Brimstone

Brimstone

★★★★

  • Jahr: 2016
  • Regie: Martin Koolhoven
  • Darsteller: Dakota Fanning, Guy Pearce, Emilia Jones, Carice van Houten, Ivy George, Jack Hollington, William Houston, Paul Anderson, Kit Harington...

Story

Als der neue Reverend (Guy Pearce) die Kirche betritt, weiß Liz (Dakota Fanning) sofort: Dieser Mann ist böse! Tatsächlich ahnt sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Qualen ihr noch bevorstehen…

Worte zum Film

eiskalt, zappenduster und unglaublich niederschmetternd; die Hölle der Frau als Film; überragend gespielt, großartig in Szene gesetzt und handwerklich eine reine Wucht; inhaltlich bis an die Schmerzgrenze gehend und darüber hinaus

Bewertung

Klassischer Fall von wieder mal die falsche Entscheidung getroffen: Weil neulich Abend die Zeit für einen überlangen Vertreter wie „Brimstone“ nicht mehr ausreichte, habe ich stattdessen „Never Grow Old“ „vorgezogen“; der sollte ja so ähnlich sein. Ist er auch. Er ist mitunter sogar so ähnlich, dass man glatt von einem schwächeren Abklatsch reden könnte. Könnte, muss man ja nicht. Ist ja eh schon bewertet, das Ding. Sollte ich nach diesem aber nun das Gefühl gehabt haben, auf „Brimstone“ vorbereitet gewesen zu sein, lag ich meilenweit daneben!

Egal wie abgehärtet ihr seid: Wenn ihr nicht komplett empathielos seid, braucht ihr hierfür einen starken Magen. Denn „Brimstone“ ist kein Schlag in eben diesen, sondern eher ein mittelalterlicher Rammbock, der mit voller Wucht hineingetrieben wird. Tatsächlich – und das ist kein Scherz – tut er mir jetzt beim Schreiben noch weh und ich habe Tränen in den Augen. Tränen der Trauer und Tränen des Mitgefühls, vor allem aber Tränen der Fassungslosigkeit und der Besorgnis. Denn was Martin Koolhoven uns hier präsentiert, ist nicht einfach nur eine nicht leicht zu verdauende Geschichte. Es ist das, was Millionen Frauen auf dieser Welt milliardenfach erlebt haben und immer noch erleben. Das Martyrium der unaufgeklärten, vom Mann abhängigen Frau sozusagen. Was seine Protagonistin Liz (Dakota Fanning) hier durchmachen muss, spottet jedweder sonstigen Beschreibung und wird – außerhalb des Horror-Genres wohlgemerkt – nur noch von Streifen wie „The Painted Bird“ übertroffen. Im Gegensatz zu diesem gibt es hier jedoch Steigerungen (man beachte den Plural!) und es wird mit laufender Spielzeit immer heftiger. Einer Spielzeit von zweieinhalb Stunden wohlgemerkt… Und da ich mich durchaus als empathisch beschreiben würde, war das Ansehen, nein eher das Durchleben dieser Tour de Force mitunter fast schon unerträglich für mich. Koolhovens Werk ist nicht düster, sondern zappenduster, nicht kühl, sondern eiskalt und nicht einfach nur niederschmetternd, sondern zusätzlich mit einem 2.000-Kilo-Amboss auf den Boden gedrückt haltend…

Im Gegensatz zu „Never Grow Old“ zum Beispiel begeht Koolhoven, der auch das Drehbuch schrieb, nicht den Fehler zu plakativ vorzugehen, sodass man sich nicht mit dem Ausrede-Gefühl in seinen Fernsehsessel zurücklehnen kann, dass das alles ja nicht realistisch wäre. Und dabei geht’s jetzt nicht darum, ob das alles in dieser Art im Wilden Westen stattgefunden haben könnte oder nicht. Könnte es vielleicht, hat es dergestalt sicherlich (und hoffentlich!) nicht. Vielmehr könnte diese Geschichte auch im Europa dieser Tage spielen – oder irgendwo sonst heutzutage auf dieser Welt. So universell wie leider auch „zeitlos“ ist sie. Klar ist auch Koolhoven mitunter (wie etwa im Finale) ein bisschen drüber, aber das ändert an der Wirkung gar nichts.

Wenn ich neulich also schon „Never Grow Old“ für einen Horror-Western gehalten habe, was ist dann das hier? DAS ist ein Horror-Western und was für einer! Im Vergleich zu ähnlich gelagerten Filmen wie „The Painted Bird“ oder auch „EO“ (!) bewahrt Koolhoven uns jedoch nicht davor, seinen Streifen immer auch mit „normalen“, empathiefähigen Menschen (und sogar Männern!) zu bevölkern, was es einem erneut einfach macht sich vorzustellen, dass das alles – wenn hoffentlich nicht (immer) in dieser Heftigkeit und Konstanz – Frauen passiert ist und weiterhin passiert. Im Gegensatz zu diesen will er ja aber auch nicht zeigen, dass die gesamte Menschheit schlecht und verdammt ist, sondern maximal eine Hälfte davon. Er braucht einem diese Aussage dabei auch nicht unter die Nase zu reiben, das versteht man auch so.

