diese „Belohnung“ denn überhaupt haben will. Der spielt halt mit allen nur rum. Dagegen verliebt sie sich natürlich ihn. Wie bescheuert ist das bitte? Bloß gut, dass ich den hier nicht mit meiner Freundin geguckt habe. Die hätte sich – vollkommen zu Recht! – königlich darüber aufgeregt.
Aber so ist „Arizona Colt“ eben. Komplett amoralisch, aber auf so ne ganz dumme, plumpe Art, deren Sinn zumindest mir ebenfalls verschlossen blieb. Eben auch amoralisch um seiner selbst willen. Dadurch verdient er sich seine FSK-18-Einstufung auch heute noch mit Recht und wem das tatsächlich schon für einen netten Italowestern-Abend ausreichen sollte, Bitteschön! Bei mir löst das hingegen nur rollende Augen und genervtes Auf-die-Uhr-Gucken aus.
Immerhin ein Gutes hat das Ganze dann doch: (Spoiler) Mit diesem langweiligen, zaudernden, unverständlichen Arschloch von Protagonisten hat man dann auch einfach kein Mitleid, wenn er von Gordo zusammengeschossen wird. Wie ärgerlich ist es da, dass es mit Roberto Camardiels Whiskey den nächsten, sehr nervigen Charakter gibt, der Arizona aus dieser Situation leider wieder herausboxt? Dadurch müssen wir dann auch noch mitansehen, wie Gemmas Figur erst ewig gesund gepflegt und dann von den Stadtbewohner – zu Recht – verjagt wird, bevor sie ihn dann wieder brauchen. (Spoilerende) Auch das ist so selbstgefällig… Also so sehr ich Ernesto Gastaldi, der hier zusammen mit Luciano Martino die Story ersann und mit Lupo höchstselbst am Drehbuch schrieb, teilweise auch bewundere, das war mal gar nichts. Dass es auch für ihn eine seiner ersten Arbeiten in diesem Genre darstellte, in dem er später noch so oft tätig werden sollte, kann bei dem Output, den er zuvor schon zustande gebracht hatte, nicht als Ausrede dienen.
Immerhin inszeniert Michele Lupo bis auf sein noch vollkommen fehlendes zeitliches Gespür bereits recht kompetent. Das Finale in der Sargschreinerei kann sich so z. B. durchaus sehen lassen. Guglielmo Mancoris Kameraarbeit geht auch in Ordnung und Francesco De Masis Musik ist sogar ziemlich gut. Tatsächlich mag ich sogar das Titellied richtig gern.
Bei den Darsteller*innen ist das dagegen wieder so eine Sache. Bis auf Fernando Sancho, der seinen sadistischen Banditenboss regelrecht genießt, spielt da kaum jemand auf Normalniveau. Giuliano Gemma etwa scheint ob seiner seltsamen Figur genauso verwirrt zu sein, wie diese den Zuschauer hinterlässt, denn er ist ausdruckslos, wie wir es aus seinen Italowestern von ihm kaum kennen. Da ist ja Nello Pazzafini als schmieriger Unterboss fast noch besser. Corinne Marchand hingegen ist eine, mit deren Spiel ich bisher sowieso noch nie wirklich etwas anfangen konnte (was daran liegen könnte, dass ich außer diesem hier nur noch den ebenfalls überschätzten „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“ mit ihr gesehen habe). Das sorgt im Zusammenhang mit dem seltsam ambivalenten Charakter, den sie hier darstellt, nicht dafür, dass man diesen besser verstehen könnte… Roberto Camardiel könnte man immerhin noch unterstellen, dass er komplett in seiner Rolle aufgeht – so super nervig, wie diese ist, kann zumindest ich das jedoch nicht genießen.
Am Ende steht so einer der tatsächlich härtesten Italowestern aller Zeiten. Mehr hat „Arizona Colt“ dann jedoch nicht zu bieten. Zwar retten ihn seine Musik sowie die Tatsache, dass er nicht zu schlampig, sondern eher zu ambitioniert in Szene gesetzt wurde (Stichwort: Slow Cinema), gerade so vor dem einen Minus, aber mehr hat Michele Lupos zweiter Genrebeitrag dann auch wirklich nicht zu bieten. Stattdessen ist er dümmlich, plump, mäandernd und vor allem sehr langweilig, wenn Lupo und Gastaldi sich in endlosen Selbstgefälligkeiten verlieren. Tatsächlich hat ihr Script mehr Lückenfüller als das Gebiss meiner Oma. Dass Giuliano Gemma, der wie die meisten Darsteller*innen hier nicht seinen Sahnetag erwischte, mit der Titelfigur auch noch einen der unsympathischsten Antihelden des gesamten Subgenres spielt, passt da leider ins Bild und rundet es ab. Da hätte ich mich damals nach der langen Pause, die ich westerntechnisch zuvor eingelegt hatte, auch gleich wieder abwenden mögen. Gut, dass ich’s nicht getan habe, denn quasi alle Beteiligten, gerade aber auch Signore Lupo, hatten da noch wesentlich bessere Beiträge auf Lager.
Zitate
„Ehe ich euch sage, warum ich euch aus’m Knast geholt habe, erzähle ich euch meine Geschichte: Mein Vater, der hatte eine fantastische, goldene Uhr. In die hatte ich mich richtiggehend verrannt. Da sagt mein Vater ,Wenn ich mal sterbe, bekommst du sie.‘ – Fünf Sekunden später, war sie mein!“(Torrez Gordo Watch hat auch Sterbehilfe im Programm)
[Watch prahlt damit, wie viel Geld sein Kopf wert sei] „Manchmal hab ich direkt Lust mir selber über die Gurgel zu pfeifen, bei so viel Geld.“(Torrez Gordo Watch glaubt an ein Leben nach dem Tod)
„Wer bei mir denkt, dem platzt der Kopf.“(Torrez Gordo Watch praktiziert den gleichen Einstellungstest wie Donald Trump)
[Clay schießt Arizona Löcher in dessen Hut] „Der war so gut wie neu. Ich hab ihn mir Weihnachten vor sechs Jahren gekauft. Wenn ich eins hasse, sind es Löcher in der Garderobe!“(Arizona Colt ist definitiv zu eitel)
„Die hat einen Sprachfehler: Die kann nicht Nein sagen.“(der Quacksalber des Ortes sucht noch ner der richtigen ICD-11-Diagnose)
„Helden fressen als Erste Blei!“(Torrez Gordo Watch bleibt bei seiner gewohnten Reihenfolge)
„Das weckt Tote auf und das tröstet die Lebenden.“(Whiskey überschätzt sein Lieblingsgesöff ein wenig)
„Das Denken bringt einem nichts ein als einen Brummschädel.“(Whiskey hatte Watchs Einstellungstest seinerzeit mit Bravour bestanden)
„Ich werd darüber nachdenken.“(Arizona Colts Lieblingsspruch im Film, den er Jane am Ende auch an den Kopf schmettert und abreitet)
★★★
