Lo Straniero Di Silenzio
★★★ ++
- Jahr: 1968
- Regie: Luigi Vanzi
- Darsteller: Tony Anthony, Lloyd Battista...
Story
Der Fremde (Tony Anthony) gerät im feudalen Japan in den Krieg zweier verfeindeter Familienbanden um eine kleine Schriftrolle…
Bewertung
Also ich lass ja bei den allermeisten „Western, die keine sind“, mit mir diskutieren… Aber nicht bei „Der Schrecken von Kung Fu“! Warum der seit Jahrzehnten und weiterhin als Italowestern geführt wird, ist mir ein absolutes Rätsel. Seine Handlung spielt für ganze fünf Minuten (!) am Klondike in Kanada, bevor der Fremde (erneut Tony Anthony) mit dem Schiff nach Japan übersetzt, wo sich der komplette Rest der angeblich 92 Minuten Laufzeit abspielt (angeblich deswegen, weil der Streifen laut IMDb als auch Wikipedia so lang sein soll, meine alte NEW-Scheibe mit der gruseligen VHS-Bildqualität aber nur 86 Minuten Film enthält, obwohl sie laut OFDb uncut sein soll…). Folglich ist Anthony der einzige Cowboyhut-Träger im gesamten Film und gäbe es mit Lloyd Battista nicht zufällig noch einen Amerikaner im Land der aufgehenden Sonne, wäre er auch der einzige Weiße. Der Rest sind schwerterschwingende Japaner. Und für solche Werke gibt es aus meiner Sicht eine eigene, viel näherliegende Genrebezeichnung: den Eastern.
„Lo Straniero Di Silenzio“ ist also kein Western mit Eastern-Elementen, wie es sie gerade im Italo-Bereich ja ein paar Mal gab, sondern wenn überhaupt ein Eastern mit Western-Elementen. Mag er auch der dritte Teil der „Stranger“-Trilogie sein, deren beide Vorgänger glasklare Pferdeopern waren, und seinen Wildwest-Protagonisten einfach nur um die Welt führen: Führt er ihn ins Japan des Jahres 1884, handelt es sich für mich um einen Eastern.
Natürlich könnte man nun anführen, dass das Drehbuch von Vincenzo Cerami und Giancarlo Ferrando, das selbstredend erneut nach einer Idee von Tony Anthony entstand (und zu dem laut IMDb auch Lloyd Battista noch Ergänzungen beigetragen haben soll), ganz klar dem Italowestern-Schema F folgt und sich hier insbesondere an „Für eine Handvoll Dollar“ orientiert. Bedenkt man jedoch, wo Leone seine Story für „Per Un Pugno Di Dollari“ seinerzeit entliehen hat, merkt man schnell, dass man sich damit selbst in eine Sackgasse manövrieren würde. Von daher gibt es hier keinen Diskussionsspielraum, zumal auch noch in japanischer Koproduktion in Japan gedreht wurde. Sieht ja sonst auch nicht gerade nach Japan aus da in Italien (was die Italiener normalerweise zwar nicht abgehalten hätte, aber egal). Und da ist ja auch nix Schlimmes dabei; ist sogar ne ziemlich coole Grundidee von Anthony und wirklich mal was anderes, aber dann bezeichnet das Ergebnis bitte nicht als Western.
Was an dieser Idee jedoch ein bisschen verwundert: Normalerweise hätte man gedacht, dass die oben genannten Eastern-Western (Obacht, = Western mit Eastern-Elementen!) eigentlich zuerst hätten entstehen müssen. Jedoch sind die Vertreter, die mir jetzt so spontan in den Sinn kommen („Der Mann mit der Kugelpeitsche“, „In meiner Wut wieg‘ ich vier Zentner“, „Stetson – Drei Halunken erster Klasse“), alle wesentlich später abgedreht worden. Selbst „Rivalen unter roter Sonne“ entstand erst 1971. Na ja, dann ging man offensichtlich zuerst nach Japan und drehte einen Eastern, bevor die Asiaten in den „richtigen“ Italowestern (Martial-Arts-)Hauptrollen bekleiden sollten. Hat ja fast was von Völkerverständigung.
A pro pos Verständigung (wenn wir dann doch nochmal inhaltlich werden wollen): Einen Großteil seines Reizes bezieht „Der Schrecken von Kung Fu“ aus der Tatsache, dass wir als Zuschauer, die wir in Japan genauso fremd sind wie der Stranger, auch genauso wenig verstehen wie er. Die Japaner sprechen alle japanisch, es gibt dazu keine Untertitel und die zwei Übersetzer, denen Anthonys Figur im Laufe der Handlung begegnet, sind längst nicht immer vor Ort, um helfen zu können. Das führt anfangs zu so einigen komischen Situationen – zum Ende hin, wenn sich der Plot italotypisch ein wenig unübersichtlich gestaltet, jedoch auch zu noch mehr Verwirrung.
Bis dahin ist „Lo Straniero Di Silenzio“ jedoch eine ziemlich spaßige Angelegenheit. Zwar bin ich weiterhin nicht der größte Fan von Luigi Vanzis Stil, jedoch halten sich auch hier die Szenen, in denen er den Moment verpasst, in Grenzen. Dafür wechselt die kleine Schriftrolle, um die es geht, aber auch einfach zu schnell seinen jeweiligen Besitzer ((Spoiler) im Gegensatz zu meiner Vermutung handelt es sich dabei übrigens nicht um einen MacGuffin, sondern wird ihre Bedeutung in einem schönen Schlussgag enthüllt (Spoilerende)). Und der Fremde, den Tony Anthony mittlerweile perfektioniert hatte, bleibt die drollige Person aus dem Vorgänger, die lange nicht immer die richtige Entscheidung trifft und daher lange nicht so über den Dingen schwebt wie gewöhnliche Italo-Antihelden.
Ganz die Qualität eines „Western Jack“ erreicht „Der Schrecken von Kung Fu“ dabei leider nicht, aber von der Langatmigkeit eines „Ein Dollar zwischen den Zähnen“ sind wir ebenso weit entfernt. Neben dem erneut kurzweiligen Script, das nur zum Ende hin etwas überfrachtet wird, um die Szenerie auflösen zu können, und einem erneut gut aufgelegten Tony Anthony überzeugt erneut Stelvio Cipriani mit seiner guten Musik. Zusätzlich ist der – für Italowesternfans – völlig fremdartige Drehort Japan definitiv einen Blick wert. Allein der ständige Regen… Vom Schmunzel-Faktor ob des Culture Clash ganz zu schweigen. Wenn man also damit leben kann, dass die ganze Zeit in einer Sprache rumgebrüllt wird, die man nicht versteht, wird man auch mit „Der Schrecken von Kung Fu“ eine gute Zeit haben; nur eben eine Eastern-Zeit.
Übrigens: In einer offensichtlich verschwindend geringen Nebenrolle soll auch Raf Baldassarre wieder mit von der Partie sein. Ohne den geht die Tür in einem Tony-Anthony-Italo schließlich nicht zu. Erkannt hab ich ihn aber nicht (vielleicht war er eine der drei Figuren, die der Fremde noch in Kanada ausschaltet – wie gesagt, die Bildqualität der NEW-DVD ist gruselig, obwohl der Film angeblich remastert sein soll…).
★★★ ++