Und so muss man „Brimstone“ dann auch lesen. Als das Plädoyer, das er ist bzw. sein will. Ein Plädoyer gegen das Patriarchat und für die Selbstermächtigung der Frau. Deswegen kommt Liz hier auch nicht der berühmte Cowboy im weißen Hemd zur Hilfe. In Koolhovens Welt gibt es solche Männer nicht. Da müssen die Frauen sich selbst helfen. Deswegen erwidert Liz ihrem Schwiegervater am Ende auch, dass es ihr Kampf sei und deswegen sitzt sie kurz darauf mit dem Gewehr auf der Veranda und wartet auf den Gegner, diesen Teufel in Männergestalt, zum finalen Duell.

Nebenbei verteilt Koolhoven dann auch noch absolut schlüssige Seitenhiebe auf die Bigotterie und – wenn man es so lesen will – auch auf die Religion an sich. Sehr verwunderlich, dass er damit bei der religiösen Filmkritik nicht gut ankam, oder? Wobei man zugeben muss, dass er sich mit seiner heftigen und immer wiederkehrenden Gewaltdarstellung hier natürlich angreifbar macht. Seine Bilder von toten Schafen, aus denen das ebenso tote Lamm herausschaut, kleinen Mädchen mit Augenbinde, denen sich böse Männer nähern, ausgepeitschten Frauen und Kindern, getöteten Kindern und Männern, die an ihren eigenen Gedärmen aufgehängt werden, sind zwar beeindruckt, vielmehr aber noch im höchsten Grade verstörend. So verstörend, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen kann, ob ich in meinem Leben noch einmal die Kraft aufbringen kann, um „Brimstone“ ein zweites Mal zu gucken. Da verkrampft sich einem echt alles.

(Spoiler) Und weil wir es bei Koolhovens bisher einzigem Genrebeitrag (Stand: Januar 2026) mit einem Horrorfilm zu tun haben, der nur zufällig im Wilden Westen spielt, darf man obendrein natürlich keinesfalls auf ein Happy End hoffen. Dieses kann und wird man sich sicherlich für Liz‘ Tochter wünschen. Was sie selbst betrifft, mit der man dann zweieinhalb Stunden heftigst mitgelitten hat, kann man nur resignieren und aufpassen, dass es einen nicht zu sehr mitnimmt. Selbstverständlich bestimmt diese Frau das Wie und vor allem das Wann ihres Todes selbst, das ist dann aber auch das Letzte, was Koolhoven ihr zugesteht. Wenigstens darf sie kurz zuvor das Böse erledigen. Selbstredend dürft ihr diesbezüglich ebenso davon ausgehen, dass einem das, so schnell und relativ schmerzbefreit, wie es vor sich geht, keine Genugtuung verschaffen kann. Die im Namen des vierten Kapitels groß angekündigte „Retribution“ kann angesichts all der Pein und Schmerzen und des Leides, die dieses Monster von Mann vorher verbreitet hat, kaum eine solche genannt werden… (Spoilerende) Der Regisseur möchte eben, dass man leidet, dass man mitleidet und dass man daran genau wie die Protagonistin fast zerbrechen möge.

Dieser Ansatz setzt Menschen mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn (wie mir) natürlich extrem zu und man darf sich – wie bei ähnlich gelagerten Filmen auch – definitiv zu Recht die Frage stellen, ob das in dieser fast schon höchsten Ausgestaltung sein musste. Zwar ist es aus meiner Sicht komplett lächerlich, Koolhoven hier Ausbeutung und seinerseits Scheinheiligkeit zu unterstellen (seine Aussage ist wie erwähnt so einfach wie offensichtlich), ich für meinen Teil zumindest bezweifle aber, dass er damit irgendetwas bewirken kann. Diejenigen unter uns Männern, die auf Taten, wie die im Film dargestellten, nicht im Traum kommen würden, werden sich im Zweifel schockiert abwenden und diejenigen, in denen solche Gräuel evtl. schlummern, werden das Gesehene im schlimmsten Fall noch feiern. Das ist jedoch lange kein Problem, dass „Brimstone“ exklusiv hätte und wie gesagt, am Ende des Tages ist er ein Horrorfilm und da sind ja schon ganz andere Geschichten abgelaufen. Ich jedenfalls bin der Meinung, dass es, solange es Fälle wie den von Gisèle Pelicot gibt, trotzdem wichtig ist, auf dieses Problem beständig hinzuweisen und dass dazu im Zweifel auch die extremsten Mittel Recht sind. Denn so schockiert und niedergeschmettert ich während der Ansicht von „Brimstone“ auch beständig war, so mitgenommen und beeindruckt war ich auf der anderen Seite auch.

Das liegt natürlich auch an der hervorragenden Handwerklichkeit von Koolhovens Werk. Der Regisseur und sein Kameramann Rogier Stoffers sorgen für ebenso schreckliche wie unvergessliche Bilder. Und dass ein Horrorfilm immer zu einem großen Teil von seiner Atmosphäre lebt, ist ja nun auch nichts Neues. Koolhovens Atmosphäre ist dabei – wie bereits herausgekommen sein dürfte – schrecklich bedrohlich und ausweglos pessimistisch, aber stets so packend, dass man nicht wegsehen kann. Komponist Tom Holkenborg unterstreicht und verstärkt dies mit seinen düsteren Klängen nur noch. Auch die wunderschönen Locations in Spanien, Ungarn, Österreich und sogar Deutschland machen ordentlich was her, weil Koolhoven und Stoffers sie hervorragend einzufangen wissen.

Was die Darsteller angeht, hat man ebenfalls alles richtig gemacht. Dakota Fanning macht als ebenso verstörte wie niemals aufgebende Hauptfigur einen Wahnsinns-Job. Wesentlich überraschender ist (bzw. war es seinerzeit) jedoch, dass ihre „jüngere Ausgabe“ Emilia Jones ihr da in kaum einer Hinsicht nachsteht. Auch die Kinderdarsteller Ivy George und Jack Hollington können Eindruck hinterlassen und mit Carice van Houten muss man einfach mitleiden. Kit Harington, zu der Zeit natürlich noch im besten „Game Of Thrones“-Look, hat ob seiner (überraschend) geringen Screentime dagegen kaum die Möglichkeit, Eindruck zu hinterlassen. Dies tun dafür – unter anderen sag ich jetzt mal stellvertretend – Paul Anderson, William Houston und – natürlich – Guy Pearce. Letzterer agiert mitunter zwar hart an der Grenze zur Karikatur, aber eben nie darüber hinaus. Würde man vor ihm keine Angst haben, würde „Brimstone“ nicht funktionieren. So aber ist es am Ende fast nicht zu ertragen, wenn sein Reverend zu Liz sagt „Ich werde dir so sehr weh tun, wie ich kann.“, denn dieser Mann meint das auch so… Und sogar n Mini-Auftritt von Dan van Husen im Almeria-Teil war noch drin, ohne dass das reingeschrieben wirken würde.

Eine ganz starke und vor allem ziemlich realistische Entbindungsszene direkt zu Beginn, ein Mädchen, das nach seiner Periode befragt wird, eine rausgeschnittene Zunge, an der man – realistischerweise – nicht gleich verblutet… „Brimstone“ ist anders als die anderen Western. Vor allem auch deswegen, weil er eigentlich ein klassischer Horrorfilm ist. Warum Martin Koolhoven den Wilden Westen als Schauplatz seines Anti-Patriarchats-Statements gewählt hat, weiß ich nicht, ich bin ihm jedoch zutiefst dankbar dafür. Denn so grausam, zermürbend, kalt, erdrückend, niederschmetternd und pessimistisch sein Streifen auch geworden ist, so wichtig ist er im Kern auch. Nicht, weil er toll aussieht oder weil er so eindringlich gespielt wird. Nein, wegen seiner Message, die Scheinheiligkeit und vor allem die Herrschaft des Mannes überdeutlich an den Pranger stellt. Ob er dabei nicht vielleicht ein wenig über das Ziel hinausschießt, darüber darf man streiten. Ob er damit überhaupt irgendetwas bewirken kann, weiß ich nicht. Eins steht jedoch fest: Wer es hiernach noch geil findet, für das „starke Geschlecht“ gehalten zu werden, dem ist nicht mehr zu helfen…

Zitate

„Es ist nur natürlich für einen jungen Mann ein Gewehr halten zu wollen.“(der Reverend zitiert aus der Bibel)

„Das ist die Arbeit, die wir hier tun, und wir ächzen und stöhnen, weil’s auf diese Art schneller vorbei ist.“(die erfahrene Hure Sally (Vera Vitali) arbeitet Joanna ein)

„Alles, was ich will, ist ein fairer Kampf.“ – „Was willst du dann hier?“(eine Hure erklärt einem Duellanten die Spielregeln)

„Nicht die Frau verfügt über ihren Leib, sondern der Mann.“(der Reverend hat die Bibel wohl schon wieder verkehrt herum gehalten)

„Ich bin wie Gott und Gott ist wie ich!“(der Reverend hätte mir spätestens jetzt die Lust auf die Reise in den Himmel verdorben)

„Die Menschen glauben es sind die Flammen, die die Hölle unerträglich machen. Das ist nicht so. Es ist die Abwesenheit von Liebe.“(der Reverend schwafelt selbst kokelnderweise noch vor sich hin)

★★★★

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